Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1869)
- Date
- 1869-11-09
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
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914 * kam. Dadurch war derselbe scheinbar so sehr gealtert, daß man ihn für einen starken Vierziger hielt. Um die Augen war ein schwarzblauer Rand und die Haut ganz aschfarben. In der fürchterlichsten Erregung trat er ins Zimmer. „Du o Gotterkorner, hilf mir, rette mich," schrie er flehentlich, „alle die dummen Aerzte können mir keine Genesung verschaffen, also bei dem Namen des Himmels, bei Allem was uns heilig und theuer ist, befreie mich aus den Banden des bösen Dämon, der in mich gefahren, schicke die böse Seele, die sich nach dem Tode ihres früheren Besitzers in mich verborgen, wieder zur Ruhe. Habe Erbarmen, habe Gnade!" so bat mit gefalteten Händen der Unglückliche. Der Rabbi richtete seine kleine Figur auf und befrug ihn um seine Sünden. „Was sollte ich verbrochen haben, antwortete er, ich kann nich nicht entsinnen, ich bin so durch meine Krankheit gefesselt, daß mein ganzes Sinnen und Trachten nur ist, frei von allen Anfällen zu sein. Ich bete den ganzen Tag und fastete nach deinen Vorschriften, wann es nur möglich war, obwohl ich stets nach einem Fasttage schwer litt und zahlreiche Anfälle bekam; jetzt hoffe ich jedoch, wirst du mich nach so vielen Kasteiungen doch genesen machen!" Sich mit wilden Geberden hin und her schüttelnd und die Hände ringend, lief nun der Rabbi durchs Zimmer, indem er halblaute Gebete murmelte. Endlich stellte er sich kerzengerade vor den tiefgebeugten Mann und schaute mit scheinheilig verdrehten Augen zur Decke, als spräche er mit Gott. Nun schrie er einige Worte markerschütternd so, daß der arme Kranke wie ein Espenlaub zitterte und bebte. „Dibek," sprach er, „augenblicklich sollst du durch diesen kleinen Finger hinaus," und nun fügte er noch fürchterliche Drohungen hinzu, wenn ver böse Geist sich nicht bannen lassen wolle, indem er den kleinen Finger des Patienten berührte. Der in fürchterliche Aufregung gebrachte Mann verlor nun gänzlich alle Farbe; mit einem furchtbaren Schrei siel er wie eine bleierne Last auf den Boden und verfiel in rasende Zuckungen, der blutige Schaum trat vor seinen Mund, endlich lag er mit geballter Faust wie leblos da. Auch der kalt berechnende Rabbi stand rathlos da und schrie um seine Dienerschaft, doch der fürchterliche Anfall wollte nicht so leicht verlaufen, der Mann mußte nach Hause getragen werden, wo er nach einigen Tagen starb. Die „Frommen" mußten sagen, damit nicht Zweifel in die Unfehlbarkeit des Rabbi auftauche, „der Mann wurde wegen einer großen Schuld plötzlich vom Leben genommen und dieses einemal wollte Gott selbst den Bitten seines Erkorenen nicht nachgeben. Auch verbreiteten die Schleppträger des Rabbi, der Dibek sei als Funke plötzlich aus dem kleinen Finger des Epileptischen herausgefahren und sei mit solcher Geschwindigkeit durch das Fenster geflohen, daß er eine Scheibe zerbrach. Jedoch war der boshafte Geist so innig mit dem Körper des Mannes verwachsen gewesen, daß der bereits so sehr geschwächte Mann diese Loslösung des mit ihm innig verbundenen Geistes nicht leicht ertragen konnte. Ich hatte zwar sehr genau beobachtet, weil ich schon oft von dem Funkenaustreiben gehört hatte und dachte, der Rebbe versehe sich mit einem Conductor einer Elektrisirmaschine. Jedoch sah ich, ich muß es gestehen, dieß Instrument nicht, aber auch nicht den Funken, ich bemerkte nur, daß im Augenblicke der Bannung ein Chassid das Fenster des Zimmers einschlug. Jedoch schwuren selbst die Verwandten, denen es eingeredet wurde, sie hätten genau den Dibek entrinnen gesehen, und der Ruf des Wundermannes steigerte sich noch. In einer Hinsicht leisten die Rebbes wirklich gute Dienste und zumal als verläßliche Polizei. Wer die unendlich schlechten Polizeiorgane in diesen Gegenden kennt, der wird schon oft diesen Männern zum Danke verpflichtet gewesen sein. Ich selber hatte Gelegenheit mich von der Wahrheit dieses Ausspruches zu überzeugen. Mehrere kaufmännische Freunde aus Brünn waren vor einiger Zeit von einem Manne in bedeutender Weise durch Zahlungseinstellung benachtheiligt worden, derselbe hatte in Kaschau und Szandec ein Geschäft gehabt, hatte jedoch vor seiner Crida jedes dieser Geschäfte an nahe Verwandte übergeben, während er ganz spurlos verschwunden war und deshalb die Gläubiger keinen Kreuzer bezahlt bekamen. Ich ging deshalb auf die Bitte meiner Freunde zum Rebbe, der mir nach seinen Ceremonien am zweiten Tage mit der Camea auch die Adresse des Flüchtlings gab, den ich bald verhaften ließ. Kein Polizeidirektor wird mit solchem Eifer und solcher Schnelligkeit bedient wie der Rebbe, er spricht, wie die Leute behaupten, selten ein Wort, lernt und fastet tagelang, und doch kann er genau bestimmen, welche Waare sein Günstling kaufen soll um ein gutes Geschäft zu machen, welche Aktien rentabel sind und welche man verkaufen soll. Jedenfalls ist es eine feststehende Thatsache, daß der Mann, der einen solchen Posten einnimmt, in der Regel sehr klug ist und daß es möglich ist, daß Geschäftsleute, die sich seiner Führung überlassen, in der Regel gut versorgt sind und gerne gute Provision zahlen. Die Wunderrebbes haben jedoch nicht selten selber große Geschäfte, die dann natürlich die Frau besorgen muß. Der Reichthum der meisten ist oft enorm; viele von ihnen leben auf fürstlichem Fuße, denn das stets zufließende Geld wird gut angelegt und niemals retonrnirt, auch wenn die Camea augenscheinlich nichts genützt. Ein Mann, der eben wegen eines solchen Amulettes gekommen war, da seine Frau aus dem Sterbebette lag, bekam beim Weggehen ein Telegramm, daß seine Frau bereits gestorben sei. Flugs kehrte er daher zurück und bat sein vergebens ausgegebenes Geld zurück. Da schrie ihn der Rabbi folgendermaßen an: „Wer hat dir geschafft den „Erew“ zu übertreten? Du bist an einem Freitag Nachmittag gekoinmen und hast nahe am Abende eine verbotene Strecke zurückgelegt, hatte Gott also nicht recht dich dafür zu bestrafen? Kann ich für deine Schuld etwas?" Wer den Gottesdienst dieser Männer und ihr ganzes