Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1869)
- Date
- 1869-11-09
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
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falls auch in dem bösen Talmud — verwenden — Liegt wohl daran , weil si e hinter der Bildung jener zurückge.b.li eben sind! Daß die jüdischen Arbeiter die Parias unter ihren Glaubensgenossen und verachtet sind — und zwar mehr als dies sonst in der Welt der Fall — können wir eben so wenig zugeben. Oder setzt sich vielleicht Herr K. mit seinem Holzhacker zu Tische, und verkehrt der reiche Banquier, der vornehme Fabrikherr mit dem Eckensteher'? Die übrigen Schwächen und Fehler, welche den russischen Juden anhaften sollen, und die so gewissenhaft in jener Versammlung aujgezahlt wurden — sind alle viel mehr die Wirkungen als die Ursachen ihrer gedrückten Lage, und kommen wir wohl später darauf zurück. Eins aber muß mit der ganzen Energie der verletzten Wahrheit besonders zurückgewiesen werden, — das ist der Unglimpf, welcher den Rabbinen angethan wird! — Wenn schon die Wirksamkeit dieser Braven in gewöhnlichen Zeitverhältnissen anerkennenswerth ist, und sie die aufrichtigen Freunde, Berather und Tröster der Gemeindeglieder sind —, so verdient dasjenige, was sie in den beiden Nothjahren geleistet, den vollen Dank der ganzen Menschheit! Sie haben sich nicht nur als Seelsorger, sondern als wahrhafte Väter und Versorger ihrer Gemeinden bewiesen. Es sind uns Beispiele von Hingebung, von Ausopsernng, von Selbstverleugnung Seitens der Rabbinen bekannt, die an die antike Größe eines Myniel (in den Miserables) hinanreichen! Sie haben auf ihre Besoldungen zu Gunsten der Nothleidenden verzichtet, sie haben sich mit unermüdlicher Thätigkeit dem Unterstützungswerke gewidmet, und gewiß wäre ohne den Beistand der Rabbinen so manche Gemeinde untergegaugen. Und nun dieser Undank! Noch eines Jrrthums müssen wir berichtigend erwähnen, dessen sich Herr Or. Rülf — dessen Wirksamkeit sonst alle Anerkennung verdient — schuldig gemacht hat. Es betrifft dasjenige, was er über die Erziehung und Stellung des weiblichen Geschlechts sagt. Darnach sollen die jüdischen Mädchen ihre Jugendzeit zumeist in Trägheit und Faulheit — Herr R. sagt mit einem kühnen Bilde: „im Bette" verbringen, und seien dann bei den frühen Eheschließungen nicht im Stande Gehilfinnen des Mannes zu werden! — Aber wer hat das Herrn R. gesagt? denn selbst ist er, so viel uns bekannt — außerdem kleinen Ausflug nach Äowno — niemals in Rußland gewesen. Gerade das Gegentheil ist ja der Fall! Die Mädchen werden von früher Jugend — allerdings nicht zum Romanlesen, oder zu unfruchtbarer Gelehrsamkeit — aber zur Arbeit und Thätigkeit angehalten. Die Aermeren gehen dienen, die Wohlhabender« sind in Geichäst und Wirthschafl thätig. Sie werden denn auch nicht nur tüchtige Gehilfinnen des Mannes, sondern oftmals die alleinigen Ernährerinnen ihrer Familien. Sie sind brave Mütter, treue Gattinnen, und können den „gebildeten" christlichen Schwestern als Muster in Sitte und Tugend vorleuchten. Sie vernachlässigen auch gar nicht so ihr Aeußeres, und verkommen in Schmuz und Unreinlichkeit. — Eine kleine Abschweifung von der Aesthetik und Sauberkeit kann man ihnen aber wohl zu Gut< halten' das ist eine sarmatische Eigenthümlichkeit, womit ihnen die „gebildeten" christlichen Schwestern Vorgehen. Daß der Herr Redakteur Silbermann aus Lyck die Anklagen so pure bestätigte, und kein Wort der Rechtfertigung fand, wundert uns, und wir bedauern es aufrichtig. Desto erhebender ist dasjenige, was Herr Albert Cohn aus Paris gesprochen. Der Letztere hat denn auch die einzigen Schuldigen richtig bezeichnet: das ist die russische Regierung! Durch die Zurücksetzungen und Beschränkungen, denen die Juden überall ausgesetzt, vor allen aber durch das Einpferchen in die alten polnischen Provinzen, und die Versagung des Aufenthaltes im übrigen Rußland — dadurch sind die dortigen Juden unglücklich geworden. Während Handel und Verkehr sich ausdehnten, der Zug der neuern Zeit überhaupt „hinaus" und „ins Weite" geht — bannte man die Juden an die heimische Scholle, und zwang sie in ihren armen Heimstätten mit zu verarmen. Es zeigt von einer Lebenskraft, von einer Energie des Geistes, von einer Widerstandsfähigkeit ohne Gleichen in der Weltgeschichte, die in diesem Volke ruhen, daß es Jahrhunderte lang diesen Zustand ertragen, daß es in diesem Augenblicke noch ungebrochen! Erkennen wir dieses, so giebt es auch nur ein Mittel, nachhaltige Hilfe zu bringen; es heißt: Hinwegräumung der Schranken! Nicht Organisation von Auswanderung, gleichviel ob nach Amerika oder nach dem Innern Rußlands, nicht die Anlage von Fabriken oder die Gewährung sonstiger augenblicklicher Palliativ-Mittel, nichts von alledem! Volle unbeschränkte Freizügigkeit im ganzen russischen Reiche und für Alle ohne Ausnahme! dieses ist es, was allein Hilfe bringen kann. Man öffne den Juden das ganze weite Rußland, man gebe ihnen volle Gewerbefreiheit, man reiße alle sonstigen Schranken nieder — und sie werden sich vollständig regeneriren! Es liegt in diesem Stamm eine so wunderbarr Energie und instinctive Urtheilskrast, daß jeder Einzelne von selbst den Weg finden wird, welchen er zu wandeln hat. Deshalb ist auch jedwede Reglementirerei vom Nebel. Im Besitze der Freiheit, wird ihnen auch bald klar werden, was ihnen an moderner Bildung fehlt. Sie werden von selbst Schulen aller Art anlegen, sie werden rulfisch lernen und sich des polnisch-jüdischen Jargons enthalten, ohne daß ihnen dieses, wie Herr Karnowsky — acht kosakisch — vorschlägt, von oben her geboten werden mußte; mit einem Worte, sie werden ein freies selbstbewußtes Volk werden. Will die Alliance Isr. Univ. Etwas thun, so erwirke sie bei der russischen Regierung die volle Freizügigkeit im großen Czaren-Reiche, und den Juden ist geholfen. Die Sammlungen könnten immer fortgesetzt werden, denn Geld, viel Geld! wird immer gebraucht werden. _ Julius Lebegott» Druck von I, B. Hirschfeld, Leipzig.