Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1869)
- Date
- 1869-11-09
- Page
- Seite 909 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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909 gerufen hat, ihren Kindern eine zeitgemäße Erziehung zu geben. Wäre hier eine von der Regierung eingerichtete jüdische Volksschule, so hätte diese eben so wenig erlangt, wie die ähnlichen Schulen in der Provinz, und zwar aus folgendem Grunde. Das größte Gewicht wird in diesen Schulen auf die russische Sprache gelegt, die Kenntniß der Bibel und der hebräischen Sprache hingegen wird sehr wenig berücksichtigt. Sich aber von der Kenntniß der Bibel und der hebräischen Sprache, diesem theuern, seit Jahrtausenden, trotz der härtesten Unglücke und der blutigsten Verfolgungen, siegreich behaupteten nationalen Eigenthume, lossagen, heißt beiden Juden eben so viel, als sich gewissermaßen vom Judenthume lossagen, und das wäre doch wahrhaftig ein gar zu großes Opfer! — Wir wollen gern Russen sein, aber wir wollen nur jüdische Russen sein. Wir wollen gern unseren christlichen Landesgenossen die Bruderhand reichen; aber >vir »vollen sie auch unseren Glaubensbrüdern nicht entziehen. Wir wollen unseren Kindern gern eine dem russischen Geiste entsprechende Erziehung geben; aber nicht anders, als auf fester jüdisch-religiöser Grundlage. Eine solche Erziehung der jüdischen Jugend ist es aber, was sich die Behrmann'sche Schule zur Aufgabe gemacht hat. Von der pünktlichen Erfüllung dieser Aufgabe sind die Petersburger Juden durch die bisherigen Leistungen überzeugt, und in der hohen wissenschaftlichen Bildung, der tiefen Sachkenntniß und der strengen Religiosität des Herrn Behrmann finden sie die beste Garantie, daß die Schule auch ferner Großes leisten und die angenommene Richtung nicht verlassen wird. Mit Freuden sehen daher die hiesigen Juden in ihrer Mitte eine Anstalt bestehen, die den religiösen Sinn ihrer Zöglinge nährt und erhält und ihnen zugleich auch einen wissenschaftlichen Unterricht zu Theil werden läßt. Der Unterricht umfaßt, außer der Bibel, der hebräischen Grammatik, Uebersetzung der Gebote, der Religionslehre, den häuslichen Gesetzen (ein t), der jüdischen Geschichte und, für wenige Schüler und auf besonderen Wunsch ihrer Eltern, dem Talmud, auch noch alle Gegenstände, welche in den antern drei Klassen der russischen Gymnasien gelehrt werden, d. h. die russische, deutsche, französische und lateinische Sprache, die russische Geschichte, Naturgeschichte, Arithmetik, Calligraphie und Zeichnen, so daß bereits einige Kinder nach Beendigung der Schule ohne Schwierigkeiten in die dritte, manche sogar in die vierte Klasse des Gymnasiums eintraten. *) Bei alle Dem lag aber der Schule doch noch ein Hindcrniß im Wege, welches das glückliche Gedeihen derselben sehr zu hemmen drohete. Es ist der bei der immer zunehmenden Anzahl von, meistens armen, Schülern sehr fühlbar gewordene Geldmangel. Die 1600 R., welche der um die Bildung der Juden in Rußland so sehr verdiente Herr H. Günsburg jährlich der Schule Übermacht, und einige andere Beiträge abgerechnet, sind die Einkünfte der Schule überhaupt sehr schwankend und erreichen bei Weitem nicht die Ausgaben. Das jährlich sich herausstellende Deficit könnte nicht gedeckt werden, wenn nicht die Regierung durch wiederholte Geldspenden der Schule ihr Wohlwollen ausgedrückt hätte. Wenn aber auch das jährliche Deficit immer gedeckt wurde, so war doch der Mangel an Mitteln für die Schule sehr empfindlich. Für den Unterricht konnte kein angemessenes Honorar geboten werden, was einen häufigen Lehrerwechsel zur Folge hatte und den regelmäßigen Gang des Unterrichts sehr beeinträchtigte. Die Schulbibliothek konnte nicht in einen solchen Stand gesetzt werden, wie es die Schule erheischt, und auch die äußeren Einrichtungen der Schule ließen noch Manches zu wünschen übrig. Es wird aber in kurzer Zeit, Dank den Bemühungen des Herrn Ch. Kahn, allen diesen Uebeln abgeholsen werden. Herr Ch. Kahn, obwohl zur streng orthodoxen Partei gehörend, hat immer zur Förderung des geistigen und materiellen Wohlstandes der hiesigen Juden, soweit es ihm möglich war, beigesteuert, und auch jetzt hat sich auf sein Anregen ein Comitö zur Unterstützung der St. Petersburger jüdischen Schule gebildet, welches nur noch auf Bestätigung von Seiten des Ministeriums des Innern wartet, um seine Thätigkeit zu beginnen. Zum Comitü gehören folgende Mitglieder: Herr N. Günzburg, erster Vorsteher; Herr Poljakoff, zweiter Borst.; Herr A. Warschaw sky, Ehrencurator; die Herren B. Bloch und CHessin, *) Außer dem Herrn Behrmann, wirken an der Schule noch acht Lehrer. Für die Mädchenabtheilung, wo auch Handarbeit gelernt wird, ist eine Gouvernante engagirt. Die Mädchen nehmen keinen Unterricht in der Bibel und 21« -ri.