Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1869)
- Date
- 1869-11-30
- Page
- Seite 976 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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976 machte es mir, die verwunderungsvollen Blicke zu bemerken, wenn ich bisweilen jüdische Männer, daun und wann auch eine Frau bei ihrem Seeleuhirten traf; der schlanke Gymnasiast, der den germanischen Typus so stark ausgeprägt trug und das Haupt vor dem Rabbi entblößt hielt, war ihnen eine auffällige Erscheinung. Doch ich habe Ihnen nun genug von diesen Aeußerlichkeiten berichtet, und will nun zur Sache kommen. (Schluß folgt.) Vermischtes. Golssen den 18. November. Heute wurde hier ein seltenes Fest begangen. Der Kaufmann A. Saloschütz feierte, umgeben von seinen Familiengliedern und einigen in der hiesigen Nähe lebenden Glaubensgenossen, seine goldene Hochzeit. Nachdem in den Vormittagsstunden von vielen Seiten Gratulationen eingingen, und auch unser Herr Graf zu Solms, welcher an allen Ereignissen, die hier stattfinden, immer so gern Antheil nimmt, dem greisen und dabei noch recht rüstigen Jubelpaare seine Theilnahme mündlich und schriftlich bewiesen, wurde bald nach 1 Uhr Mittags das Jubelpaar nach dem zu einem Tempel eingerichteten Saale des Gafthofs zum goldenen Adler in der Weise geleitet, daß der Jubilar von dem hiesigen Bürgermeister Kohrbrück und dem Polizei-Verwalter Knaust, die Jubilarin aber von zwei Damen aus der Gesellschaft, geführt wurden. Hier angekommen, hielt der, zu diesem Behufe von Lübben eingetroffene Rabbinatsverweser Neumann eine ergreifende, der Festlichkeit entsprechende Rede, segnete dann das zum zweiten Male unter den Trauhimmel sich gestellte Paar feierlichst ein, und überreichte die von Ihrer Majestät der Königin Wittwe Elisabeth dem Jubelpaare allerguädigst zugedachte Bibel. In derselben Reihe, wie die Festgesellschaft aus dem Festlokale geleitet wurde, kehrte sie nach vollendeter Tempelfeier in das Festlokal zurück, wo mit tiefer Rührung und dem herzlichsten Danke aller derer gedacht wurde, welche zu der Verherrlichung des Festes so gnädigen und herzlichen Antheil bewiesen halten. -— Nachdem noch ein gemeinschaftliches Mahl in der heitersten Weise die Gesellschaft zusammen gehalten, zu welcher sich auch einige hiesige Bürger gesellt hatten, trennte sich dieselbe unter Wiederholung der herzlichsten Glückwünsche für das Jubelpaar. Wer ist irrsinniger? Die Berliner „Gerichtszeitung" erhält aus Neusalz eine Sensations-Nachricht, die ihr durch einen „hochachtbaren Mann, der jedes seiner Worte öffentlich zu vertreten sich verpflichtet", mitgetheilt wird. Die Mittheilung lautet: „Im Jahre 1861 wurde ein junger Kaufmann jüdischer Religion, Hermann Caro aus Neusalz, wegen religiösen Wahnsinns in das Irrenhaus zu Leubus gebracht und von dort nach viermonatlichem Aufenthalte als unheilbar entlassen. Bon seinem ihm zum Curator bestellten Stiefbruder wurde er 1868 dem Johanniter- Krankenhause in Neusalz zur Pflege übergeben. In dieser Anstalt wirken zwei Diaconissinnen, denen, laut Statut, ausdrücklich untersagt ist, an Andersgläubigen Bekehrungsversuche zu machen. Während der Zeit von 1862 bis 1868 war Caro von seinen Verwandten beschäftigt und beaufsichtigt, und erst dann jener Anstalt übergeben worden, als sich die Wahnsinns-Anfälle in bedenklicher Weise steigerten. Schon im Jahre 1861 hatte Caro dem katholischen Pfarrer Plüschke zu Neusalz den Wunsch ausgesprochen, Katholik zu werden; der Pfarrer aber hat ihm erwidert, er möge erst körperlich und geistig gesunden, dann lasse sich vielleicht darüber reden. Eine ähnliche Antwort hatte ihm, als er Protestant werden wollte, der Pastor Dächsel ertheilt. Dem Pastor primarius Fichtner aber schien es unbedenklich, die Seele des Irrsinnigen durch die Taufe dem Himmel zu gewinnen, denn er zeigte am 17. October d. I. der Gemeinde an, er werde am Nachmittage in der Kirche die Taufe eines Juden vollziehen. Als aber der Täufling zur festgesetzten Stunde nicht erschien, da er bettlägerig war, so begab sich der Pastor in Begleitung einiger Zeugen in die Wohnung ‘ des Erkrankten und vollzog dort die Taufhandlung. Die Verwandten des Caro wollten anfangs nicht an das Geschehene glauben, da sie schon im September — aus das bloße Gerücht der beabsichtigten Taufe hin — dem Pastor die Beweise von der Unzurechnungsfähigkeit des Caro übergeben hatten; bald aber ward ihnen kund, daß die That vollbracht sei. Der Täufling erkrankte übrigens gleich nach der Taufe (am 19.) so heftig, daß er am 21. v. M. nach Sorau in die Irrenanstalt gebracht werden mußte, woselbst er vom Director, Kreisphysicus Dr. Karut, für unheilbar erklärt wurde. Die Verwandten haben nunmehr Schritte gethau, um die Taufe für ungiltig zu erklären; der Stiefbruder des Caro hat aber an den Vorstand des Johanniter-Krankenhauses eine Beschwerde gerichtet, worin er behauptet, daß sich die Diaconissin, Schwester Marie Kunot (aus Berlin), der Proselytenmacherei schuldig gemacht habe. Er behauptet ferner, daß Pastor Fichtner dem Täuflinge gar keinen Religionsunterricht ertheilt, sondern ausdrücklich erklärt habe, der Religionsunterricht, welchen Schwester Marie ertheilt, genüge vollkommen. Wir bemerken zu dieser Geschichte, daß sich sämmtliche auf die Angelegenheit bezüglichen Belege in den Händen der Redaetion befinden." Bei Lesung dieses Berichtes wird sich jedem Denkenden die Frage aufdrängen: wer ist im Grunde mehrirren Sinnes, der Geistliche, der einen Irrsinnigen bekehrt und tauft, oder dieser selbst? Denn man bedenke, daß es eine allzu starke Profanation der kirchlichen Ceremonien ist, an einem Irrsinnigen, der gleich darauf als unheilbarer Kranker ins Irrenhaus geschafft werden mußte, vie Taufe zu vollziehen, als daß man jenem zutrauen könne, noch seines Verstandes ganz mächtig zu sein. Es könnte wahrlich die Frage der Zurechnungsfähigkeit auch auf jenen Geistlicher! angewandt werden. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.