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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-11-23 · Heft 47 (23.11.1869) · p. Seite 940

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 47 (23.11.1869)
Date
1869-11-23
Page
Seite 940 (sequence 4)
Language
German
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Der Settel. Wir erhielten vor Kurzem folgende Einsendung, die wohl geeignet ist, eine ausführliche Besprechung des Gegenstandes einzuleiten, die Abhülfe des Nebels mehrseitig zu berathen und die Gemeinden zu veranlassen, zu gemeinsamen Maßregeln sich zu verständigen. Buchau am Federsee. Die Unterzeichneten, im Vertrauen darauf, daß die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" gerne ihre Spalten öffnet, wo es sich daruin handelt, sowohl das Lobenswerthein jüdischen Kreisen hervorzuheben, als das Tadelnswerthe zu besprechen, erlauben sich auf eine Calamität hinzuweisen die zu einer wahrhaft kraffen Höhe gediehen ist, eine Calamität die durch eine falsch verstandene Wohlthätigkeit, zu einer wahrhaften Landplage geworden ist, wir meinen die massenhaft .wandernden Bettler jüdischen Glaubens, namentlich aus Polen, den an Polen angrenzenden Provinzen des preußischen Staates und aus Oesterreich. Wir sind nicht gemeint, unser Ohr den wirklich Bedürftigen und Arbeitsunfähigen gänzlich zu verschließen, und wissen wohl, daß nur ein Zusammengehen unserer Glaubensgenossen in ganz Nord-, Mittel- und Süddeutschland diesem Bettel- und Vagabondenwesen gründlich entgegenwirken kann, allein wir wollen doch wenigstens unsere Stimme erheben gegen solche jüngere jüdische Bettler, welche ganz wohl ihr Brot durch Arbeit zu erschwingen vermöchten, die es aber vorziehen in förmlich geschäftsmäßiger Weise die jüdischen Gemeinden zu brandschatzen, und die kaum mehr ein Wort des Dankes für eine Gabe haben. Es ist eine förmliche Schande gegenüber unseren christlichen Mitbürgern, wie wir dem Bettel und der Landstreicherei förmlich unter die Arme greifen, und bitten wir die verehrliche Redactiou unsere Erklärung an hervorragender Stelle ihres Blattes erscheinen zu lassen, daß wir von nun an jüngern arbeitsfähigen Bettlern keine Unterstützung mehr reichen werden. Es wird wohl Nachahmung finden. Eine verehrliche Revaction wird sich ein besonderes Verdienst erwerben, wenn sie in ihrem geschätzten Blatte dieses Bettelunwesen näher besprechen und Vorschläge zu einer durchgreifenden Abhülfe zu machen im Stande wäre. Martin Mayer. Jacob Bernheim. Hermann Mor. Carl Neuburger. David Neuburger. A. S. Dreifuß Lehmann Dreifuß im Namen Vieler. Wir glauben nicht, daß irgend Jemand dem obigen Schreiben ■ die volle Richtigkeit und Berechtigung absprechen werde. Es ist die Bettelei in diesem großartigen Maßstabe ein geschichtlich überkommenes Uebel. Die langen Zeiten der Verfolgung, in welchen der Jude weder seines Heerdes noch seines Besitzes jemals sicher war, in welchen allzu oft, theils sämmtliche Juden eines Ortes vertrieben, theils einzelne so ausgeplündert worden, daß wer heute reich war, morgen ein Bettler geworden, haben die jüdische Masse daran gewöhnt, die Abhülfe ihrer Noch in der Bettelei durch die weitesten Länderstrecken hindurch zu suchen. Jene Zeiten aber bewirkten zugleich, daß die Juden für ihre flüchtigen Stammesgenoffen eine außerordentliche Wohlthätigkeit übten; denn das stets über ihren eigenen Häuptern schwebende Geschick und das meist nicht verschuldete Schicksal der Bettler bewog sie, die Hand für diese Flüchtlinge stets offen zu halten. Es bildete sich dadurch eine Sitte umfassender Unterstützung für die Bettler aus, die selbstverständlich sich auch dann zu gesetzlichen Vorschriften formulirten. Der Name dieser Leute war nicht Bettler, sondern „Wandrer, Pilgrer" dtt-in; man speiste sie am eigenen Tische, brachte sie in Herbergen unter und gab ihnen Zehrgeld aus Wohlthätigkeitskasscn und Jedweder aus der eigenen Hand; alte Kleidungsstücke wanderten mit ihnen fort. War dies Alles jedoch schon Vorschrift des Propheten als Gott gefälligste That, die Heil und Segen bringt. (Jesaias 58, 7 ff.) Die Ursachen sind geschwunden — das Uebel ist geblieben. In allen europäischen Staaten, mit Ausnahme Rußlands, ist den Juden die Freizügigkeit gewährt und an ihren Wohnorten das bürgerliche Recht gesichert; Ausschließungen von irgend welchen gewerblichen Zweigen finden nicht mehr statt; besondere Abgaben und Steuern haben sie nicht mehr zu zahlen. Ihre Verhältniffe sind also vollständig denjenigen der anderen Bevölkerung gleich geworden. Sieht man nun aber einen so zahlreichen Bruchtheil der christlichen Bevölkerung aus irgend einem Lande auf der Bettelei und Bagabondage begriffen, und zwar durch alle Länder Europas, als seitens der jüdischen? Wir wollen nicht behaupten, daß es unter den Juden verhältnißmäßig mehr Almosenempfänger gebe, als unter den Christen. Es findet sogar die eigenthümliche Erscheinung statt, daß die Juden

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