Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1869)
- Date
- 1869-11-02
- Page
- Seite 895 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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895 chen, kannte und schrieb mit Leichtigkeit biblisches und talmudisches Hebräisch und war ein mäßiger Lateiner. Die griechischen Dichter und ihre Nachbildner liebte er, von modernen Schriftstellern consultirte er keinen regelmäßiger als den Montaigne. Seine Erwerbsthätigkeit war die eines Maklers in nordischen Produkten, und er galt als einer der ersten Kenner in diesem Fache und wurde noch in diesem Jahre von der Handelskammer zum Schiedsrichter bestimmt. Im Jahre 1839 verstarb M. I. Breslau. H. bemühte sich damals, für einen Freund das Secretariat der Gemeinde zu erlangen, welches sammt dem Notariat von Br. bekleidet war. Aber die Vorsteher sagten, es sei bereits das Amt ihm selber zugedacht. Er schrieb damals an Rieffer (3. Februar 1840): „Was mich quält, ist, daß das Publikum dabei manches Talent in mir voraussetzt, das ich nicht besitze, und ich kann nun nicht eher ruhen, bis ich mir es erworben haben werde. Daß ich aber mein Amt nicht blos als Brodstelle betrachten, sondern vor wie nach der Fahne des Progresses folgen will, traust Du mir wohl zu. Ich habe die hohe Satisfaction, stündlich zu erfahren, daß alle Klassen der Gemeinde, die Besucher der Klause, der Schule und des Tempels mit meiner Erwählung ungemein zufrieden sind." Das damit verbundene Amt eines Notars nahm er nicht an, um seine commercielle Stellung behalten zu können, fand aber doch, daß das Secretariat so viele Zeit absorbirte, daß sein Geschäft sehr darunter litt und er während einer Reihe von Jahren mit großen Nahrungssorgen zu kämpfen hatte, bis die Kinder allmälig das Haus verließen. Daß er dagegen auch das Amt nicht als ein ihn einzwängendes ansah, bewies er sofort durch seine heftige Polemik ve?8U8 Heß aus Lengsfelde bei der Wahl zum Tempelprediger. Wenn er auch mehr für Leopold Stein, als für Frankfurter geneigt war, so galten ihm doch beide werth und bald verband eine warme Freundschaft Frankfurter und ihn. In dieser Zeit arbeitete er auch aus: die neue Synagogalordnung, das revidirte Tempelgebetbuch, die Arbeiten zur Grundsteinlegung des neuen Betty Heine'schen Krankenhauses. Seinem Princip, es sei das Wichtigste in der Wohlthätigkeit, Arme zu unterstützen, ohne sie zu beschämen, hatte, er Gelegenheit Ausdruck in den Anordnungen zu geben, die sein Freund Hartvig von Essen auf seinen Rath im Testamente machte. Diese Stiftung ist noch heute eine wesentliche Stütze der jüdischen Armen. Die Rückkehr Riesser's als Notar hierher war für ihn ein freudiges Ereigniß. Während der folgenden Jahre beschäftigten ihn die Folgen— in Bezug auf die Gemeindeverhältnisse — des Hamburger Brandes, die Polemik über das neue Tempelgebetbuch und die Einrichtungen des Krankenhauses. Mehr und mehr eoncentrirte er in sich die Arbeiten der verschiedenen Branchen der Gemeindeverwaltung, wozu ihm seine große Arbeitsfähigkeit Gelegenheit gab. Im Jahre 1848 drängle er sofort darauf, sich nicht mit den Frankfurter Grundrechten zu begnügen, sondern die Emancipation der Juden müsse durch Rath- und Bürgerschluß in hergebrachter Form decretirt werden, damit nicht wieder ein Zurücktreten wie im Jahre 1814 möglich sei. Die Ereignisse der folgenden Jahre bewiesen die Richtigkeit seiner Voraussicht. Hiermit hatte er auch den Gipfel seines Strebend erreicht und den seiner Popularität. Von der Mitte der 50er Jahre an erwuchs ein Geschlecht, das die Leiden und Drangsale nicht mehr mit erlebt hatte, die sie nur noch als Tradition empfingen. Die Reihen der Mitkämpfer lichteten sich. In dem Streite über die jüdische Armenpflege gerieth H. mit seinen eigenen Principien in Conslict,denn warum sollten die jüdischen Armen nach erfolgter Emancipation dennoch mehr beanspruchen und erhalten, als ihre Mttbürger anderer Confessionen? Und doch konnte sich sein jüdisches Herz nicht dazu hergeben, seinen Armen geringereHülfe leisten zu wollen. So weit, sagte er, ginge sein Ideal der Gleichstellung nicht, daß er suchen müsse, proportionell dieselbe Zahl Juden wie Christen im Zuchthauszu sehen. Seine letztere größere öffentliche Arbeit waren die Pläne zu der neuen Synagoge 1857—1859, bei denen er den Architecten Rosengarten unterstützte. Im Jahre 1863 traf ihn ein schwerer Schlag. Dieselbe Woche raubte ihm seinen Herzensfreund Riesser und seine Mutter, an der er mit der innigsten Liebe hing. Hiervon hat er sich nie erholt — beides auf einmal, das war zu viel. Und weiter schied einer nach dem andern der alten Freunde, bis er in den letzten Jahren sich außerhalb der Stadt eine Wohnung nahm, da er innerhalb derselben fast nur noch geschäftliche Beziehungen hatte. Hier lebte er im Kreise seiner Kinder und Kindeskinder, sich mit Litteratur und Kunst beschäftigend, auch das Werk „zwei Epochen" edirend, bis er im April schwer erkrankte und am 25. September dem Tode erlag. Ich kann diese Skizze nicht beenden, ohne noch einen Charakterzug hervorzuheben, sein häusliches Verhältniß, seine Liebe zu seiner Frau. Ich wiederhole nur, was er selbst mir oft gesagt: was er sei, was er gewirkt, sei seiner Gattin Thun. Er kannte nur Ein Publikum, an dessen Beifall ihm lag, nur Eine, der er gefallen wollte — sie war es. Wer nicht selbst diese bräutliche Liebe gesehen, welche die Beiden für einander bis in ihr hohes Alter gehegt, der kann dies auch kaum begreifen.* *) H. hinterläßt sechs Kinder, von de- *) Wir fügen ein reizendes Gedichtchen hier an, welches H. zum 31. December 1866, zur Feier seines 53. Verlobungsuud 40. Hochzeitstages verfaßt, und von dem er uns damals einen Abdruck nebst einer Photographie, die ihn und seine Gattin darstellt, übersandte, bei. 1866 Dec. 31. Viele Jahre sind verflossen Und die Frage steht uns frei: Liebe, frohe Festgenossen, Sagt uns, sind wir wirklich Zwei- Ei wahrhaftig, es sind heute Fünfzig Jahre und noch Drei Und wir fragen alle Leute: Sind wir, sind wir wirklich Zwei - * Lieben, fürchten, hoffen, sorgen, Stets uns beiden einerlei Längst und gestern, heut' und morgen: Bitte, sind wir wirklich Zwei- Kinder, haltet ein mit Küssen! Netz von Armen, gieb uns frei! Laßt uns athmen, laßt uns wissen Sind wir, sind wir wirklich Zwei-