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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-11-23 · Heft 47 (23.11.1869) · p. Seite 956

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 47 (23.11.1869)
Date
1869-11-23
Page
Seite 956 (sequence 20)
Language
German
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956 Wir lassen diesem Artikel Mnen^anderen folgen, der über das Leichenbegängniß des frühverewigten Lewinger folgendermaßen berichtet. „Sonntag Vormittag um 10 Uhr fand unter außerordentlicher Theilnahme des Publikums das Leichenbegängniß des Advokaten l>r. Edmund Lewinger auf dem israelitischen Friedhofe in Währing statt; eine lange Wagenreihe bewegte sich zu dem Friedhofe; der Zugang zum Trauerhause und in dieses selbst war lange vor Beginn der Feier von Menschen überfüllt. Zu Haupte» des Sarges standen Prediger Jellinek, Obercantor Sulzer mit den Cantoren, dann der Vater und die beiden Brüder des Verstorbenen. Die Feier begann mit einem von Sulzer ergreifend schön gesungenen Psalm; die Stimme des greisen Sängers tönte mit einem Wohllaute und Schmelz, wie wir sie in seinen jüngeren Tagen kaum rührender gehört; nachdem der Sänger und der Chor geendet, ergriff Prediger Jellinek das Wort und hielt die Leichenrede, welche im Wesentlichen besagte: Ganz Wien gerieth in Bewegung, als die schmerzliche Kunde sich verbreitete, der Tod habe den Advokaten tw. Lewinger aus unserer Mitte gerissen, in der Fülle seines Strebens und vielverheißender'"Jugend! Diese Bewegung, diese Theilnahme war eine naturgemäße, denn alle Welt wußte, I)r. Lewinger war ein eifriger Diener der Gerechtigkeit, des Rechtes; nicht blos insofern es den Buchstaben des Gesetzes bedeutet und seinen Beruf, für den er die umfassendsten Studien gemacht: er war ein Diener der Gerechtigkeit, welche vom Herzen verlangt wird, mit vollem Herzen, und weil er so vom Herzen ein Diener der Gerechtigkeit gewesen, so suchte er es auch mit allem Ungestüin der Jugend durchzusetzen und die Hindernisse, welche da entgegenstanden, zu beseitigen. Dies sei ihm namentlich bei dem Anlasse, als er in einer Angelegenheit, die zunächst nicht ihn und seine Glaubensgenossen betraf, in einer öffentlichen Versammlung das Wort ergriff (Aufhebung der Klöster», übel vermerkt worden, und zwar von vielen seiner Glaubensgenossen. „Nun", fährt der Prediger fort, „ich bin zwar gewiß nicht gewillt, diesfalls das Thun des Verstorbenen zu billigen, allein es ist dem Feuer der Jugend, der weder durch Erfahrungen, noch durch Enttäuschungen schlaff gewordenen Energie der Begeisterung Manches zu verzeihen; überdies bin ich dem Verstorbenen das Zeugniß schuldig, daß er den Rath der Erfahrung hörte und befolgte, wenn er ihm gegeben wurde." Als Beleg führt der Redner an, Lewinger sei auf seinen Rath seiner Zeit von der Candidatur für den Landtag im zweiten Bezirke zurückgetreten. Nach Mittheilung dieser Episode aus dem Leben Lewinger's betonte der Redner nochmals, "wie sehr der Verstorbene ein Streiter für Recht und Gerechtigkeit gewesen, wie uneigennützig er seinem Berufe gelebt, indem er nicht für die Spitzen der Gesellschaft gestritten, in deren Händen Macht und Auszeichnung ist, sondern die Niedern und Armen vertreten habe (Proceß Keller), auf daß ihnen kein Unrecht geschehe, auf daß ihnen ihr Recht werde. Deshalb sei er von Freund und Feind geachtet gewesen und deshalb sei eine so zahlreiche Versammlung von ausgezeichnetsten Männern der verschiedensten Lebensstellungen hier anwesend, um ihm die letzte Ehre zu geben. Nach der Rede wurde der Sarg gehoben, und der Trauerzug schritt aus dem Trauerhause zu dem Grabe, wo die Feier mit einem von dem Mannergesangvereine vorgetragenen Chor: „Wanderers Nachtlied" endete. Dem Leichenbegängnisse wohnten der Bürgermeister, die beiden Bürgermeister - Stellvertreter, viele Gemeinderäthe, Advokaten, Schriftsteller, Aerzte, Künstler, Clienten des Verstorbenen u. A. m. bei. Die meisten der Anwesenden entfernten sich erst aus dem Leichenhofe, nachdem sie eine Hand voll Erde auf den Sarg geworfen." (Wir können nicht beurtheilen, inwiefern sich der Verstorbene bei jener Volksversammlung über die Klvsterfrage zu weit gehend geäußert habe. Wenn gerade unter seinen Glaubensgenossen viele darüber ungehalten waren, konnte dies nur geschehen sein, weil man dadurch Unwillen bei den orthodoxen Katholiken gegen die Juden hervorgebracht zu sehen fürchtete. Bei dem Benehmen der Ultramontanen gegen die Juden, da sie jede Gelegenheit bei den Haaren herbeiziehen oder vom Zaune brechen, wie man sagt, um die Juden als Urheber alles dessen, was gegen den Ultramontanismus gesprochen wird oder geschieht, und alle Liberalen als Juden zu bezeichnen, ist diese Befürchtung wenig am Platze, und sehen wir nicht ab, warum ein Mann seine Ansicht über das veraltete und gemißbrauchte Klosterwesen nicht aussprechen solle, nur weil er ein Jude sei. Was jene den Juden Böses thun können, thun sie ihnen doch und haben sie ihnen während anderthalb Jahrtausenden gethan. Red. d. A. Z. d. I.) Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirfchsrld. Verantwortlicher Redakteur Di». H. Lohe.

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