Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1869)
- Date
- 1869-11-02
- Page
- Seite 882 (sequence 6)
- Language
- German
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882 schluß der Juden von Lehrämtern gezwungen hat, ihr Vaterland zu verlassen, und die in anderen freien Ländern eine ihren Fähigkeiten und wissenschaftlichen Verdiensten angemessene Stellung und Wirksamkeit erreicht haben. Die vorliegende Rede wurde zum Antritt des Rectorats an der „freien Universität" zu Brüssel gehalten, und zeichnet sich nicht bloß durch Freisinn, sondern auch durch Freimuth aus. Nach dem Verf. ist Belgien das einzige Land auf dem europäischen Continente, in welchem eine völlige Unterrichtsfreiheit besteht. Im Schutze derselben wurde 1834 die freie Universität zu Brüssel gegründet. In dem kleinen Belgien giebt es eine katholische Universität zu Löwen mit jetzt 523 Studenten, zwei Staatsuniversitäten zu Lüttich und Gent mit resp. 302 und 132 Studenten und die freie Universität von Brüssel mit 283 Studenten. Das Resultat für die letztere ist um so mehr hervorzuheben, als sie mit verhältnißmäßig sehr geringen Mitteln und Anstalten versehen ist, während selbst die katholische Universität von Löwen von verschiedenen Ministern vorzüglich bedacht worden. Selbstverständlich spricht sich der Vers, für die Vorzüge der Unterrichtsfreiheit aus, findet aber doch einerseits den jüngsten Schritt der norddeutschen Bundesgesetzgebung, durch welchen die ärztliche Praxis völlig freigegeben worden, zweifelhafter Natur, andrerseits aber die Erfolge in Belgien sehr ungünstig, was er durch die unangemessene Einrichtung der Prüfungskommission herbeigeführt glaubt, da diese die Studirenden veranlaßt, eine Menge Notizen ihrem Gedächtnisse einzuverleiben, ohne von wissenschaftlichem Geiste beseelt zu sein. — Aus dem Aargau, 17. October. Die jüdische Literatur hat längst aufgehört, eine in sich abgeschlossene zu sein; wie sie sich immer mehr und mehr der allgemeinen Beachtung erfreut und somit eine ehrenhafte Stellung in der allgemeinen Weltliteratur einzunehmen bestimmt ist, so hat sie auch die Aufgabe, von denjenigen literarischen Erzeugnissen Notiz zu nehmen, welche ihr scheinbar fern liegen — wir sagen scheinbar, denn das geistige Leben und Streben befindet sich in einer wechselseitigen Beziehung und Bewegung und — führt allmälig zum Ziele. Von diesem Gesichtspunkte aus bringen wir eine Schrift zur Anzeige, die bedeutungsvoll in ihren Folgen, auch von uns nicht unbeachtet bleiben darf: Die Moraltheologie des Jesuiten P. Gury u. s. w. Beleuchtet von vr. A. Keller (Aarau, Sauerländer 1869). Der langjährige Aargauische Erziehungs-Direktor Augustin Keller, der u. a. auch dadurch weit über die Eidgenossenschaft hinaus bekannt ist, daß er den ersten Anstoß zur Aufhebung der Klöster im Aargau gegeben und um die Volksbildung in der Schweiz außerordentliche Verdienste sich erworben hat, der auch bei jeder Gelegenheit für Gleichstellung der Juden seine Stimme erhob, dieser alte Kämpe für Licht und Freiheit mußte, durch die Ultramontanen aufgestachelt, wieder einmal den Kampfplatz betreten, er mußte bou gre mal gre „die Thür öffnen, um Jedermann einen Einblick in die Greuel der Verwüstung zu gewähren." So entstand ein dickleibiges Buch, in Lessing'scher Manier geschrieben, das eine überaus wichtige Erscheinung der Zeit, ja im Hinblick auf das demnächst zusammentretende Concil eine vnip nrriON ist. Mit welcher Aufmerksamkeit der greise Staatsmann alle Bewegungen auf religiösem Gebiete verfolgt, zeigt deullich genug folgende Stelle seines Buches, die mitzutheilen wir nicht unterlassen wollen. Er sagt S. 167: „Ich habe vom „alten Rabbinismus" gesprochen. Ach, beschämt sollten wir davon schweigen. Wie hoch haben sich die Weisen Jsrael's in heutiger Zeit über den tobten Forinalismus erhoben, wenn wir hören, was am 4. Juli dieses Jahres unter Akklamation der Gottesgelehrten seiner Religion, der Philosoph und berühmte Verfasser der „Völkerpsychologie," Prof. vr. Lazarus in seiner Schlußrede an die erste israelitische Synode in Leipzig sprach! „Wie steht inn Jahre 1869 — es sind Kellers eigene.Worte — das Priesterseminar in Solothurn, wie steht das Bisthum Basel mit seiner Gury'schen Moraltheologie vor solchen Worten eines Israeliten da!" Daß auch der Israelit in dem Keller'schen Buche viel Beherzigenswerthes findet, wollen wir zum Schluffe nur noch bemerken. Kg. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 22. Qct. (Privatmitth.) In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 20. d. hat die rechte Seite wieder einmal in eclatanter Weise gezeigt, daß bei ihr Alles zu finden ist, was mit ignobel, anstands-