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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-11-09 · Heft 45 (9.11.1869) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 45 (9.11.1869)
Date
1869-11-09
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feuilleton-Äeilage zu Nr. 45. Leipzig, den 9. November 1869. Im Lager der Chassidim. Ein Culturbild aus Ungarn. „Der Rebbe, der große Wunderrabbi hält heute seinen Einzug hier," sagte mir ein Bekannter, bei dem ich, auf einer botanischen Reise begriffen, abgestiegen war, „hier soll er große Proben seiner Kunst ablegen, besonders wird er einen bösen Dämon aus dem Körper eines armen Unglücklichen bannen, dich nennt man einen Dibek austreiben." Und wahrlich bald sollten wir die Zeugen sein, wie majestätisch und mit allem seiner Hoheit gebührenden Ehrengefolge der „Hauptfromme" seinen Triumphzug in die polnische Stadt D. hielt. Zuvörderst wollen wir über die Ursache der häufigen Rundreisen dieser Männer sprechen. Diese von der Menge so bevorzugten Leute, die sich in unbeschreiblicher Arroganz als Hüter des Glaubens betrachten und die an keine Gemeinde stabil sich bindend, dem gesammten Judenthume ihre Lehre aufdrängen wollen, haben sich von jeher für die Missionäre ihres Glaubens ausgegeben, indem sie von Ort zu Ort wandernd Verdummung, Mystizismus und Obskurantismus verbreiten. Zur Bekräftigung ihrer Lehre führen sie mit unvergleichlicher Charlatanerie die verschiedensten Wunder aus. Sehr oft kommen sie in Gemeinden, deren Rabbiner wohl orthodox, doch noch verständig genug sind, um diesen Hexensabbat, den ein solcher Mann verursacht, aufs Tiefste zu beklagen, diese müssen jedoch, wenn ihnen ihre Stelle lieb ist, gute Miene zum bösen Spiel machen und sich aufs Genaueste nach den Vorschriften des herrschenden Matadors richten. Solche Scenen sah ich z. B. auch in Sebes, einem Orte in Oberungarn. Letzthin wäre es, wie das schon auch außerdem passirt, einem dieser Ungebundenen in Eperies bald sehr übel ergangen. Dieser Ort bildet eine wahre Oase in der vom Chassidismus so sehr heimgesuchten Gegend; da kommt nun eines schönen Tages der Szikszoer Erzheilige wie ein ckeus ex machina in dies moderne Sodom und will, trotzdem, daß ein wackerer Seelenhirte dieser Gemeinde Vorstand, seinen Spuk daselbst beginnen. Doch der intelligente Vorstand ließ durch einige handfeste Panduren den Gottesmann aus dem Orte spediren und gab ihm als Reisegeld die Drohung mit, es werde ihm noch viel übler ergehen, so er das nächste Mal einsprechen sollte. Und nun zur Sacke. Der Ortsvorstand und Alles was sich nur regen und bewegen konnte, waren dem Rebbe entgegengefahren oder gegangen und alle bemühten sich, als sie seiner ansichtig wurden, in der gottgeschwängerten Atmosphäre zu athmen. Jeder reichte ihm mit devotester Ergebung mit einem „Lebalom alechem“ (Friede mit Euch) die Hand. Die Honoratioren der Gemeinde an der Spitze, begann der Zug; darauf folgte der Wagen des Rebbe, in dem noch sein bevorzugter Adjutant und der Oberrabbi saß. Der Rebbe. lehnte sich mit halbgeschloffenen Augen an seinen Sitz und schob mechanisch seine Hände Jedermann entgegen. Nun folgten lausend eine große Schaar Männer, Frauen und Kinder. Angekommen, stieg der Rabbi in der schönsten disponiblen Wohnung ab und nahm bald ein Bad (das einzige Schöne in den Gebräuchen dieser Sekte ist, daß sie jeden Tagin aller Frühe ins Bad gehen müssen um sich 3 mal unterzutauchen). Als er sich in sein Zimmer zurückbegeben hatte, war der Rummel fertig, Alles, Gesunde wie Kranke, Männer wie Frauen, alle wollten ihre sündhaften Leiber in derselben Wanne baden, in welcher der Gotterkorne gesessen, zudem durfte bei Leibe kein anderes Wasser zugelaffen werden, jeder wollte, wenn auch nur ein Atom des gottbegnadigten Schmuzes in seinen Leib transspiriren, um durch diese Endosmose von einem guten Theile seiner Schuld befreit zu werden. Nun hielt der Rebbe eine fürchterliche Moralpredigt gegen den Rabbiner und die Gemeinde, Niemand wagte zu widersprechen, es herrschte Todtenruhe; darauf entließ er Alle und zog sich in seine innersten Gemächer zurück. Mittlerweile waren die Adjutanten nicht müßig gewesen, heute war Agiotag, und jeder der eine Audienzkarte erhalten wollte, mußte schweres Gold dafür deponiren. Ich kam durch Protektion als fünfter mit einem an Epilepsie leidenden Mann an die Reihe, ich hatte mich mit der Familie eingeschlichen, um zu sehen, wie hier das berühmte „Dibekaustreiben" vor sich gehen werde. Ein etwa 28 jähriger Mann war es, der von Jugend auf in Folge eines Schreckes zu diesem entsetzlichen Leiden

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