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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-11-16 · Heft 46 (16.11.1869) · p. Seite 920

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 46 (16.11.1869)
Date
1869-11-16
Page
Seite 920 (sequence 4)
Language
German
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920 gedrungen fühlen; nur dann werden wir der schon oft geübten Escamotage entgehen, uns mit Bibel- oder Talmudwort zu decken, wo Wort und Geist dieser beiden uns widersprechen. Klarheit und Ehrlichkeit bedingen ein solches Verfahren. Auch in der, jetzt wieder obschwebenden Beschneidungsfrage, wollten wir diesen Weg ein geschlagen wissen, und zu diesein Zwecke gaben wir als einen ersten Artikel einen Aufsatz „Ueber die Beschneidung vom biblischen Standpunkte" in Nr. 35 d. Z., und hinsichtlich des talmudischen Standpunkts etwas Einleitendes in Nr. 39. Nur die augenblicklich drängenden Gegenstände hielten uns bis jetzt von der weiteren Besprechung ab. Wir halten die Beschneidungsfrage für eine der wichtigsten, die jetzt vorliegen, und so schlüssig Dieser oder Jener über diese Frage sich gemacht haben mag, so liegen in ihr doch so viele Jntereffen der Allgemeinheit, daß mit der Meinung des Einzelnen uns noch wenig geschehen zu sein scheint. Es giebt Momente, in denen man weit von der Vergangenheit sich entfernen und viel milder als diese urtheilen kann; es giebt aber auch solche, auf die wir eine nock größere Bedeutung als die Bergangenheit zu legen bestimmt sein können. Es giebt Momente, in welchen der Gelehrte und Kritiker bald zu einem bestimmten Entscheid kommen kann, und in welchen das allgemeine Bewußtsein der Religionsgenvssenschaft völlig von ihm abweicht und ihm aus der bloßen Gelehrsamkeit und Kritik heraus die Vollgültigkeit seines Urtheils abspricht. Aber kaum war Nr. 37 ausgegeben, als sich Herr Szanto in Wien und hinter ihm her Herr Wechsler in Oldenburg in leidenschaftlicher Weise gegen nnsern Artikel erhoben. Herr Szanto hat dies schon oft gethan, aber wir ließen uns niemals in eine Polemik mit ihm ein. Nicht als ob wir seine Meinung und sein Streben mißachteten, sondern einfach, weil uns seine Art der Polemik nicht zusagt. Herr Sz. ficht stets mit Schemekbeinen und Knotenstöcken; er will sofort seinen Gegner zermalmen und todtschlagen. Diese Art der Rauferei lieben wir nicht, und darum überließen wir ihm stets, seine Kampfeslust allein auszuüben. Dies Mal aber schiebt er uns mit doppeltem Spiel theils die Absicht unter „ihn tvdtzuschweigen," theils giebt er unser Stillschweigen als „Zugeständniß" aus. Aber beides ist nicht der Fall. Das erstere wäre thöricht, denn Herr Sz. kann sich jeden Augenblick aussprechen, und das letztere ist eine anmaßliche Voraussetzung, die wir nicht um des Herrn Sz. willen, sondern weil wir fast täglich von den verschiedensten Seiten aus Angriffe zu erfahren haben, deren Nichtbeantwortuug uns eine wahre Pflicht ist, durchaus nicht zugeben dürfen. Die Hauptsache ist, daß die beiden Herren sich stellen, als ob wir nicht wiederholt betont hätten, daß wir in diesem ersten Artikel ganz allein den biblischen Standpunkt, und zwar objektiv, ohne alle Jnterpretationskünste und ohne Betracht der traditionellen Interpretationen erwägen wollten, daß also die Betrachtung des talmudischen Standpunktes und der Jetztzeit erst erfolgen sollte. Sie geben daher unser Resultat für das nach unsrer Meinung alleinbestimmende Verbiet aus, und fühlen sich davon in ihrer Parteiansicht höchlichst entrüstet. Sie greifen deshalb zu beliebten Mittelchen. Herr Wechsler ist erbittert, daß wir es wagten, den Gegenstand zu besprechen, bevor die von der Synode, d. h. von dem Präsidium der Synode gewählte Commission in Berathung getreten und einen Beschluß gefaßt und dekretirt habe. So lange, meint er, müsse man schweigen. Dies Argument ist zu lächerlich, als daß wir nur ein Wort darüber verlieren möchten. Herr Sz. beschuldigt uns „des Liebäugelns mit der Orthodoxie" — auch davor uns zu schützen, bedarf es keiner Erörterung. Uns will immer bedünken, daß derjenige, der einen gewissen Charakterzug in sich trägt, sehr leicht bei der Hand ist, denselben Anderen zu insinuiren. Wir fühlen uns aber nicht veranlaßt, Herrn Sz. des Liebäugelns mit der Partei im Judenthume zu zeihen, welche aus diesem nur eine UHIich'sche Freigemeinde machen will. Wir unsrerseits haben während vier Jahrzehende unfern Standpunkt und unsre Ziele auf politischem wie religiösem Gebiete so klar gezeichnet, daß ein solcher Vorwurf auf Herrn Sz. nur selbst zurückfallen kann. Wir erkennen daraus nur, daß Herr Sz. wie Herr Wechsler in ihre Parteiansicht so verrannt sind, daß sie auf jedes Wort, das ihr entgegen zu sein scheint, ihr Anathema legen. Beide Herren flüchten sich nun hinter die Behauptung, daß wir diese Frage nicht „wissenschaftlich" behandelt hätten, der eine beschränkt dies auf unsre Behandlung dieser Frage, Herr Wechsler will dies überhaupt bei uns befinden. Wir hätten wohl das Recht, dies unverschämt zu finden. Wartet die Welt nicht noch heute aus die wissenschaftlichen Leistungen beider Herren? Und da beide nicht mehr jung sind, ist es höchste Zeit, daß sie damit hervortreten. Gemach, geehrte Herren, Schreiber

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