Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-11-09 · Heft 45 (9.11.1869) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 45 (9.11.1869)
Date
1869-11-09
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226736--27770-3263364
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Beilage zur Allgem. Ztg. d. Zudenthums Nr. 43. Tilsit, im Oktober 1869. Die westrussischen Juden — eine nothgedrungene Vertheidigung. Die letzten beiden Nothjahre haben über unsere russischen Glaubensbrüder unsägliches Leid gebracht, Hunger und Krankheit haben sie heimgesucht, und so mancher Wohlstand wurde vernichtet, so vieles Familienglück zerstört. — Aber das allergrößte Unglück, welches sie betroffen — das ist die Masse von falschen Urtheilen, von Verleumdungen, von Gehässigketten, die über sie in die Welt hinaus gingen. Wer ein Mal im Leben einem Polnisch-jüdischen Vagabonden begegnet war, der hielt sich berechtigt über ein Volk von 21/s Millionen abzuurtheilen; wer ein Mal bei einem Juden aus Rußland einen schlechten Kauf gemacht, der wußte ein Langes von Corruption, von Gewissenlosigkeit, von betrüg lichen Neigungen zu reden; und endlich hielt sich jedweder Unwissende, der nicht das Titelblatt des Talmuds zu entziffern im Stande, für competent über die verderblichen Wirkungen desselben, über die Verdummung und Versumpfung, in welche die Judeuheit Rußlands durch ihn gerathen, zu faseln! So lange dergleichen Mißurtheile von einzelnen, mit keiner Autorität bekleideten Personen ausgingen, konnte man dazu schweigen, um so mehr, als der Wohlthätigkeitssinn dadurch nicht geschmälert wurde. Nun aber werden diese Verdammungsurtheile auch von Solchen geäußert, denen man allerdings eine richtige Einsicht Zutrauen sollte, was aber aus diesen Aeußerungen leider nicht hervorgeht. In der Vorberathung das Comit6 der Alliance Isr. Univ., welche am 11. October in Berlin abgehalten wurde, schleuderte Herr Karnowsky aus Königsberg eine solche Masse von Anklagen, Verleumdungen und Gehässigkeiten gegen seine russischen Glaubensbrüder und ehemaligen Compatrioten, daß dergleichen nur mit Schmerz und Indignation erfüllen muß! Herr K. sagt, daß nicht die schlechte Behandlung von Seiten der Regierung, nicht der Mißwachs oder die Abnahme des Handels und Verkehrs, sondern einzig und allein ihre Unwissenheit, ihre Untauglichkeit zu jeder soliden Arbeit, jedem Handwerke, selbst dem Handel, ihr Zurückbleiben hinter der Bildung der russischen Ch,risten — die Schuld an der jetzigen Noth tragen; und schmerzlich ist es, daß seine Auslassungen noch den Beifall der Zuhörer erhielten! — Allerdings waren dies größtentheils Persönlichkeiten, welche die Zustände aus eigener Anschauung nicht kennen —, aber dieser Umstand hatte Herrn K. gerade vorsichtiger und gewissenhafter machen, und ihn davor bewahren sollen denselben ein falsches Bild auszumalen. Würde Herr K. es nicht selbst sagen, daß er in Rußland geboren, und sein halbes Leben daselbst zugebracht, man könnte glauben, daß er niemals einen Blick hineingethan; so aber muß man nur sagen, daß Herr K. ein schlechter und vorurtheilsvoller Beobachter und — ein noch schlechterer und parteiischer Beurtheiler ist. Schreiber dieses hat gewiß keine Veranlassung sich der russischen Glaubensbrüder besonders anzunehmen; er hat leider im Verkehr mit ihnen säst sein ganzes Vermögen verloren — aber dies hält ihn doch nicht ab, der Wahrheit die Ehre zu geben, wie es Pflicht eines jeden Ehrenmannes ist! Auch wir keimen Rußland und die dortigen Juden, wir haben ein Menschenalter lang mit ihnen in Verkehr gestanden, wir haben häufige Reisen daselbst gemacht, und Gelegenheit gehabt alle Bewohner des Nachbarstaates nach verschiedenen Richtungen hin zu beobachten und kennen zu lernen; und auf Grund gemachter Erfahrungen, erklären wir die Beschuldigungen, welche Herr K. gegen seine dortigen Glaubensbrüder ausstößt, theils für gänzlich aus der Luft gegriffen, theils für maßlo s üb er trieb en! Sie sollen hinter der Bildung der dortigen Christen zurückgeblieben sein, — aber welche Christen haben dem Herrn K. hierbei vor Augen geschwebt? — Giebt es in den sieben Gouvernements, in welchen den Juden bisher der Aufenthalt gestattet war, einen gebildeten Bürger- und Gelehrtenstand? — Giebt es so viele christliche tüchtige Handwerker und Künstler, welche als mustergiltige Vorbilder zur Nacheiferung dienen können? Das Gros der dortigen Bevölkerung besteht außer den Juden aus Schlachtizen, kleinen Gutsbesitzern und Bauern. Die Bildung der Erstern ist nothdürftig genug; und die der Letzteren? — Nun Herr K., möchten Sie den Juden es als Verdienst anrechnen, wenn sie ihre freie Zeit anstatt in den Lotte miärusettiw lieber in Schänken und Wirthshänsern bei Saufen, Spielen und sonstiger Völlerei hinbrächten? Das durch und durch corrnmpirte Beamteuthum ist wahrhaftig auch kein nacheifernngswerthes Vorbild —, und so sind es gerade die Juden, welche ihren Umgebungen in Bildung, in Sittlichkeit und jeder bürgerlichen und menschlichen Tugend bei Weitem Voraus sind! Sie sind keine schlechten, sondern im Gegentheil, sehrgute und tüchtige Handwerker, die überall geschätzt und gesucht werden. Es sind sämmtliche Gewerbe, auch die schweren und allstrengenden, wie Maurer, Zimmerleute, Gerber, Schmiede, Schornsteinfeger unter ihnen vertreten. Sie scheuen auch vor keiner, selbst der schwersten Arbeit zurück; und bei ihren vielen Reisen, Herr K., werden Sie noch häufig Juden als Steinklopfer an den Chausseen gefunden haben. Auch müssen Sie es wissen, daß man unter ihnen Holzfäller und Flößer, Kärrner, Fuhrleute, Dachdecker u. f. w. findet, alles Beschäftigungen, die gerade nicht leicht und angenehm zu verrichten sind. Der so oft gemachte Vorwurf der Faulheit und Trägheit ist also, wie so viele andere, unverdient. Daß sie ihren sauer erworbenen Verdienst nicht wie ihre christlichen Collegen gleich vertrinken, sondern ihn zur Ernährung ihrer Familien, zur Unterrichtung ihrer Kinder — allen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.