Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1869)
- Date
- 1869-11-02
- Page
- Seite 893 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgcmkinc Zeitung des Zudenthums. Fruilleton-Seilage zu Ar. 44. Leipzig, den 2. November 1869. M. M. Haarbleicher. Nekrolog. Wenn man noch vor zwei Jahrzehenden einem in höherem Alter Verstorbenen ein Wort des Gedächtnisses widmete, so vernahm män in der Regel, daß mit ihm wieder einer der Letzten aus der Reihe der alten aufrichtigen Orthodoxie, ihres Wissens und Lebens dahingegangen sei. Dies ist jetzt vorüber. Eine andere Generation nähert sich seitdem „dem Tage der Erndte zu reifen." Die Greise, welche jetzt in das Grab sinken, gehören einer anderen Zeit, und zwar einer so eigenthümlichen an, daß daraus eigenthümliche Charaktere hervorgegangen sind. Sie standen bereits in ihrer Kindheit nur noch mit einem Fuße in der Erziehschule der alten Orthodoxie, während der andere Fuß mitten in die allgemeine Kultur hineingesetzt ward. Sie fanden zumeist in dem elterlichen Hause und bei ihren Verwandten noch die strenge Observanz, während diese von Schule, Unterricht, Literatur und Leben bereits isolirt und erschüttert worden, ohne daß jedoch der geistige Gehalt des Judenthums bereits schon so ausgeprägt gewesen, um die Gedankenwelt der Jugend beschäftigen und in das Herz des Kindes ausgenommen werden zu können. Die Männer dieser Zeit hatten daher zunächst den Kampf in sich selbst auszufechten, und die noch völlig getrennten Erscheinungen des Judenthums und der profanen Bildung, so gut sie es vermochten, in sich auszugleichen; und dann hatten sie einen Kampf gegen außen zu führen, weil ihnen die Orthodoxie einen heftigen Widerstand entgegenstellte. Aber die Zeit geht schnell; und dieselben Männer fanden in späteren Jahren noch einen anderen Feind. Das Judenthum hatte in jenem inner» Kampfe nicht immer gesiegt, und wurde in den Individuen sehr oft von der antireligiösen Zeitströmung überwunden. So wuchsen Jndisferentismus, kosmopolitischer Rationalismus, Materialismus auch in den Reihen der Juden. Jene Männer standen und stehen daher zwischen zwei Feuern, und haben beide von sich abzuwehren, den blinden Glauben und den Unglauben, den Stabilismus und die Religionslosigkeit, oder gar die Religionsfeindschaft. Mit einem Worte, es war und ist eine Zeit des Uebergangs, der Entwickelung, und in einer solchen erstehen die mannigfaltigsten Gestalten, die eigenthümlichsten Charaktere, die mit dem Schlendrian und der Schablone nichts zu thun haben, wie sie in den Perioden der Einheitlichkeit und Uniformität vorherrschend sind. In die Reihe dieser Kämpfer, dieser Champione des Judenthums und der Kulturbildung zugleich gehörte der jüngst verstorbene M. M. Haarbleicher zu Hamburg, und je eifriger er sich an allen diesen Bestrebungen betheiligte, ohne mit seinem Namen in die Oeffentlichkeit zu treten, je thätiger er wirkte, ohne anders als selten seine Anonymität zu lüften, desto eher verdient er einen ausführlicheren Nacbruf, eine dankbare Anerkennung, ein Gedächtniß in der Nachwelt. Er war nächst dem fei. Dr. B. Beer der älteste Mitarbeiter an dieser Zeitung, der sich seit dem Augenblicke ihres Erscheinens ihr mit aller Kraft anschloß und bis zu seinem Tode treu blieb, ohne jedoch seine geistige Selbstständigkeit einen Augenblick aufzugeben. Wir lassen die einfache Lebensskizze vorangehen, welche uns auf unser Ersuchen ein Mitglied der Familie des Verewigten zugesandt hat. M. M. Haarbleicher war am 14. November 1797 geboren. Die Familie gehört zu den ältesten Hamburgern. Im 17. Jahrhundert hier von Naumburg her stck niederlassend, begründete sie eine Haarfabrik und nahm später den Namen, bei dem sie populär bezeichnet wurde — die Haarbleicher — als Familiennamen an. Sein Vater starb, als er 9 Jahre alt war, und so ward seine Erziehung ganz von seiner Mutter geleitet. Diese, ursprünglich der Mendelssohn'schen Schule huldigend, ward später durchaus Jüngerin von Voltaire und flößte ihm diese Grundsätze ein. Zu seinem Lehrer wählte sie vr. Heinrich Würtzer, welcher, nachdem er in Berlin wegen seiner unumwundenen Beleuchtung der Wirthschaft unter Friedrich Wilhelm II. im Gefängniß gewesen war, hierher exilirte. Des Knaben Neigung zur französischen Richtung erlitt aber einen rauhen Stoß, als die „Befreier der Menschheit" während der Continentalsperre alle englischen Maaren confiscirten, und so der Mutter Wohlstand schwächten. Auch nach anderer Seite hin modificirte sich seine Theorie — nach der religiösen. Während der Belagerung Hamburgs durch die Alliirten wurden Alle ausgetrieben, die sich nicht auf 6 Monate verproviantiren wollten oder konnten. Die Mutter, welche durch Abstammung zur sogenannten Hamburger Gemeinde gehörte, blieb beim Geschäfte in den Mauern, die väterlichen Verwandten beherbergten die Kinder in Altona. Dort wohnten auch die zur Altonger