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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-11-23 · Heft 47 (23.11.1869) · p. Seite 955

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 47 (23.11.1869)
Date
1869-11-23
Page
Seite 955 (sequence 19)
Language
German
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955 Cain. Ach der arme Knabe Weiß nicht, warum er weint! Und ich, der Blut Vergossen hat, ich habe keine Thränen! Doch wäscht der Ocean mein Herz nicht weiß. Glaubst du, mein Knabe könne mich noch lieben? Ad ah. Wenn ich's nicht glaubte, würd' ich — Cain. Keine Drohung! Wir haben deren schon genug gehört. Geh' zu den Kindern, und ich werde folgen. Ad ah. Hier bei dem Leichnam kann ich dich nicht lassen; Laß mit einander uns von hinnen gehn. Cain. Du todter, ew'ger Zeuge gegen mich, Deß Blut den Himmel und die Erde schwärzt! Was du jetzt bist, es ist mir unbekannt, Jedoch, wenn du erschautest, was ich bin, So würd'st du mir vergeben, dem sein Gott Niemals vergiebt, noch seine eigne Seele. Leb' wohl! Ich scheue mich, dich zu berühren, Ich, den derselben Mutter Leib geboren, Der ich an gleicher Brust mit dir gesogen, Der ich als Knabe oftmals dich geküßt Und froh umarmt — ich sehe dich nicht wieder, Und darf dir nicht den Liebesdienst erzeigen, Dich zu bestatten in dein frühes Grab, Das erste, das für Menschen wird gegraben! Wer aber grub dies Grab? O Erde! Erde! Für all' die Früchte, die du mir geschenkt, Geb' ich dir dies zurück! — Jetzt in die Wüste. lÄdah kniet nieder und küßt den Leichnam Abels.) Ad ah. Ein traurig und ein früh Geschick, mein Bruder, Hat dich ereilt. Von allen Trauernden Darf ich allein nicht trauern. Meine Pflicht Heißt Thränen trocknen, nicht sie zu vergießen. Doch trauert keiner aller Trauernden Wie ich — um dich und ach! um deinen Mörder. — Jetzt, Cain, laß mich deine Bürde theilen! Cain. Wir wollen ostwärts uns von Eden wenden; Die Wüste dort sagt mir am meisten zu. Ad ah. Geh du voran! Sei unser Gott der deine! Komm Cain, laß uns unsre Kinder holen! Cain. Und er, der hier liegt, er war kinderlos; Durch mich versiegt der Quell des edlen Stamms, Der seine Ehe bald vielleicht beglückt, Und mir das stolze Blut gemildert hätte, Wenn seine Kinder unfern sich vereint. O Abel! Adah. Friede sei mit ihm! Cain. Doch ich? (Sie gehen ab.) Vermischtes. Dr. L-mund Lewinger. Die „N. Fr. Pr." schreibt: Wien hat einen seiner strebsamsten jungen Männer verloren: der Hof- und Gerichts-Advokat Dr. Edmund Lewinger ist heute Morgens um 8 Uhr an den Blattern gestorben. Dr. Lewinger war im Jahre 1838 als der Sohn jüdischer Eltern geboren; er absolvirte die juridischen Studien in Wien und trat, bald nachdem er das Doctorat erworben hatte, als Vertheidiger in Strafsachen auf, in welcher Eigenschaft er in Kurzem die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken wußte; er zeichnete sich als solcher durch eine nicht gewöhnliche Gesetzeskenntniß, große Schlagfertigkeit und einen sehr warmen Eifer für seine Clienten aus. Als Mitglied mehrerer politischer Vereine, als Candidat für den Gemeinderath und Landtag, war er wiederholt in der Lage, seine Rednergabe erfolgreich zu bewähren; seitdem 1. Januar d. I. war er zum Hof- und Gerichts-Advokaten ernannt, auch wurde er während des laufenden Jahres in den Gemeinderath gewählt. Die letzte Vertheidigung, welche der so vielfach thätige junge Mann vor Gericht führte, war jene der vielgenannten unglücklichen Frau Keller; mit welch günstigem Ergebnisse, ist bekannt. Obgleich seine Zeit von ernsten Beschäftigungen so sehr in Anspruch genommen war, fand er doch noch immer Muße, auch in das gesellige Leben Wiens fördernd einzugreifen; so gehörte er seiner Zeit dem Comit6 des Künstlervereins „Hesperus" und noch bis heute dem Ausschüsse des Wiener Männergesang-Bereins an. Die Krankheit, welche den Mann inmitten seines Strebens hinraffte, währte nur acht Tage; am letzten Donnerstag fühlte sich Dr. Lewinger unwohl, ein heftiges Nasenbluten, das mehrere Stunden währte, zwang ihn, sich zu Bette zu legen; am Freitag schon diagnosticirten die Aerzte Blattern und Flecken. Bei den vielfachen Beziehungen, welche den Verstorbenen mit dem Wiener Leben verknüpften, wird sein Tod nicht verfehlen, in weiten Kreisen schmerzliche Theilnahme zu erregen, die denn auch das Schicksal eines Mannes gewiß verdient, der im Alter von 31 Jahren, in der Vollkraft des Wirkens und Strebens, inmitten einer Laufbahn, die eine glänzende Zukunft verhieß, mit Einem Schlage all seinen Hoffnungen entrissen wird. Wir glaubten den Verlust, den die Residenz durch diesen Todesfall erlitten, um so mehr betonen zu sollen, da sie leider an Männern dieses Alters, welche sich durch Talent und Fleiß auszeichnen, eben nicht sehr reich ist. Das Leichenbegängnis findet am Sonntag um 10 Uhr Vormittags vom Trauerhause, Naglergasse Nr. 29, aus statt; die Leiche wird auf dem israelitischen Friedhofe beerdigt.

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