Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1869)
- Date
- 1869-11-09
- Page
- Seite 900 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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900 aber eine wirkliche Last für die Bevölkerung geworden. Sehen wir uns — abgesehen von Galizien, dessen Berhältnisse unseren eigenen ähneln — Diejenigen Punkte an, wo sie im Auslände ebenfalls in größerer Menge leben, so finden wir, daß sie selbst in Posen, Hamburg und Frankfurt, so zahlreich sie dort auch sind, nicht allein nicht geschadet, sondern ungemein genützt haben, und, um die Wahrheit zu sagen, viel mehr gethan haben, diese Provinzen und Städte reich zu machen, als die deutschen und polnischen Bewohner derselben. In den westlichen Theilen Rußlands, in Galizien und den Donaufürstenthümern werden die Juden dagegen nicht mit Unrecht für eine wahre Landespest angesehen. In letzteren Gegenden sind sie nämlich ungebildet, in ersteren nicht. Daß der gebildete, von Fanatismus freie Jude seinen andersgläubigen Mitbürgern ungemein zu nützen pflegt, wird wohl Niemand läugnen; der rohe, unwissende Fanatiker dagegen, welcher blindlings alterthümliche rabbinische Vorschriften befolgt, und dem Zadik die Pantoffeln küßt, bleibt selber arm und elend, und wird für die Gesellschaft zu einer schweren Bürde. Wie wir hören, gedenkt Herr Cremieux auf seiner Reise nach Rußland einer Sitzung der Alliance israelite in Berlin zu präsidiren, auf welcher die dürftige Lage der westrussischen Juden erörtert werden soll. Leider ist wenig Aussicht vorhanden, daß diese wichtige Frage dort vom allein richtigen, d. h. vom ökonomischen Gesichtspunkt aus, besprochen werden wird. Die erwähnte Alliance israelite ist von ihrem eigentlichen Zweck, der. sittlichen Hebung der Juden, mehr und mehr abgewichen. Mir ihrem republikanischen Exminister an der Spitze, hat sie sich auf das Gebiet der Politik geworfen und Herrn Cremieux in die Lage gesetzt, gewissermaßen den Präsidenten eines universellen, sich über die ganze Welt erstreckenden Gemeinwesens zu spielen. Ganz wie das Haupt einer Regierung setzt er sich mit den Regierungspersonen anderer Länder in Verbindung und, was noch merkwürdiger ist, bekommt von einigen derselben wirklich Antworten. Man wird sich erinnern, welchen Lärm seiner Zeit Herr Cremieux gegen die Donaufürstenthümer angeschlagen hat, wo die Juden ja auch unterdrückt sein sollen; ja, wie er sich erdreistete, unsere eigene Regierung wegen der aus Petersburg gewiesenen, nicht ortsangehörigen Juden zu examiniren und ausführliche Aufklärungen von ihr zu verlangen. Wer ist denn eigentlich dieser Herr Cremieux? Ist er ein Regierungschef oder ein Privatmann? Diese Frage sollte man sich doch beantworten, ehe er nach Petersburg kommt und ehe man sich mit ihm in Verhandlungen wegen unserer Juden einläßt. Weder mit unserer nationalen Würde, noch mit der gesunden Vernunft verträgt es sich, ihn als eine officielle Person zu behandeln: Bekanntlich giebt es gegenwärtig keinen jüdischen Staat, kann also auch keine jüdische Regierung, am wenigsten eine über die ganze Welt hin herrschende jüdische Regierung geben. Die russischen Juden sind zunächst russische Unterthanen, und haben als solche kein Recht auf eine andere legislatorische Besserung ihrer Zustände zu. hoffen, als durch ihre eigene legitime Regierung. In der That scheint Herr Cremieux dieses klare staatsrechtliche Verhältniß für die westeuropäischen Länder auch anzuerkennen, und führt nur für Rußland ander..' Maß und Gewicht. Wie könnte er sonst in Berlin die Mitglieder der Alliance israelite versammeln, um über die Verhältnisse, nicht etwa der preußischen, sondern der russischen Juden zu verhandeln? Möglicherweise haben ihn seine rumänischen Erfolge gereizt, sich auch in russische Dinge einzumischen; aber sollte ein so erfahrener Mann, wie der französische Exminister, nicht begreifen, daß zwischen dem Czarenreiche und der.Wallachei ein Unterschied ist? Werden die freundschaflichen Rathschläge Napoleons III., die in Bukarest gewirkt haben mögen, auch in Petersburg etwas gelten? Bisher haben viel einflußreichere Persönlichkeiten, als Herr Cremieur, es noch immer vergebens versucht, sich in unsere polnischen Angelegenheiten zu mengen. Hat dagegen Hr. Cremieux, wie wir hoffen wollen, den Tact, der von ihm und der Alliance angenommenen politischen Rolle in Rußland zu entsagen, so kann seine Erfahrung in jüdischen Dingen sowohl den Administrativbehörden, als den Juden unserer westlichen Landestheile erheblichen Nutzen bringen.. Eine nothwendige Vorbedingung dazu ist allerdings, daß Hr. Cremieux sich nur auf diejenigen Mittheilungen verläßt, welche ihm von gebildeten russischen Juden gemacht werden, die dumpfe, niedere Masse dagegen, welche sich allen Verbesserungen hartnäckig widersetzt, und ihren Kahal-Jnstitutionen mit abergläubischer Ehrfurcht anhängt, für unglaubwürdige Zeugen hält. Was diese letzteren ihm sagen, ist etwa so verläßlich, als die Gefechtsrelationen, mit denen die polnischen Aufständischen im Jahre 1863 die fremden Zeitungen füllten. Uebrigens werden unsere Juden von der alten Schule Herrn Cremieux schwerlich für den Ihrigen an-