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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-11-09 · Heft 45 (9.11.1869) · p. Seite 908

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 45 (9.11.1869)
Date
1869-11-09
Page
Seite 908 (sequence 12)
Language
German
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908 der Israelitenfrage gemacht haben, aus denen hervorginge, daß dieselben durchaus keinen religiösen Charakter, sondern vielmehr eine socialpolitische und volkswirthschaftliche Bedeutung besitze, so daß zu ihrer befriedigenden Lösung die freundschaftliche Beihülfe der Schutzmächte vonnöthen wäre. Außerdem, heißt es, wolle Fürst Karl für ein Recht Propaganda machen, welches seiner Zeit schon von den Garantiemächten dem Fürsten Karl Kusa kurz vor seinem Falle zugestanden worden war, das Recht nämlich, eine eigene Münze prägen und einen eigenen Orden verleihen zu dürfen. Damals waren die betreffenden Dekorationen schon bei einem Juwelier des Palais Royal bestellt gewesen, konnten aber nach der bukarester Revolution vom April 1866 nicht mehr abgelicfert werden. Hiesige Blätter weisen mit merkwürdiger Beharrlichkeit und auffallender Borliebe darauf hin, daß Fürst Karl von seinem Vater autorisirt worden sei, eine gewisse Anzahl hohenzollernscher Hauskreuze zu vergeben — eine Hinweisung, die deutlich zu verstehen gibt, wo die Herren der Schuh drückt." Aehnlichen Correspondenzen begegnet man auch anderswo. Die Herren Cremieux, Alphons und Gustav v. Rothschild haben dem Fürsten ihre Aufwartung gemacht. Es sollen da Andeutungen gefallen sein, daß man die Juden von portugiesischem Ritus sofort emancipiren, gegen die von polnischer Abstammung beschränkende Maßregeln treffen müsse. Aus allem dem ersieht man nichts, als daß man nach Borwänden zu vexatorischen Maßregeln sucht. Alle, welche die Donaufürstenthümer bereist und gründlich kennen gelernt haben, stimmen darin überein, daß ohne die Juden Rumänien national-ökonomisch verloren sein würde, da diese allein thätig, mäßig und industriell sind. Man will sie aber theils aussaugen, theils als Prügelknaben benutzen, um dem rumänischen Pöbel zu gefallen. Der Gesinnung des Fürsten Karl lassen wir alle Gerechtigkeit widerfahren, und die Beurtheilung seiner vorwiegenden Neigungen geht uns nichts au. Ob aber die rechte Kunde der wirklichen Verhältnisse des Volkes zu ihm dringt, und ob er die Macht besitzt, selbstständig einzugreifen, bezweifeln wir. Rußland. Petersburg, 11./23. Sptber. (Privatmitth.) Ihre so oftmals bewiesene warme Theilnahme an dem Entwicklungsgänge der Juden Rußlands läßt mich hoffen, daß Sie die gegenwärtigen Mittheilungen nicht ungerne in die Spalten Ihrer sehr geschätzten „Zeitung des Judenthums" aufnehmen werden. Sie betrifft die hiesige unter der Leitung des Herrn L. Behrmann stehende Schule für jüdische Knaben und Mädchen.*) Die erstaunlichen Erfolge, welche die Schule in der kurzen Zeit von fünf Jahren geliefert hat, legen Zeugniß von der ausgezeichneten Leitung derselben ab, und die immer zunehmende Anzahl von Schülern und Schülerinnen zeigt deutlich genug, welchen Einfluß sie auf die in St. Petersburg wohnenden Juden ausgeübt hat. Leute, die, selbst in Städten wohnend, wo von der Regierung gegründete jüdische Volksschulen bestehen, sich nie entschlossen hätten, dem schmuzigen Che der untreu zu werden, ja sogar eifrige Anhänger der Reb-Schmilke's und Reb-Orele's, die sonst in ihrem Chassidim-Stübel den sichersten Schutz vor Bildung und Cultur fanden, schicken jetzt ihre Kinder zur Behrmann'schen Schule. So mancher Melamed schüttelt wehmüthig den Kopf über diesen Verstoß gegen altherkömmlichen Brauch und Sitte und — bittet den Hrn. Behrmann, ihn als Lehrer der hebräischen Sprache in der untersten Klaffe der Schule anzustellen! — Glauben Sie aber nicht, daß es die russische Bevölkerung ist, welche so reformirend auf die jüdischen Bewohner Petersburgs gewirkt hat. Der Einfluß des Petersburger russischen Volkes auf die Juden erstreckt sich vorläufig größtentheils nur dahin, daß Letztere ihren litthauisch oder polnisch-jüdischen Jargon, so zu sagen, russisicirt haben, indem sie den deutschen oder hebräischen Stammwörtern nicht mehr deutsche, sondern fast durchweg russische Bor- und Nachsylben anhängen. — Vielmehr ist es die genannte Schule selbst, die bei den hiesigen Juden die Bereitwilligkeit hervor- *) Wir haben unsere Mittheilurigen absichtlich mit der jüdischen Schule begonnen, weil sie das erste Lebenszeichen der hiesigen Juden ist. Mittheilungen über die hiesige, noch immer nicht geregelte Gemeinde, über manche wohlthätige Anstalten, die neue Choral-Synagoge u. dgl. werden Nachfolgen.

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