Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1869)
- Date
- 1869-11-30
- Page
- Seite 973 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Allgemeine Zeitung des Zudcnthums. Feuilletou-Leilage zu tlr. 48. Leipzig, den 3V. November 1869. Dunkle Seiten. In einer Gesellschaft war über die sogenannten Nachtseiten der menschlichen Seele vielfach gesprochen worden, d. h. über Aberglauben, Träume, Gespensterfurcht, Zauberei u. dgl. Man rühmte es unsrer Zeit nach, daß sie davon ein Guttheil beseitigt habe, durch die Erziehung immer mehr und aus immer weiteren Kreisen verdränge, und daß auch hierin die Ueberlieferung das Meiste thue: wenn den Kindern nichts dergleichen mitgetheilt werde, so sei es vergessen und für die folgenden Geschlechter gar nicht mehr da. Von andrer Seite wurde dies bezweifelt, und gemeint, daß in dem Menschengeiste ein so natürlicher Hang zum Übernatürlichen vorhanden sei, daß er, wenn auch in verschiedener Gestalt, doch immer von Neuem schaffe, was eine vernünftige Aufklärung zerstört zu haben glaube, und wenn auch der krasse Aberglaube sich nur noch in die Kreise des unteren Volkes flüchte, der feinere immer wieder erstehe. Die Phantasie des Menschen sorge hierfür, und da uns für alle Ewigkeit so vieles Unerklärbare umgebe , so vieles, und zumeist in unserem eigenen Innern geheimnißvoll bleibe, so läge der Stoff dazu stets bereit. Man machte aufmerksam, daß grade Männer von großem und starkem Geiste Züge von Aberglauben verrathen haben, und daß z. B. Göthe in seinem Alter oft von Dämonen und Dämonischem, wie es im Leben des Menschen walte, gesprochen, gerade wie Sokrates seinen „Dämon" öfter citirte, und Napoleon an seinen „Stern" glaubte. Göthens Aeußerungen bezeugen, daß es keine bloße Redefloskel bei ihm war, sondern er einen ganz concreten Begriff davon in sich getragen habe. Ein bekannter Schriftsteller war in der Gesellschaft, und ließ sich des Weiteren über den Gegenstand unseres Gespräches aus. Er meinte, über das Alter wolle er nichts sagen. In ihm wachten die Erinnerungen der Jugend, die Eindrücke der Kindheit mit besonderer Lebhaftigkeit wieder auf und paralysirten die Thätigkeit des Verstandes, welcher von alledem nichts wissen wolle. Aber er glaube, daß, wie es in her Jugend eine Zeit gebe, wo jeder irgend Begabte Gedichte mache, oder doch dem Fabriziren solcher sehr nahe komme, es auch im Leben des Menschen eine Periode gebe, wo er zu Träumen, Ahnungen, Visionen, kurzum all' dergleichen Seelenspuk geneigt ist, und es daher auch leicht kommen kann, daß er etwas sehe, was ihm zu anderer Zeit entgangen wäre, oder worüber er als Trugspiel der Phantasie gelacht hätte. Es bestehe, meinte er, eine Parallele zwischen der Geschichte der Menschheit und der Entwickelung jeder Menschenseele, und wie nun der Glaube an ein Uebernatürliches durch die Geschichte aller Volker gehe und alle Geschlechter der Menschen bis zu der neueren Zeit dergleichen gehegt, so geschehe es auch im Leben jedes einzelnen Menschen. Er hat sich davon loszuringen, und dies gelingt ihm auch bei entwickelterem Verstände und mit Hilfe der allgemeinen Strömung unserer Zeit. Aber er fürchte, Etwas bleibe dennoch in Jedem davon zurück, und den besten Beweis liefere das eben gepflogene Gespräch: es möge nur jeder Anwesende dabei in die Bewegungen seines eigenen Herzens hineinschauen. Wenn man ihn hören wollte, so möchte er ein kleines Begegniß ans seiner Jugend erzählen, obgleich er nicht verbürgen könne, daß es wirklich interessant genug sei, um die verehrte Gesellschaft damit zu beschäftigen. Selbstverständlich bat man ihn von allen Seiten darum. Wie gesagt, hob er an, auch ich hatte meine Zeit, wo mir Welt und Mensch in mannigfache Räthsel und Geheimnisse gekleidet schien und mein jugendlicher Geist sich nach der Enthüllung, nach einem tieferen Einblick, nach einer Gewißheit und Ueberzeugung darüber sehnte. Meine Eltern hatten dafür gesorgt und streng gewacht, daß ich als Kind auch nicht das Geringste von Gespenstergeschichten, Zaubermährchen u. dgl. erfuhr. Aber sie konnten doch nicht verhindern, daß dem Heranwachsenden Knaben eine Menge Bücher in die Hände kam, wo mehr oder weniger Mystik herrschte und Erzählungen von wunderbaren, ungelösten Ereignissen enthalten waren, besonders da meine Knabenzeit in die Periode der Romantik fiel, und Novalis, Brentano, de la Motte Fouqu6 u. s. w. hochgepriesene Schriftsteller waren. Selbst die Lectüre der Klassiker auf dem Gymnasium machte mich nicht frei davon, da eben auch sie von mancherlei Zügen, die dahin laufen, durchwebt find. Erklären sich doch selbst nüchterne Geister wie Aristoteles und Cicero für den bedeutungsvollen Inhalt von Träumen. Aus unserem Gymnasium führten zwei Auswege nach Hause, der eine ging auf die Hauptstraße meiner Vaterstadt, die breit und licht ununterbrochen von dem Verkehrsstrome erfüllt ist, der andere auf einen Knäuel enger und krummer Gassen. Hier mußten wir ein enges Gäßchen passiren, in welchem alterthümliche, vielfach sehr