Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1869)
- Date
- 1869-11-09
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
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915 Leben nicht mit angesehen hat, der kann sich übrigens kaum eine Vorstellung von dieser Secte machen. Sie haben sich eine eigene willkürliche Anordnung der Gebete und Gebräuche geschaffen, die von den strenggläubigen Israeliten aufs Eifrigste verpönt wird. Doch schon zu viel von diesen Geschöpfen, ich kann nur schließen: Kein böswilliger Feind hat den Glauben der Israeliten so sehr geschändet, als diese sich selbst „Fromme" schimpfenden. M. Deutsch. Antiquarische Conjectnr. Von Dr. Herzfeld. Manche Leser dieser Blätter erinnern sich vielleicht noch, daß ich in einer Besprechung des dreijährigen Cyclus das Erforderniß betonte, den zu bildenden drei Abtheilungen der Tora gleichen Umfang zu geben, und hiefür empfohlen habe, die erste Abtheilung mit 2 Mos. 18, 27^ und die zweite mit 4 Mos. 10, 36 zu schließen, weil hierdurch nicht bloß alle drei Abtheilungen fast genau den gleichen Umfang erhielten, sondern zugleich erzielt würde, daß die erste Abtheilung alles Borsinaitische, die zweite alles am Sinai Borgekommene, und die dritte alles Nachsinaitische des Pentateuchs enthielte. Inzwischen erhielt ich mehrfachen amtlichen Anlaß, mich weiter mit dem dreijährigen Cyclus zu beschäftigen, und hierbei tauchte in mir folgende Vermuthung auf. Bekanntlich sind die beiden Verse 4 Mos. 10, 35. 36 durch Zeichen eingeschlossen, welche in der Massora „umgekehrte Nun" heißen und nach Schabbat 115, b. 116, a wenigstens in das zweite Jahrhundert hinaufreichen. Natürlich nun sind die dortigen Erklärungen dieser auffallenden Zeichen (daß sie andeuten: diese beiden Verse standen an Unrechter Stelle, oder nach Rabbi: sie bildeten ein Buch für sich!) beide durchaus unzulässig; aber sollten nicht vielleicht diese Zeichen gerade daraus zu erklären sein, daß in dem dreijährigen Cyclus, welchen Megilla 29, b der babylonische Talmud dem „Abendlande" zuschrieb, wirklich an dieser Stelle die Vorlesung des zweiten Jahres endigte? Nämlich einerseits wäre das Zusammengehörige zerrissen worden, wenn man dort mit V. 34 geschlossen und nicht die Verse 35 und 36 noch hinzugenommen hätte; andererseits erscheint der nächste Vers (4 Mos. 11, 1) wegen seines traurigen Inhaltes wenig zum Anfänge der dritten Abtheilung geeignet. Aus diesen Gründen mag man in jener alten Zeit zwar die zweite Abtheilung mit V. 36 geschlossen, aber zur Eröffnung der dritten die Verse 35 und 36 wiederholt haben, um für dieselbe einen erfreulichen «Anfang zu gewinnen; und diese doppelte Eigenschaft der beiden Verse (den Schluß der zweiten und zugleich den Anfang der dritten Abtheilung zu bilden) mögen jene sie einschließenden massoretischen Zeichen haben andeuten sollen. Wahr ist freilich, daß die Massora zur Stelle noch 7 andere „umgekehrte Nun" aufführt, welche sämmlich vor Versen des 107. Psalms vorkämen, nämlich vor V. 23. 24. 25. 26. 27. 28 und 40 desselben, und daß eine ähnliche Bedeutung wie die, welche nach obiger Conjectur die umgekehrten Nun nach 4 Mos. 10, 34 und 36 hätten, für die in Ps. 107 nicht zu entdecken ist. Allein gegen diese Angabe der bekanntlich so stark eorrumpirten Massora darf man um so mißtrauischer sein, als 1) der massoretische Zusatz, diese angeblichen 9 Stellen des umgekehrten Nun mikrin achin werackin schebatora, ganz unverständlich erscheint und eine hier eingetretene Korruption ahnen läßt, und 2) in allen unseren Bibelausgaben, welche mir bekannt sind, sämmtliche 7 umgekehrte Nun des 107. Psalms wirklich fehlen. Wer nun für einen dreijährigen Cyclus die zweite Abtheilung wirklich an dieser empfohlenen Stelle schließen will, der thäte gut daran, in der That V. 35. 36 zweimal lesen zu lassen, zum Schluffe der zweiten Abtheilung und aus obigem Grunds abermals als Anfang der dritten, gleichwie Verse der Perikope am Neumond zweimal und an den Zwischentagen des Laubhüttenfestes gar viermal gelesen werden. Aber ganz abgesehen von einer Einführung des dreijährigen Cyclus, und bloß im antiquarischen Interesse, übergebe ich obige Vermuthung einer Prüfung der Sachkundigen. Die Juden im Rom während des Mittelalters. (Fortsetzung.) 4. Die Synagoge ja Rom im zwölften Jahrhundert. Die Gemeinde der Juden, schon seit Pompejus in Trastevere und um die Jnselbrücken ansässig, dauerte unter allen Stürmen der Geschichte in Rom fort. Sie zeugten sich fort, unvermischt mit Römern oder Barbaren, von Kindern zu Kindeskindern; sie sahen um sich her in Staub fallen die altrömische Republik, das römische Cäsarenthum, die unermeßliche Marmorstadt Rom, ein zweites fränkisches Kaiserthum, aber sie überdauerten, unzerstörlicher als Bildsäulen von Erz, die furchtbare Nemesis der Jahrtausende, und sie beten noch heute in denselben Gassen am Tiber zu Äehovah, dem Gott Abrahams und Mosis. Ihre Anzahl, die unter den spanischen Verfolgungen unter Philipp II. bis heute auf 50 00 Seelen gestiegen ist, betrug im XII. Säculum deren