Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1869)
- Date
- 1869-11-02
- Page
- Seite 883 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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883 los und tactlos viel zu fein bezeichnet wäre. In der Verhandlung über den vom Minister des Innern vorgelegten Gesetzentwurf einer neuen Kreisordnung hielt der Abgeordnete Laster eine fulminante Rede, deren Schärfe gegen die adligen Rittergutsbesitzer gerichtet war, die aus der vorgelegten Kreisordnung wieder den größten Vorth eil ziehen sollen, während die kleinen Landgemeinden benachtheiligt werden und doch einen verhältnißmäßig größer» Steuerdruck zu tragen hätten. Niemand würde es der Rechten verdacht haben, wenn sie diesem Angriff gegenüber mit gleicher Schärfe sich und den Entwurf vertheidigt und nachgewiesen hätte, daß die Argumente Lasters falsch und ungerechtfertigt seien. Statt dessen verglich der erste Redner der Rechten, Herr v. Lattdorss, die Rede seines Gegners mit dem Handel eines berüchtigten Trödlers, der den Studenten für alte Kleider die höchsten Preise versprochen und sie dann betrogen hätte. Der Präsident des Hauses rief den edcln Ritter zur Ordnung — was derselbe nur in den äußersten Fällen thut und bis jetzt nur sehr selten vorgekommen ist. Wir fragen, warum kommen solche gemeine Aeußerungen nur von der Seite der Feudalen her, sie, welche die Träger und Hüter der feinen Sitte, der gesellschaftlichen Bildung sein wollen, in deren Reihen sich die frommen Männer bergen, warum grenzen bisweilen ihre Expektorationen dicht an Rohheit? warum können sie gerade den parlamentarischen Charakter am wenigsten bewahren? Wir könnten von den Lattdorffs und Wantrups, sowie von Mitgliedern des Herrenhauses eine Blumenlese zusammenstellen, wie sie kein anderes Parlament in Europa aufzuweisen hätte, also dem Staate der Intelligenz Vorbehalten war. Dahingegen möchte man doch jene Herren auffordern, nachzuweisen, daß ähnliche Schimpfworte von Rednern der radikalsten Farbe ausgegangen wären! Aber in der That ist es längst kein Geheimniß mehr, auf welcher Seite des Abgeordnetenhauses wahre Bildung, gründliches Wissen und gewissenhafteste Prüfung der Vorlagen zu suchen sei. Berlin, 24. Okt. tPrivatmitth.) Sicherem Vernehmen nach hat Herr vr. Geiger, nach Abschluß einiger nur auf Nebendinge bezüglicher Verhandlungen, die ihm hier angebotene Stellung nunmehr definitiv angenommen. Sein Eintritt in das neue Amt wird in kurzer Zeit erfolgen. Berlin, 26. Okt. (Privatmitth.) Der hiesige jüdische „Wissenschaftliche Verein," welcher im vorigen Jahre sowohl durch Vorträge in seiner Mitte als auch durch Vorlesungen vor einem größeren Publikum so Ersprießliches wirkte, hat in diesem Herbst seine Thätigkeit wieder ausgenommen. Er hat beschlossen, auch in der bevorstehenden Wintersaison öffentliche Vorlesungen über Gegenstände aus dem Kreise der Wissenschaft des Judenthums zu halten. Die Namen der Herren, welche lesen, und die Themata, die sie besprechen werden, sollen noch festgesetzt werden, und gestatten Sie mir wohl, Ihnen seiner Zeit hierüber Mittheilung zu machen. öl. Bonn, 19. Oktober. (Privatmitth.) Bei der hies. Universität findet eine Einrichtung statt, welche unsres Wissens, auf anderen preußischen Universitäten nicht gebräuchlich ist, und die einzuführen einflußreiche Personen sich verwenden sollten. Daß nämlich seitens der Uuiversitätsbehörden in den betreffenden Provinzen Kirchencollekten zu Stipendien und Freittschen für arme Studirende veranlaßt werden, findet, wie wir glauben, auf allen Universitäten statt; daß dies aber auch in den Synagogen-Gemeinden für die jüdischen Studirenden geschehe, wissen wir nur von der hiesigen Universität. Es müßte also eine Verwendung bei den Curatorien der anderen Universitäten eintreten, daß dies auch dort geschehe. Wir hatten vor mehreren Jahren über die desfallsigen Erfolge berichtet, und glaubten damals einige Jnkonvenienzen gefunden zu haben, die aber seitdem vollständig behoben worden. Die aus den Synagogen-Gemeinden Rheinlands und Westfalens gesammelten Gelder werden jetzt völlig gesondert verwaltet, Stipendien an jüdische Studirende hieraus vertheilt, und die Reste zu einem Fond allmälig angesammelt. Gleiches geschieht getrennt mit den katholischen und evangelischen Kirchencollekten, und stellen sich die Verhältnisse für die jüdische Abthcilung bis jetzt günstiger heraus. Das Septemberheft des „Centralblattes für die gesammte Unterrichtsverwaltunz in Preußen" enthält den Rechenschaftsbericht des k. Curvtors der Universität vom 29. Juni 1869 über die Jahre 1866, 1867 und 1868. Aus ihm geht hervor, daß während dieser. Zeit 20 jüdische Studenten 905 Thlr. 6 Sgr. erhalten haben, so daß jeder durchschnittlich 45 Thlr. erhielt, während bei den katholischen Studirenden nur 16 Thlr., bei den evangeli-