Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1869)
- Date
- 1869-11-30
- Page
- Seite 974 (sequence 18)
- Language
- German
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974 verfallene Häuser standen. Es hieß, wie man dergleichen in allen älteren Städten findet, die Judengafse, obgleich in derselben fast gar keine Juden mehr wohnten, vielmehr arme Handwerker, Trödler und Proletarier. An der einen Seile befand sich eine lange, hohe Mauer, an deren einem Ende ein schmales Pförtchen war, das eben einer Person einen bequemen Durchgang gestattete. Das Pförtchen war immer geschlossen, und nur zu gewissen Tageszeiten sah mau eine Menge Menschen sich hinein- und hinausdrängen — kurze Zeit, die Leute hatten sich verlaufen und das Pförtchen sich hinter ihnen geschlossen. Sie können denken, daß gerade dieses dunkle und winklige Quartier etwas Anziehendes für uns hatte und wir nicht selten unseren Weg hindurch nahmen, obschon er der weitere war, besonders in der Jahreszeit, wo das Ende des Nachmittagsunterrichts bereits mit der Dämmerung zusammenfiel. Der Knabe liebt ja das Schauerliche, Dunkle, mag er es selbst, oder mögen Andere es fürchten. Da kam es denn, daß gerade bei unserem Vorübergehen, wenn es zufällig ein Freitag Abend war, das Pförtchen offen stand, und wir im Hintergründe ein hell erleuchtetes Gebäude erblickten, aus welchem uns bald ein sonderbarer, klagender oder heiterer, viel geschnörkelter Gesang oder ein wirres Getöse vieler Stimmen entgegentöute. Wir sahen, daß das Pförtchen in einen schmalen, langen, unbedeckten Gang führte, der links von einer Bretterwand begrenzt war, welche einen Garten umschloß, während der Gang auf ein ziemlich großes Gebäude stieß, das sich längs der Rückenwand des Gartens breit hinzog, und aus welchem das Licht und die Töne zu uns quollen. Nun, wir erfuhren es bald, daß es die Synagoge der jüdischen Gemeinde war, die, nicht zahlreich und wenig hervortretend, unbeachtet in der Stadt existirte. Meine Vaterstadt zeichnete sich immer durch den Frieden der verschiedenen Religionsparteien aus; ich gestehe, daß der kirchliche Sinn in ihr nicht sehr stark war. Selbst neu auftauchende Glaubensmeinungen riefen Streit und Zwiespalt nicht hervor; Jeder ging eben ruhig seines Weges. Judenhaß war daher nicht bei uns verbreitet; man achtete auf die Individuen, die sich auch von ihren Mitbürgern wenig unterschieden, nicht, und von Beschimpfungen und pöbelhaften Auftritten gegen Juden kam nichts vor. Vielleicht gerade darum umgab aber die Juden, ihre uns unbekannten Gebräuche, ihren Cultus, ihre Religion etwas Mysteriöses für uns, ein stilles Geheimniß, dessen Oberfläche wir mit offenen Augen anblickten, ohne etwas davon zu wissen und zu verstehen. Nachdem wir, ich spreche von einem halb Dutzend Kameraden, einige Male an dem offenen Pförtchen gestanden und das Lichtmeer geschaut, das in die winterliche Nacht hinausstrahlte und die sonderbaren Klänge gehört, wagten wir es allmälig, in den Gang hineinzuschreiten und bis zu der weiten Pforte des Gebäudes selbst hinzudringen. Dasselbe bestand aus einem unteren niedrigen und einem obern hohen Stockwerke, das erstere lag dunkel und schweigsam, während die Versammlung oben in dem erleuchteten Raume sich befand. Eine breite Treppe, welche eine Lampe erhellte, führte hinauf. Einige Male waren wir bis dahin gekommen und hatten auf dem Gange und der Treppe Niemanden bemerkt. Jetzt faßten ich und zwei Mitschüler den Muth, auch in die Höhe zu steigen. Unsere Mappen auf dem Rücken und die Mützen in der Hand schritten wir leise die Stufen hinauf, öffneten droben noch leiser die Thüre und glitten allmälig hinein. Nun, ich will Sie nicht mit einer Beschreibung dessen, was wir dort sahen und hörten, behelligen; es sind ja keine Geheimnisse, und wer Lust hat, kann es in jedem jüdischen Gotteshause beobachten; obgleich ich gestehen muß, daß mir auch dort zwischen dem Damals und dem Jetzt manche Veränderung vor sich gegangen zu sein scheint. Ich will nur sagen,, daß uns durchaus nichts zu leide geschah. Einer, dem wir zunächst kamen, ersuchte uns freundlich, unsere Mützen aufzusetzen, da dies in diesem Raume Gesetz wäre. Allein Alles erschien uns doch sehr fremdartig, so mo.rgenländisch und geheimnißvoll, daß wir mit großem Respekte abzogen und namentlich ich einen tiefen Eindruck davontrug. Bei späteren Beobachtungen sah ich öfter einen ältlichen Mann zu der gedachten Pforte ein- oder ausgehen. Der Mann machte keinen imponirenden Eindruck, flößte aber Vertrauen und Achtung ein. Er war unter Mittelgröße, von einiger Corpulenz; 'man sah ihm weder den Ascetiker noch den Fanatiker an; aber eine, auf Consequenz und Sicherheit beruhende Friedlichkeit und Festigkeit war über seine Erscheinung ausgebreitet. In diesen braunen Augen loderte kein Feuer und blitzte kein stechender Blick, sondern Klarheit und leidenschaftslose Ruhe strahlten daraus hervor; dieses runde, volle, etwas bleiche, von einem weißen Barte umrahmte Gesicht zeigte einen schwermüthigen Zug, der bewies, daß durch das Leben dieses Mannes Entsagung und das Bewußtsein einer getrübten Stellung und gedrückter Verhältnisse hindurchgegangen. Ich erfuhr bald, daß es der Rabbiner der dortigen Gemeinde war, dessen Wohnung die unteren Räume jenes Hintergebäudes einnahm. Als ich im Gymnasium wie im Alter vorrückte, nahm ich am Unterrichte im Hebräischen Theil. Es war nicht meine Absicht, etwa Theologie zu studiren oder mich speziell der Sprachwissenschaft zu widmen; es bewog mich hierzu vielmehr ein Zug zum Geheimnißvollen, Mysteriösen, der sich in meinen Jünglingsjahren geltend zu machen begonnen. In jener Zeit galt im Allgemeinen das Hebräische mit seinen stammverwandten Dialekten noch ziemlich für die äußerste Grenze der Linguistik nach Osten und ins Alterthum hinein. Zu der gebildeten Welt war die Kunde vom Sanskrit und der Zendavesta noch wenig gedrungen, und daß bereits die Grundlage zu dem stolzen Bau der allgemeinen Sprachwissenschaft gelegt sei, wußten nur die Eingeweihten. Aber der Unterricht auf unserem Gymnasium im Hebräischen befriedigte mich nicht lange. Die hebräische Grnmmatik war und ist bis jetzt noch allzusehr auf den Leisten der klassischen Schulgrammatik geschlagen, und gerade dadurch wurde sie mir nur um so räthselhafter. Eine Menge Fragen drängten sich mir auf, die zumeist daraus entstanden, daß man die gangbaren technischen Ausdrücke und Formeln auf das Hebräische anwandte. Was soll