Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1869)
- Date
- 1869-11-16
- Page
- Seite 919 (sequence 3)
- Language
- German
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Ö19 § Ul. Eltern oder Vormünder jüdischer Kinder sind auf Erfordern der Schulbehörde verpflichtet, den Nachweis zu liefern, daß jedes schulpflichtige Kind Religionsunterricht empfängt. § 145. Rabbiner bedürfen zur Ertheilung von Religionsunterricht dem Staate gegenüber keines Nachweises ihrer Befähigung. Wer sonst jüdischen Religionsunterricht an Schulen ertheilen will, muß, abgesehen von seiner Befähigung für denselben, die Prüfung für das Elementarschulamt bestanden haben." Zu bemerken ist aus diesen §§ nur, daß § 144 den Anfang eines obligatorischen Religionsunterrichtes macht, und daß § 145 zum ersten Male seit 1796 Rabbiner in einem preußischen Gesetze wieder erwähnen läßt. Als einen Fortschritt wollen wir aus § 105 den zweiten Passus hervorheben: „Lehrer, welche nicht einer der anerkannten christlichen Religionsparteien angehören, können nur für solche Unterrichtsgegenstände zugelassen werden, auf deren Behandlung das religiöse Bekenntniß nicht einen maßgebenden Einfluß hat." Es können also hiernach Juden an den höheren Lehranstalten als Lehrer, mit Ausnahme einer gewissen Kategorie von Unterrichtsgegenständen, angestellt werden. (Weiteres in der nächsten Nr.) Zur Geschneidungsfrage. Wer unsere Arbeiten seit einer Reihe von Jahren berücksichtigt hat, weiß, daß wir für alle jüdisch-theologischen Fragen als einzig richtige Methode, als die, welche ebenso sehr der wissenschaftlichen Prüfung wie den praktischen Zwecken entspricht, ansehen: die Frage vom biblischen Gesichtspunkte, vom talmudischen und vom Standpunkte des gegenwärtigen religiösen Bewußtseins und des allgemeinen Culturlebens zu untersuchen und zu betrachten. Wie die Geschichte des jüdischen Stammes sich in den drei Phasen des Bestandes in Palästina, der Absonderung innerhalb der Zerstreuung, und endlich des Eintritts in das allgemeine Culturleben darstellt — so ergeben sich auch für Inhalt, Charakter und Richtung des Judenthums, die drei großen Epochen des biblischen Lebens lMosaismus und Prophetismus), des talmudischen und der gegenwärtigen Entwickelung. Die Verschiedenheiten dieser drei großen Stadien, welche unsre Religion und unser Stamm zu durchlaufen hatte und hat, sind zu offenbar, als daß sie schwer erkennbar wären, und es nicht zu Fehlschlüssen führte, wenn man sie vermengt und die eine an die Stelle der anderen setzt. Hiermit soll nicht gesagt sein, daß der Faden der geschichtlichen Entwickelung kein einheitlicher sei, daß nicht die folgende Periode sich an die vorhergehende lehne und sie zur Grundlage habe. Aber gerade um dessentwillen kann jede gründliche und parteilose Untersuchung die Prüfung jeder dieser Epochen, und wie sich in ihr das betreffende Objekt gestaltete, entbehren. So wenig wie der Talmud in vielen Dingen auf dem eigentlichen biblischen Standpunkt verblieben ist, ebenso wenig beharrt die gegenwärtige Entwickelung des jüdisch-religiösen Bewußtseins und Lebens auf dem talmudischen Boden. Wer diese drei identifiziren will, muß jeder derselben Gewalt anthuu. Unsre gegenwärtige Entwickelung ist aber noch im vollen Ringen und Entfalten begriffen, und innerhalb dieses Prozesses ist es noch lange nicht zur Klärung und zur Fixirung gekommen. Diejenigen, welche mit den einzelnen Fragen fertig zu sein und ihre Meinung als vollgültig und abgeschlossen aussprecheu zu können glauben, werden jeden Augenblick gewahr, daß sie von den Erscheinungen Lügen gestraft werden. Da die Bewegung unsrer Zeit eben keine ursprüngliche ist, sondern überall mit dem überlieferten Stoff zu arbeiten hat, innerlich jedoch den Charakter einer freien Bewegung besitzt, so kommt es, daß sie weder eine ganz selbstständige ist, noch sich überall zu den Resultaten der Vergangenheit in gleicher Weise verhält. Unser Bewußtsein kehrt in manchen Partien über den Talmudismus hinweg zur Bibel zurück, und auch in dieser bald zum Mosaisnms, bald' zum Prophetismus; in anderen dagegen schließt es sich dem Talmudismus näher an, als der heiligen Schrift; überall aber wirkt mit mehr oder weniger Klarhei der Geist unsrer Zeit, die Strömung und das Bedürfniß desselben mit hinein. Aber gerade deshalb muß die Untersuchung die oben gezeichnete Methode einhalten. Nur dann gehen wir nicht von vorausgebildeten Ansichten aus, die wir der Bibel oder dem Talmud aufzwingen wollen; nur dann kommt es klar zu Tage, in wiefern wir von dem einen oder vom anderen Standpunkte abweichen und abzuweichen uns 46*