Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-11-16 · Heft 46 (16.11.1869) · p. Seite 924

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 46 (16.11.1869)
Date
1869-11-16
Page
Seite 924 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226737--27780-3263375
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

924 vilche bereits gesetzlich, und noch sind die Fälle zu zählen, wo die religiöse Trauung nicht stattgefunden hätte. In der Rhcinprovinz und Frankreich ist die Erfahrung eine noch viel ältere, aber dieselbe. Freilich bleibt für uns die Frage bestehen, mit welchem Rechte man die Zivilehe für die Juden einführte und für die Christen nicht? In derselben Debatte sprach sich ein katholischer Abgeordneter, Windthorst «Lüdinghausenin energischer Weise gegen den Shllabus aus, und zwar im Namen aller liberalen Katholiken. Tilsit, im Oktober. Bon hier aus wird ein sehr origineller Vorgang berichtet: In der Stadtverordneten-Versammlung zu Tilsit kam, wie der „Zukunft" mitgetheilt wird, neulich folgender Fall vor: Auf Beschluß der städtischen Behörden sollte einem Communallehrer bei Gelegenheit seines fünfundzwanzigfährigen Jubiläums eine vom Magistrat und den Stadtverordneten Unterzeichnete Glückwunsch-Adresse überreicht werden und wurde den Stadtverordneten durch den Magistratscommissarius die Adresse der Vollziehung vorgelcgt. Darin fand sich unter andern Ausdrücken der Anerkennung auch ein Dank dafür ausgesprochen, daß der betreffende Lehrer die ihm anvertrauten Schüler „zum wahren unverfälschten Christeuthume" erzogen habe. Gegen diese Stelle wurde nun von einem Mitgliede Einspruch erhoben nud deren Weglassung beantragt, weil die Versammlung auch ein jüdisches Mitglied — Kaufmann Julius Lebegott — enthalte, und man diesem nicht zumuthen könuc, gleichsam eine Glorificirung des Christenthums durch seine Namensunterschrift zu sanctioniren. Stadtverordneter Lebegott erwiderte, daß er keinen Anstand nehmen tvürde, die Adresse zu unterzeichnen, denn das wahrhafte unverfälschte Christenthnm iväre eben so wie das wahrhafte unverfälschte Judenthum der Inbegriff der reinen Humanität, wie sie Moses sowohl als Christus gelehrt haben, und nur die Abirrungen von diesem Wege und die Auswüchse — sie seien in beiden Bekenntnissen zu verdammen. — Die Debatte spann sich weiter fort, und es ließen sich noch mehrere Redner, alle aber gegen jenen Passus vernehmen; ja Einer bemerkte, daß man bei besonderer Betonung des Christenthnms und bei den Anschauungen , die in manchen Kreise» hierüber herrschen, auch in Tilsit leicht noch zu Fonrnier'schen Ohrfeigen kommen könnte! Bei der darauf erfolgenden Abstimmung wurde der Passus mit allen gegen eine Stimme abgclehnt. Stadtverordneter Lebegott war der einzige, welcher für die Beibehaltung des „unverfälschten Christenthums" stimmte. Die Adresse wurde unverändert, aber ohne Betheiligung der Stadtverordneten , durch den Magistrat allein dem Jubilar überreicht. Posen, 31. Okt. «Privatmitth.) Die Wahl von 8 Repräsentanten und 5 Stellvertretern, von der wir in vor. Nr. gesprochen, fand nun am 2V. d. unter sehr lebhafter Betheiligung statt. Bon 1091 stimmberechtigten Wählern stimmten 750. Die Wahl fand in zwei Lokalen statt, und zwar von 9—6 Uhr. Da gleich die ersten Wahlen das Uebergewicht der streng orthodoxeil Partei erwiesen, so zog sich, um den Wahlakt nicht zu verlängern, die liberale Partei zurück und stimmte nicht mehr mit. Sämmtliche Gewählte gehören demnach der streng orthodoxen Partei an. Posen, 1. November. (Privatmitth.« Es ist uns heute die Freude zu Theil geworden von der Ernennung des hiesigen praktischen Arztes vr. Wolfs Cohn zum Medicinalrathe bei der hiesigen Königl. Regie' rung Kunde zu empfangen. Wir begrüßen in dieser Ernennung einerseits eine neue Garantie für die durch die Verfassung den Juden gewährte Gleichberechtigung im Staate, andrerseits die verdiente Auszeichnung eines Mannes, welcher mit einer hervorragenden wissenschaftlichen Befähigung auch eine seltene Opferwilligkeit für seine leidenden Mitmenschen verbindet. — In das hiesige jüdische Gemeindeleben, welches sich über zwei Decennien eines ungestörten Friedens erfreute, drohen die in voriger Woche vollzogenen Repräsentantenwahlen eine ernste Spaltung zu bringen, indem es der ultraconservativen Partei gelungen ist, alle ihre Candidaten durchzusetzen und vermöge einer, durch den Fanatismus der niedern Volksschichten erzielten Majorität die ihr gegennberstehende Partei der intelligenten Liberalen für den Augenblick mundtodt zn inachen. Der Gegensatz gestaltete sich bei diesen Wahlen um so schroffer, als die Confervativen die Absicht hegen, an die Stelle des im verflossnen Jahre verstorbnen -ni Löwenstamm einen Oberrabbiner anzustellen, während die Liberalen aus gewissen — sehr triftigen — Gründen die Stelle wieder mit einem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.