Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1869)
- Date
- 1869-11-23
- Page
- Seite 938 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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938 herausgestellt, daß mit jedem neu eröffneten Dokumente aus Aegypten und Assyrien Berichte und Andeutungen der Bibel bestätigt und erwiesen werden, so daß hierdurch die historische Glaubhaftigkeit der biblischen Relationen in immer größeren Partieen befestigt wird. So hebt die zweite Richtung die erste immer mehr auf, und wird damit abermals erhärtet, daß die Freiheit der Diskussion jede Gefahr, die sie mit sich bringen kann, selbst wieder beseitigt. Im Grunde ist die wahrhafte Religion unabhängig von allen diesen Untersuchungen. Denn die ewigen Wahrheiten für Erkenntniß, Gottesfurcht und Tugend, für Liebe und Recht, für Pflicht und treue Erfüllung derselben, welche die heil. Schrift grundlegend geoffenbart, werden in keiner Weise davon angetastet, und bleiben völlig unberührt von der Anschauung, welche einige Gelehrte über Abraham und Isaak, David und Salomon haben. Dies erweist sich aus dem Umstande, daß die nichtgeschichtliche Auffassung der biblischen Erzählungen schon sehr alt ist und schon Philo, der Alexandriner, die Gestalten der Bibel in Allegorien aufzulösen versuchte, wobei es diesem Geiste an der tiefsten Verehrung der heil. Schrift und an dem Glauben ihres göttlichen Ursprungs durchaus nicht fehlte. Aus dein blinden Buchstabenglauben ist einmal unsere Zeit heraus, und so kommt Alles darauf an, die Geister von dem erhabenen Gedanken- und Lehrinhalt unsrer heiligen Urkunden zu durchdringen, und die Betonung der geschichtlichen Glaubhaftigkeit einzelner Mittheilungen in der Form, in welcher sie gegeben worden, hat nur eine nebensächliche Bedeutung. Interessant ist aber jener Prozeß, der durch die Leiden oben geschilderten Richtungen sich vollzieht, gar sehr, und von Zeit zu Zeit einen Blick auf dessen Fortgang zu werfen, darf nicht versäumt werden, wobei es jedoch natürlich ist, daß wir bei den Resultaten der zweiten länger als bei den Versuchen in der ersteren verweilen, da die Resultate jener solide sind, während diese Versuche kommen und gehen. Es liegt uns im 1. Septemberheft der Revue des deux mondes ein umfänglicher Artikel von Albert Röville vor: La religion primitive d’Israel et le developpement du monotheisme, welcher jedoch nur eine Bearbeitung von folgendem Werke ist: Dr. A. Kuenen, De Godsdienst van Israel (Hartem 1868). Was versteht der Verfasser unter „der primitiven Religion Israels"? Nichts anderes als die religiösen Zustände im Volke Israel bis zmn babylonischen Exil. Nun ist es allgemein bekannt, daß die Lehre Mösts während dieser ganzen Periode einen harten Kampf mit dem Heidenthume der benachbarten Völker im Schoße des israelitischen Volkes auszukämpfen hatte, einen Kampf, der durch die Propheten siegreich geführt und mit der Rückkehr nach Palästina völlig und für immer entschieden war. Die Masse des Volkes war zu Moses Zeiten selbst, in der Epoche der Richter und der Könige noch nicht reif, die Gvtteslehre in ihrer Abstraktion und in ihrer Beseitigung aller Götzenbildnerei zu fassen und festzuhalten. Es kam vielmehr darauf an, ob sich zur Zeit Männer fanden, die das Volk so zu beherrschen vermochten, um aus ihm jede Hinneigung zur Vielgötterei und zum Götzendienst zu beseitigen, und es bei der Gotteslehre festzuhalten. Wir wissen, welche Anstrengungen dies Moses kostete, wie in der Richterzeit es an solchen Männern fehlte, wie Samuel und David mächtig eingriffen, Salomon aber schlaff geworden, die Spaltung des Reiches die zehn Stämme dem Götzendienste wieder zuführte, einzelne Könige mit mehr oder weniger Strenge einen besseren Zustand herbeiführten, und es nun durch die Propheten zu einem wirklichen Kampfe gegenüberstehender Parteien kam — das lebhafteste Bild hiervon giebt uns die Geschichte des Propheten Elijahu — daß hierüber Jerusalem und das Reich unterging, und im Exil die wesentliche Sonderung vorsichging, so daß das wirkliche, von jetzt ab bestehende Israel der Gotteslehre völlig angehörte. Alles dies lehrt uns die Bibel selbst mit den Farben der höchsten Wahrhaftigkeit. Was wollen nun die Herren Kuenen und Reville? Während wir die Gotteslehre von den Patriarchen hergeleitet, von Moses fest ausgesprochen und gestaltet, und sie den Kampf mit dem Heidenthume in dem noch rohen und verworrenen Volke bestehend ansehen, nehmen jene Herren diese religiösen Zustände als die primitive Religion Israels selbst an. Sie lassen den wahren Monotheismus erst durch die Propheten des 8. Jahrhunderts vor d. gew. Zeitr. verkünden, und bis dahin die Religion Israels als ein Gemisch von Monotheismus und Polytheismus gelten. Dieses ist ihnen nur möglich, indem sie den von Moses gelehrten Monotheismus nur für einen nationalen und lokalisirten, der sich ganz gut mit den polytheistischen Culten der übrigen semitischen Stämme vertrug, ausgeben. Während sie nämlich den Patriarchen die Persönlichkeit absprechen, sie theils als Namen von Stämmen, theils als Legende betrachten, vermögen sie dies mit der Person von Moses nicht; sie müssen