Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1869)
- Date
- 1869-11-16
- Page
- Seite 926 (sequence 10)
- Language
- German
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926 besitzen zu dürfen, wie um ein Almosen betteln mußten, wird nun ein Geschlecht von Baronen heranwachsen. Dann wird nichts origineller als dies die religiöse Gleichheit in der socialen Entwicklung unserer Tage bekunden, und wenn schon Orden und Adelsdiplome durchaus existiren müssen, dann haben wir fast am wenigsten gegen solch einen Gebrauch derselben einzuwenden. Irgend ein höchst mittelmäßiger Beamter, der arbeitsunfähig geworden, wird'am Ende noch mit einem hohen Orden pensionirt. Warum soll man sich dagegen empören, daß die Monarchie Aehnliches Solchen erweist, die sich in ihren Sphären nützlich gemacht und von ihren Reichthümern dem Gemeinwesen freiwillig großen Tribut gezahlt haben?" Pest, im Oktober. Der Gesetzentwurf Jranyi's über vollstä ndige Re ligionsfreiheit hat wenig Aussicht, vom Landtage angenommen zu werden. Allein solche extreme Kundgebungen bringen wenigstens immer einen Impuls in die Angelegenheit, und zwingen die Mittelpartei, eine bestimmte Position zur Frage zu nehmen. Der Bericht der Centralkommission über gedachten Entwurf lautet: „Indem die Central-Commission nach einstimmiger Ansicht der neun Sectionen den Gesetzentwurf über die Religionsfreiheit in praktischer Beziehung nicht für zweckmäßig findet, empfiehlt sie ihn dem Hause nicht zur Annahme. Da sie es aber für nothwendig und unaufschieblich erachtet, daß die Principien der vollkommenen und allgemeinen Freiheit, Gleichheit und Reciprocität der Confessionen zur praktischen Geltung gelangen, beantragt sie, den Beschluß anszusprechen: Das Ministerium werde aufgefordcrt, bezüglich der praktischen Durchführung der vollkommenen und allgemeinen Religionsfreiheit, Gleichheit und Reciprocität dem Reichstage ehestens einen Gesetzentwurf vorzulegen. Schließlich zeigt die Central-Commission an, daß von Seite der achten Section zu dem vorliegenden Gegenstände ein Gesetzentwurf eingereicht wurde, den aber die Central-Commsssion aus dem Grunde nicht in Berathung zog, weil sie sich blos zur Berathung solcher Gesetzentwürfe für berufen hält, die vom Hause den Sectionen zur Vorberathung zugewiesen werden und die zusammen mit den betreffenden Berichten der Sectionen an die Central-Commission gelangen." Diese Berichte werden gedruckt und seinerzeit in Berathung gezogen werden. Pest, 5. November. Die Stuhlweißenburger Stadtrepräsentanz beschloß gestern aus Anlaß einer vom Clerus colportirten Petition und bedroht von den durch geistliche Agitationen und von Spirituosen erregten Pöbelmassen die Aufhebung der Simultanschulen. (!). Das Unterhaus hat Jranyi's Religionsfreiheitsgesetz verworfen. Es nimmt zwar die Religionsfreiheit im Principe an, überläßt es aber der Regierung, ein detaillirtes Gesetz vorzulegen. Das heißt in Ungarn, den Gegenstand ad calendas graecas verschieben. Sind doch auch die Prügelstrafen bis heute noch nicht aufgehoben. Lemberg, 25. Oct. lPrivatmitth.) Die Vorgänge in Lemberg bei der eben vollzogenen Abgeordnetenwahl sind charakteristisch genug, um Berücksichtigung zu finden, um so mehr, da sie ein Gegenbild gegen die böhmischen Zustände geben. Es handelt sich in Galizien ebenso wie im Czechenlande um die Aufrechthaltung der jetzigen cisleithanischen Verfassung oder um deren Sturz und den Uebergang in den Föderalismus wie in Böhmen. Unterschied ist nur, daß in Böhmen die Czcchen sämmtlich gegen die Verfassung Front machen, und der deutschen nicht unbedeutenden Bevölkerung geschlossen entgegenstehn; während in Galizien die deutsche Bevölkerung sehr geringzählig, ein Theil der Polen selbst aber auf Seiten der Verfassung stehen und die Ruthenen den Polen oppositionell sind. In Böhmen wandten nun die Czechen die furchtbarsten Drohungen gegen die Juden an, um die jüdischen Wähler, da sie nicht zu ihnen herübergezogen werden konnten, wenigstens unschädlich zu machen. Die Gefahren, ivelche schon mehrere Male die Czechen den Juden wirklich bereitet haben, schreckten diese denu auch ab, und die Mehrzahl der Juden enthielt sich der Abstimmung. Auch in Lemberg versuchten die Polen die Abschreckungstheorie, jedoch in schwachen Dosen. Man wollte einen Verein bilden, der sich verpflichte, nichts von Juden zu kaufen und keinerlei Geschäfte mit ihnen zu machen. Dies war lächerlich und machte keinen Eindruck. Vielmehr verblieben die Juden nicht einmal bei der passiven Rolle, sondern traten agitatorisch auf. Im israelitischen Tempel selbst wurden Wählerversammlungen und energische Reden für verfassungsanhängliche Abgeordnete gehalten. Die Gegner gingen so weit, die Verleumdung auszusprengen,