Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1869)
- Date
- 1869-11-02
- Page
- Seite 894 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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894 Gemeinde sich zählenden, den entschieden Orthodoxen sich beigesellenden Fränckel. Der junge Haarbleicher, damals 16 Jahre alt, und seine nachmalige Gattin Betty, in demselben Alter stehend, traten an die Spitze eines Vereins zur Linderung der Noch unter den ausgetriebenen Juden. Aus dieser Veranlassung entsproß die Verlobung beider, der aber erst 13 Jahre später, nachdem er seine Stellung mehr begründet hatte, 1826 die Ehe folgte. Dieses Schwanken zwischen rationeller und orthodoxer Richtung, zwischen Franzosen und Deutschthum, zwischen Unabhängigkeit und Sorge, bildeten seinen Charakter aus. Er war sich dessen klar bewußt und lernte an sich selbst, wie nöthig Toleranz sei. Daher entsprang sein tiefer Haß gegen jegliche Intoleranz. Er war duldsam gegen jede ehrliche Meinung, konnte sich auf Jedes Standpunkt stellen. So genoß er das Vertrauen beider Parteien , und wurde gleichzeitig von der Synagoge zur Ausarbeitung der neuen Synagogalordnung von 1840 — von der Tempelgemeinde zur Redaction ihres neuen Gebetbuches erwählt! Nach der Rückkehr der Allinten gaben die Hamburger Juden das dänische Bürgerrecht auf (aus Antipathie gegen die Dänen, welche Napoleon unterstützt hattem, aus Dankbarkeit versagten ihnen die Hamburger ihrerseits das Bürgerrecht. Ein Project, gleich den Frankfurter Juden klagbar zu werden, fand t'eme Unterstützung. So wendete H. seine Thätigkeit dem Innern des Judenthums zu. Genauere Kenntniß desselben gewann er bei seinem Vormunde Jacob Lazarus Riesser. Im Jahre 1818 ward der Tempelverein errichtet, bei dessen Gründung er thätig war und für den er sich, so lange derselbe in der volksthümlicheu Weise verblieb, auf's Wärmste interesssirte. Er bekämpfte die gegen den Tempel gerichteten Schriften mit Eifer. Bei einer Anzahl von Wohlthätigkeitsvereinen war er actives Mitglied der Direction. Das Institut aber, dem er vorzugsweise seine Thätigkeit zuwendete, war der von ihm begründete „Verein zur Beförderung nützlicher Gewerbe unter den Israeliten", der vulgo Handwerkerverein — dessen Leitung er vom Jahre 1823 bis 1840 als Secretär übernahm. Handwerke waren den Juden hier verboten, doch hielt er sie für das wichtigste Mittel, die Jugend dem Hausir- und Kleiderhandel zu entreißen, welchem sich die ärmere Klasse zuwendete. Es galt christliche Meister zu finden, die jüdische Lehrlinge nehmen wollten, jüdische Eltern, die ihre Kinder der Hetzerei aussetzen wollten, in dem Glauben, daß sich später auch jüdische Meister etabliren dürften — lauter Dinge von der größten Schwierigkeit. Es giebt gewiß viele Hunderte, die heute eine gute Existenz als Handwerker und Künstler haben und sie ihm verdanken. Aus diesen Jahren stammt ein Gedicht vom ihm, welches seiner Prägnanz wegen wohl verdient hier mitgetheilt zu werden. Meinem Volk und meiner Liebe Ist allein mein Lied geweihl; Wenn ich sonst noch Verse schriebe War' cs Tand und Eitelkeit, Denn was gäb's, was mich erhübe Als mein Volt nnd ineine Liebe? Weiß ich ja, ich Lin kein Dichter, Schaffen, bilden kann ich nicht; Doch mein Herz wird immer lichter Vor mir selber im Gedicht, Flammend schau ich da die Triebe Für mein Volk und meine Liebe. Könnt' mein Lied von Liebe sprechen, Wie ich Dir bin zugethan, Könnt' ich einen Dorn nur brechen Dir, mein Volk, aus Deiner Bahn — O daß ich ein Segen bliebe Meinem Volk und meiner Liebe! Darum laßt mich, Freunde, gehen Meinen sehnsuchtsvollen Psad; Leicht ja bin ich zu verstehen, Denn ich weihe jede That, Was ich denk' und was ich übe, Meinem Volk und meiner Liebe. In dem Hamburger Jsr. Gesangbuche von vr. Kley sind 40 Lieder von ihm, auch besitzen wir eine große Anzahl von größeren Gedichten aus den 20er Jahren. Er genoß in dieser Zeit die Freude, daß zwei junge, geistesverwandte Gelehrte von der Universität zurückkehrten, mit denen er sich recht ergänzen konnte, seine Freunde Gabriel Riesser und M. Jsler. Ersterer, den er von Kind auf wie einen Bruder betrachtete, war ihm stets ein treuer Freund. In spateren Jahren war es ein großer Gram für ihn, daß derselbe sich den Gothaern zuwendete, und die reinste Liebe ihn veranlassen sollte, vorübergehend seinen Umgang zu meiden, damit nicht politische Gespräche Streit hervorriefen. Später lenkten beide ein und die ruhigeren Zeiten brachten auch andere Gespräche, so daß die Freundschaft bis ans Lebensende dauerte. Jsler trat an die Spitze der von Haarbleicher's Vater gestifteten Schule, bis er zum Stadtbibliothekar ernannt wurde, welches Amt er noch heute bekleidet. Zu seinen geistigen Gen offen gehörten auch speciell Mayer Wolfffon — Vater des jetzigen Vorsitzenden der Bürgerschaft — und Dr. E. S. Nathan, der geistreiche Uebersetzer des Salvador, bis zu dessen Tode sein Freund und Hausarzt. Die Julirevolution brachte wenig Veränderung in die Verhältnisse der Juden in Hamburg — abermalige Täuschung. H. drang sehr in Riesser zu kräftigem Auftreten, viele Aufsätze im „Juden" von Riesser, viele Gedickte darin sind von ihm, namentlich das im größeren Kreise bekannte „Hagbaha." Die Judenhetze im Jahre 1835 ergriff ihn auf's Tiefste, nickt das Betragen des Pöbels sowohl als das Verhallen der Behörden; eine directe Folge dieser Vorgänge waren die Uebersiedelung seines Schwagers nach England, und Riesser's nach Offenbach. Um so mehr lenkte er seine Thätigkeit auf die Beförderung der jüdischen Interessen an sich: Frauenverein, Wittwenverein, Schulen rc. — wozu man will, dazu findet man Zeit! oas war sein Wort. Und da er neben seinem eisernen Fleiß ein sehr geordnetes Gedachtniß hatte, war ihm alle Arbeit leicht. In seinen Schriften feilte er fortwährend an dem Styl, fast nie an dem Sinn, den er in der Regel sogleich prägnant ausdrücken konnte. Dabei sprach und schrieb er alle romanischer! und germanischen Spra-