Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1869)
- Date
- 1869-11-16
- Page
- Seite 933 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des IudenthumS. Femllelon-Leilage;i> Nr. 46. Leipzig, den 16. November 1869. Cai». Bon Lord Byron. Unter den dramatischen Gedichten des Lord Byron nimmt das von ihm „ein Mysterium" benannte „Cain" einen vorzüglichen Platz ein. Der Dichter verstand es, die größten Probleme der zweifelnden Vernunft, die schwierigsten Abstractiouen poetisch zu behandeln und zugleich die tiefsten Empfindungen des Herzens anzufchlagen. Philosophie, Glauben, die allgemeine Stellung des Menschengeschlechtes und die Familienliebe werden in einem großartigen Gemälde neben einander gezeichnet und gruppirt. Allerdings ist es kein einheitliches Kunstwerk im engeren Sinne des Wortes, und die Forderungen, die wir an ein Drama zu stellen haben, werden wenig berücksichtigt; auch im Einzelnen fehlt es an Längen und Wiederholungen nicht. Jenes aber vorausgesetzt, und in seiner Kunstform genommen wie es ist, nimmt das Werk einen vorzüglichen Platz unter den Poesien aller Zeiten ein, einen Platz, den ihln Göthe mit den anerkennendsten Worten angewiesen hat. Das Gedicht hat Aehnlichkeiten mit Göthens Faust, und ist doch wieder sehr verschieden von diesem; beide sind Bäche, die aus demselben Quell hervorgehen, und deshalb in ihren Bestandtheilen gleichartig sind, aber nach verschiedenen Richtungen fließen und darum auch bald sehr verschiedene Elemente aus dem Boden ziehen, durch den sie sich ihr Bett gewühlt. Derselbe unwiderstehliche Drang nach Erkenntniß, dasselbe Bewußtsein der Unzulänglichkeit aller menschlichen Erkenntniß, derselbe Bruch mit dem geistigen Leben der Menschen, mit allen daraus hervorgegangenen Institutionen, mit dem Leben selbst; derselbe Uebergang in das Dämonische, in das dem Göttlichen abgewandte Geisterwesen. Göthe aber nimmt seinen Weg durch das Konkrete, wie es sich in der menschlichen Wissenschaft, in der Sinnlichkeit und im realen Leben darstellt, während Byron die Richtung nur nach dem Abstrakten nimmt, und den Zwiespalt zwischen Glauben und Erkennen, zwischen Wissen und Begreifen verfolgt. Das Ziel ist denn auch bei Faust und Cain ein verschiedenes. Bei jenem tritt die nackte Negation, getragen von dem Versinken in das schlechte Sinnliche ein, während in Cain sich die Negation zum Fanatismus steigert; Faust geht in seiner Persönlichkeit unter, während die, welche mit ihm in Berührung getreten, gerettet werden; Cain aber vernichtet seinen Gegner und existirt weiter in den Folgen seiner That. Doch dies ist es weniger, was uns an dieser Stelle für das dramatische Gedicht des englischen Poeten interessirt. Die beiden großen Scenen, welche die heilige Schrift gleich nach der Schöpfungsgeschichte an die Pforte ihrer Verkündigungen stellt, das Paradies und der Brudermord, sollen uus die ersten Entwickelungsstufen des menschlichen Geistes und Lebens darthun. Aber die Unmittelbarkeit dieser Berichte, welche keine Reflexionen zuläßt, und der Lapidarstyl, in welchem berichtet wird, geben uns in jenen Erzählungen einen unerschöpflichen Gedankenstoff, der zu den verschiedenartigsten Auffassungen, zu den mannigfaltigsten Ausdeutungen Veranlassung bietet, bis sie gewissermaßen zu einem großartigen Gefäße werden, in welches die entgegengesetzteste Behandlung derselben ewigen Probleme geborgen werden kann, die zu den höchsten, im Grunde unlösbaren Fragen des menschlichen Geistes gehören. Auf diesem Boden nun versucht Byron eine, seinem dichterischen Geiste angernessene, freie Auslegung, der wir selbstverständlich keinen dogmatischen oder exegetischen Werth beilegen, die aber vermöge ihres eigentümlichen Werthes sehr interessirt. Wenn irgendwo, so findet der alte Spruch hier Raum: es ist schon überaus interessant, einen solchen Mann eine solche Frage behandeln und wie er sich durchhilft zu sehen. Byron verknüpft die Verbannung aus dem Paradiese mit Cain's Brudermord als unmittelbare Folge. Er bekämpft das christliche Dogma von der Erbsünde und von der späteren Erlösung durch den Tod eines Dritten; aber er steht auch nicht ganz auf dem jüdischen Standpunkte, der den Sündeufall eben als die erste Sünde des ersten Menschenpaars betrachtet, welche den Menschen aus dem Zustande der Unschuld und zum Unterschiede zwischen Gutem und Bösem brachte, den Brudermord Cain's aber als eine zweite selbstständige Sünde, die aus einer ganz anderen Quelle floß. Als die Quelle der ersten nämlich haben wir die Sinnlichkeit, der zweiten die Gesellschaftlichkeit anzusehen, mit