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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-11-16 · Heft 46 (16.11.1869) · p. Seite 934

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 46 (16.11.1869)
Date
1869-11-16
Page
Seite 934 (sequence 18)
Language
German
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den an sich sehr verschiedenen Leidenschaften, die daraus entspringen. Byron läßt den Cain den Verlust des Lebens im Paradiese mit unüberwindlichem Schmerze empfinden , in der Arbeit eine Erniedrigung des Geistes sehen, in dem Tode das grausamste Geschick erblicken. Er fühlt sich durch die Sünde seiner Eltern nicht sündig; er erhebt sich gegen den Gedanken, büßen und sühnen zu sollen, was Andere gesündigt, bevor er selbst geboren worden; aber um so mehr fragt er sich: warum habe ich die unglücklichen Folgen, die Strafen jenes Fehltritts zu tragen, ich und meine unschuldigen Kinder und alle zukünftigen Geschlechter? Hieraus entstehen ihm die gegen Gott sich ihm erhebenden Zweifel, nicht gegen das Dasein Gottes, das bezweifelt er nicht, sondern gegen die Güte und Gerechtigkeit Gottes. Hiermit ist er an die Grenze des Dämonischen gelangt, und dies tritt dann auch alsbald an ihn heran. Der gefallene Engel Lucifer erscheint und führt ihn über die Erde durch „den unendlichen Raum" mit allen seinen Weltkörpern, dann durch die „Unterwelt" mit deren „Schatten und riesigen Gespenstern". Hier ist es, wo in buntester Mannigfaltigkeit die Fragen des Daseins besprochen werden, deren Beantwortung theils durch Cain selbst, theils durch Lucifer, nur immer tiefer in das Dunkel führt, gegen welches sich der stolze Geist Cain's nur um so mehr empört, und das ihn wie ein Netz urngiebt, das er vergebens zu zerreißen sucht. Zm dritten Akte ist Cain wieder unter den Seinen. Was für uns die Lösung aller jpner Fragen bringt, nämlich die Erkenntniß, daß, was als Strafe und Fluch bezeichnet wird, eben nur den Segen bedeutet, wie es Gottes Wesen allein gemäß ist, daß nämlich das unendliche Reich der menschlichen Arbeit das Gebiet der Geistesentfaltung und der fortschreitenden Entwickelung ist — das lag dem negirenden Geiste Byron's fern. Er versucht daher nur, das Glück der Liebe und des Farnilienfriedens der düstern Zerrüttung Cain's gegenüberzusteüen. Aber natürlich genügt dies, wohlgeordnete Gemüther für allen Kampf mit den Elementen und mit sich selbst zu entschädigen und sie zum Gefühle des Glückes und der Harmonie zu erheben. 3n das dunkle Gewühl von Cain's Geist vermag es nur vorübergehende Lichter zu werfen; und der kindliche Glaube, der sich aus dieser reinen Sentimentalität erhebt, ruft in ihm nur den Fanatismus der Negation hervor, in welchem er die Altäre des gläubigen Menschen zerstören will, und da dieser (Abel) seine Heiligthümer vertheidigt, tobtet er ihn. Dies ist in Kurzem der Gang, den das dramatische Gedicht Byron's einhält, und wenn derselbe auch nicht streng biblisch ist, so müssen wir ihm doch eine selbstständige psychologische Wahrheit zugestehen. Erscheint uns in der That Cain's der Kampf zwischen dem nomadisirenden Hirten und dem ackerbauenden Ansiedler, in dem Tode des Hirten Abel die Niederlage der Nomaden gegen die festen Ansiedler symbolisirt, so erblickt Byron darin den Kampf der Negation mit dem Glauben, bei welchem zwar der letztere eine augenblickliche Niederlage erleidet, so jedoch, daß er nach der That einen um so glänzenderen Sieg und größere Dauerhaftigkeit erlangt. Wir müssen es anerkennen, daß Byron die unseligen Folgen der Negation in den bestimmtesten Umrissen und mit den stärksten Farben zeichnet, so daß die Befriedigung des Glaubens und das Glück der Liebe in um so hellerem Lichte erglänzen. Unseren Lesern wird es daher nicht unwillkommen sein, einige Scenen aus diesem dramatischen Gedichte wiederzugeben. Erster Akt. Erste Scene. Gegend außerhalb des Paradieses. Sonnenaufgang. Adam, Eva, Cain, Abel, Adah, Zillah, opfernd. Adam. Gott, Ewiger! Unendlicher! Allweiser! Der du mit deinem Wort aus Finsterniß Das Licht erwecktest über den Gewässern, Dir sei beim neuen Lichte Preis und Dank! Eva. Gott, Tages-Schöpfer, der du Nacht und Morgen, Die einst in gleichem Dunkel ruhten, schiedest. Der du die Woge theiltest von der Woge Und gründetest das Firmament, dir Preis! Abel. Gott, der du sondertest die Elemente In Erde, Meer, Luft, Feuer, und zu Tag Und Nacht und Welten, welche diese Welt erleuchten Und schalten, Wesen schufst, um zu genießen, Und dich und sich zu lieben — dir sei' Preis! Adah. Gott, Ewiger! Du Vater aller Dinge, Der du der Wesen herrlichste erschufst, Am würdigsten der Liebe, außer dir, Laß dich und sie mich lieben! Dir sei Preis! Zillah. Gott, der du Alles liebst, erhältst und segnest, Doch der du auch die Schlange schleichen ließest Jn's Eden, meinen Vater zu vertreiben, Schütz' uns vor fernerm Uebel! Dir sei Preis! Adam. Und du, mein Erstgeborner, Cain, schweigst? Cain. Warum doch sollt' ich sprechen? Adam. Um zu beten. Cain. Habt Ihr nicht schon gebetet? Adam. 2a, wir thaten's In höchster Andachtsgluth. Cain. Und laut genug; Ich hört' es ja. Adam. Auch Gott hat uns gehört, So hoff' ich. Abel. Amen. Adam. Wie? Mein Aeltester, Noch immer bleibst du stumm? Cain. Ich thue besser, Wenn ich es bleibe.

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