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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-11-09 · Heft 45 (9.11.1869) · p. Seite 901

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 45 (9.11.1869)
Date
1869-11-09
Page
Seite 901 (sequence 5)
Language
German
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901 sehen. Für sie sind Rabbi und Zadik die weisesten aller Menschen, die alles wissen, können und sogar Wunder thun. Was diese armen Leute und die sie ausbeutenden geistlichen Gewalten sür ihre Interessen Hallen, sind die wirklichen Interessen der russischen Juden nicht. Das darf man keinen Augenblick aus dem Auge verlieren." Die vom „Golos" gegen die Thätigkeit der Alliance israelite vorgebrachten Einwürfe erledigen sich durch die von derselben in Berlin gefaßten Beschlüsse. Die Alliance will in der Thal nur die ökonomische Unterstützung der russischen, zunächst der litthauischen Juden. Letztere sind durch den Ruin der polnischen Gutsbesitzer und Städter, den die Rebellion herbeigeführt, der Gelegenheit zu Handel und Handwerk, wovon sie bisher gelebt, beraubt, vom Ackerbau ausgeschlossen und verhungern im buchstäblichen Sinne des Wortes. Ihnen vorläufig die nothwendigsten Geldmittel zukommen zu lassen, und sodann ihre Auswanderung aus dem nahrungslosen Elend zu organisiren, ist der wesentliche Zweck, den die Alliance mit Bezug auf sie verfolgt. Wenn die russische Regierung sie gütigst fortlassen, und sür sich selber sorgen lassen will, so hat sie Alles gethan, was von ihr verlangt wird. Leider ist es nichts weniger als gewiß, daß man den armen Leuten, die als Händler und Handwerker von ihrer allzu zahlreichen Gegenwart in einem halb barbarischen Lande selber am meisten leiden, abzuziehen erlauben wird. Wichtiger als die Angriffe des „Golos" ist das, was derselbe über die geistigen Fähigkeiten der Juden und ihre mögliche, aus hervorragenden Verstand gegründete, Weltherrschaft sagt. Der „Golos" — das Organ des russischen Unterrichtsministeriums — muß am besten wissen, wie es damit in Rußland steht. Wenn wir ihm glauben dürfen, so sind also die dortigen Juden den anderen, neben ihnen wohnenden Völkerschaften geistig so sehr überlegen, daß, wenn sie sich nur bilden wollten, sie obenauf kämen und damit nicht nur sich selber, sondern auch obenein ihren weniger begabten Mitbürgern den größten Nutzen bringen müßten. Ein äußerst merkwürdiges Eingeständniß. Denn wer kann bezweifeln, daß auch die polnischen und russischen Juden allmälig europäische Cultur annehmen werden? Hängt nicht die Cultur der Juden immer und überall auf's Innigste mit der Entwicklungsstufe der Völker zusammen, unter denen sie leben, und ist nicht Rußland bemüht, seine Schulen, seine Kenntnisse, seine ganze geistige Gesittung nach und nach auf den europäischen Standpunkt zu heben? Es mag in der heutigen, stark militärischen Periode langsam damit gehen, aber es wird schon schneller werden. Vorläufig aber und so lange die Masse des russischen christlichen Volkes in der tiefsten intellectuellen Finsterniß verharrt, kann man den dortigen verhältnißmäßig verschwindend wenigen Juden keinen Vorwurf daraus machen, daß sie, von der allgemeinen Armuth und Unwissenheit erdrückt, sich über das Niveau ihrer Umgebung nicht herauszuheben vermochten. Was den Einfluß der Juden in anderen Ländern, und zumal im westlichen Europa betrifft, so wird er vom „Golos" überschätzt. Es giebt allerdings Staaten, in denen die Juden, durch Auszeichnung in allen Zweigen der menschlichen Thätigkeit, zahlreich in die Höhe gekommen sind; in anderen, wo sie eben so viel Gelegenheit dazu besaßen, ist das indeß wenig geschehen. Sie bedürfen sichtlich eines congenialen Bodens, um sich zu entwickeln, und scheinen ihn, als eine feine und eigenthümlich organisirte Race, nicht allzu oft zu finden. Was aber werden unsere hiesigen Hephepschreier dazu sagen, daß ihnen von Rußland aus beigebracht werden muß, der geldsammelnde Capitalist nütze, selbst wenn er ein Jude ist, nicht nur sich selbst, sondern auch dem Lande, in welchem er lebt? Zeitungsnachrichten. Deutschland. Bonn, 27. October. (Privatmitth.) Der Zufall spielt oft in eigentümlicher Weise, um Gegensätze und Ähnlichkeiten (Antithesen und Analogieen) zu Tage zu fördern und zum Bewußtsein zu bringen. Wir erhielten in diesen Tagen durch die Güte eines Freundes unsres Blattes die Abschrift eines Aufsatzes über die C uchetas aufMallorka, die Abkömmlinge der auf dieser Insel im 14. u. 15. Jahrhundert zur Taufe gezwungenen Juden, die dennoch von der Inquisition bis zum Jahre 1785 mit Scheiterhaufen und Confiskationen auf's Blutigste verfolgt, zugleich aber auch von der Bevölkerung als Parias gebrandmarkt, ausgeschlossen und in ein Ghetto gesperrt waren. Der Artikel hatte in der Zeitschrift „Globus" gestanden, wir konnten aber keinen Gebrauch davon machen,

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