Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1869)
- Date
- 1869-11-02
- Page
- Seite 896 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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896 nett zwei Chefs des Bankhauses Haarbleicher L Schumann in London sind.- So weit die uns zugekommene Skizze. Der Verf. hat es uns freundlichst überlasten, des regen Antheils zu erwähnen, welchen H. an dieser Zeitung genommen. Kaum waren die ersten Nummern derselben im Jahre 1837 erschienen, als er uns brieflich begrüßte, und sofort mit Aufsätzen und Artikeln unterstützte. Der erste Jahrgang schon bringt Beweise für die Richtungen, in welchen er thätig sein wollte. Außer der Hamburger Correspondenz gab er die Abhandlung „Hamburger Gesetz" von Nr. 41 an und „Mittheilungen aus Hamburg" in Nr. 76 ff. Charakteristisch war aber das von ihm verfaßte „Schreiben eines jüdischen Familienvaters an die Reformatoren" in Nr. 75, welches damals großes Aufsehen und mehrfache, offen gestanden, wenig zutreffende Erwiderungen hervorrief. Er gab darin seine Ansicht zu erkennen, daß mit gottesdienstlichen Verbesserungen noch wenig geschehen, vielmehr gegen den in das Judenthum importirten Aberglauben und gegen viele Mißverhältnisse in ritualer, eherechtlicher u.s.w. Beziehung zu kämpfen sei. Das Schreiben ist heute noch zu lesen, um sich die Frage zu beantworten, inwiefern wir in den seitdem verflossenen drei Jahrzehenden weiter gekommen seien. Aber auch poetische Gaben brachte H. schon im ersten Jahrgange dar, wie in Nr. 23 „Tall und Geschem", in Nr. 64 „der Jude auf dem Feste Guttenberg's." Von dieser Zeit an sind mit geringer Ausnahme alle aus Hamburg datirten Artikel dieser Zeitung vom sel. Haarbleicher verfaßt, und wer sie kennt oder nachliest, wird gestehen, daß sie stets von Bedeutung waren, und ebenso einen Schatz von Kenntnissen auf allen Gebieten des menschlichen Wissens, wie großen Scharfblick und einen ungewöhnlichen Freimuth bezeugen. Dieser Freimuth war neben einer unerschütterlichen Anhänglichkeit an denen, für welcheH. einmal Interesse gewonnen, ein Grundzug seines Charakters. Im persönlichen wie brieflichen Verkehr bethätigte sich dieser Freimuth so unumwunden, daß er nicht selten durch die Schärfe seines Ausdrucks verletzte. Sah man dann aber auf die Tiefe des Motivs und blickte sich den ganzen Mann an in seiner Liebe und Treue, so war man ihm nicht allein nicht böse, sondern ließ sich seine Bemerkungen zugute kommen, manchmal selbst als eine Warnung vor einer extremen Ansicht, zu der man durch H. verleitet werden könnte. Erst im Jahre 1854 hatten wir die Freude, seine persönliche Bekanntschaft in Hamburg zu machen, während wir bis dahin achtzehn Jahre im lebhaftesten Briefwechsel gestanden. Es hatte uns Anfangs einige Mühe gekostet, uns mit dem, öfter von ihm angeschlagenen Tone vereinbaren zu können. Aber was zuerst die sichtbare Förderung, die wir durch ihn gewannen, vermittelte, das kam bald durch wahrhafte Freundschaftsgefühle kaum noch zum Bewußtsein. So war denn auch die persönliche Begegnung eine innige und herzliche und sahen wir ihn und seine Gattin später auch bei uns. Haarbleicher's Geist war nach größerem Maßstabe kein produktiver, d.h. es war ihm nicht gegeben, irgend ein größeres Werk zu schaffen, das eine umfassende Idee in allen ihren Verzweigungen und Details verfolgte und durcharbeitete. Dagegen war er unerschöpflich an außergewöhnlichen Apercus, an speciellen Beobachtungen, das Gleichartige und Unterschiedliche aus den verschiedensten Gebieten zusammenzustellen. Dies eben machte ihn weniger als Schriftsteller, denn als Mitarbeiter überaus wirksam. Seine Kritik war einschneidend, ohne negativ und vernichtend zu sein; denn er erkannte sofort das Gute und Richtige, hatte aber keine Schonung für Beiwerk und Irrung, für Verschleierung und Täuschung. Er besaß einen feinen Geschmack für die Form, und ergoß sich brieflich oft in Klagen über die Vernachlässigung, welche die jüngeren jüdischen Autoren in der Handhabung der deutschen Sprache bethätigte». Charakteristisch war es, daß er einen Theil der Wirksamkeit dieser Zeitung für verloren erklärte, da das nachfolgende jüdische Geschlecht nicht aus ihr gelernt habe, gutes Deutsch zu schreiben. — H. ließ alle seine Arbeiten anonym erscheinen. Nur als immerfort sein Gedicht „Hagbaha" Riester zugeschrieben wurde, weil es in dessen Zeitschrift anonym veröffentlicht worden, trat er, um sich sein Eigenthumsrecht zu wahren, mit seinem Namen hervor. Erst im höheren Alter (im Jahre 1866) veröffentlichte er ein größeres Werk: „Zwei Epochen aus der Geschichte der deutsch-israelitischen Gemeinde in Hamburg" unter seinem Namen. Mit der Niederlaffung der Juden in Hamburg beginnend, hebt er besonders die Zeit von 1810 und 1847 hervor und führt daun die Geschichte bis zur neuesten Zeit. Es ist ein sehr belehrendes Werk, das auf die verschiedenartigsten Verhältnisse der jüdischen Gemeinden ein helles Licht wirft, und seinerseits erweist, daß Geist und Fleiß, Verständniß für das Allgemeine und mikrologische Genauigkeit im Einzelnen keine unvereinbaren Eigenschaften sind. Am 8. Juni 1867 erhielt er ein Dankvotum des Senates dafür, sowie eine ihm von demselben zuerkannte Ehrenmedaille. Schon am 28.Januar 1865 beging er sein 25jähriges Amtsjubiläum in dem schwierigen Berufe als Gemeinde-Secretär, und empfing allseits die Zeichen der Anerkennung und Verehrung. Auch der Kasseler Rabbinerversammlnng und der Leipziger Synode wandte er noch ein warmes Interesse zu, und sandte uns eine Reihe von Anträgen, denen aber als Detailsfragen betreffend für jetzt noch kein Raum gewährt werden konnte. Seine letzten Lebensjahre waren, im Aeußern sehr erfreulich, durch Kränklichkeit und Abnahine der Kräfte vielfach getrübt. Er gehörte zu den Männern, deren Wirksamkeit in den künftigen Geschlechtern vergessen sein wird, auf die Zeitgenossen aber von Bedeutung war, so daß er in ihrem Andenken und Herzen eine bleibende und hervorragende Stätte behalten wird. Wir haben seinen Verlust sehr zu beklagen.*) *) Haarbleicher liebte es, beim Beginn jedes Jahres ein sogenanntes Prat für die Jahreszahl anszustellen. Für da« laufende wählte er: p"o"b 2118'' ubi N12 Dasselbe wird auch auf den Leichensteiu des Verewigten gesetzt. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.