Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1869)
- Date
- 1869-10-26
- Page
- Seite 875 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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875 nem Leichenbegängnisse, am 23. September, folgte die ganze Gemeinde (bte Schuljugend ging vor dem Sarge einher«, und am Grabe gab der Rabbiner Dr. Klein in einem innigen Gebete dem allgemeinen Schmerze Ausdruck. Auf die Nachricht von der Erkrankung seines Vaters war der älteste Sohn, Dr. Arnheim, Director der Jacobsonschule zu Seesen, hierhergeeilt, und blieb mehrere Tage zum Tröste der Wittwe hier. — Am 4. October ward (da wegen der vorausgegangenen Festtage keine eigentliche Grabrede gehalten wurde) vor dem Abendgottesdienste in der Synagoge eine Trauerfeier veranstaltet, wobei der Rabbiner Dr. Klein in beredten Worten die Verdienste des Dahingeschiedenen um die Gemeinde und um die Wissenschaft schilderte und dessen Namen und Wirken dem Andenken der Gemeinde empfahl.— Arnheim hinterläßt eine für den Druck fertige hebräische Grammatik, eine Arbeit, woran er beinahe seit 20 Jahren sammelte und die Forschungen der Alten und Neuen vielfach benutzte; der Sohn des Verstorbenen, Dr. Arnheim, wird diese Arbeit seines Vaters in Kurzem der gelehrten Welt übergeben. — Liebenswürdig als Mensch, tolerant als Geistlicher, anregend und geistig frisch als Gelehrter, wußte A. sich die Liebe und Achtung Aller, die ihm nahe standen oder näher traten, zu erwerben, und sein Name verdient den geistigen Größen, deren sich die Glogauer Gemeinde rühmen durfte und darf*), angereiht zu werden. Sein Andenken bleibe gesegnet! — Ein Akt schöner Pietät. Aus Tilsit. Die geehrten Leser kennen gewiß das schöne und rührende Genrebildchen von Berthold Auerbach, wo ein christlicher Geistlicher einem sterbenden Juden den letzten kirchlichen Beistand nach jüdischem Gebrauche leistet, ihm Widdu vorsagt und bei seinem Tode Sch’ma Jisroel ausruft. Ein ähnlicher Zug von religiöser Toleranz und Innigkeit spielt sich bei uns hier ab. Vor einigen Jahren erkrankten zwei jüdische Hausirer, deren es sehr viele in hiesiger Gegend giebt, gefährlich, und konnten nicht mehr zur Stadt gebracht werden. Sie wurden in einer Bauernfamilie ausgenommen, wo sie nach einander verstarben. Die schlichte Bauerfrau, welche sie schon während der Krankheit wie eine Mutter gepflegt, hält seidem treulich ihre Jahrzeiten, die sie sich — allerdings nach deutschem Datum — ausgeschrieben, und brennt regelmäßig die Jahrzeitlämpchen. — Nun hat sie neulich zufällig in Erfahrung gebracht, daß es eigentlich üblich und mehr Mizweh sei eine Wachs- *) Salornon Munk, Eduard Munk, Mich. Sachs, Jos. Zedner, Jos. Lehmann u. A. kerze zu brennen. Da kommt sie denn in voriger Woche mit einer großen Scheibe Wachs zur Stadt, geht zum Gemeindevorstand, unv ersucht den, ihr eine fromme jüdische Frau zu bezeichnen, bei der sie die beiden Jahrzeitlich te anfertigen läßt. Sie nimmt die Lichte mit nach Hause, um sie an den Sterbetagen ihrer jüdischen Freunde, und in demselben Zimmer, worin diese verschieden, volle 24 Stunden brennen zu lassen; gelobt auch dies alljährlich zu thun. Dieser Zug von Pietät und Anhänglichkeit über das Grab hinaus von einer einfachen Bauersfrau ist so unendlich rührend und zugleich erhaben, daß sehr viele Gebildete — insbesondere die Diener Gottes —sich solchen zum Vorbilde nehmen könnten! Curiosa. Aus Frankfurts Vergangenheit schreibt man dem „Schwab. Merkur" u. A.: Die Judengasse zu Frankfurt a. M. ist trotz der Veränderungen der letzten Jahre, wodurch sie ihren eigenthümlichen Charakter verloren hat, immer noch viel von Fremden besucht. Sie ist nämlich nicht mehr eine geschlossene Gasse und nur zum geringsten Theil von Juden bewohnt. Ihr eigenthümlich düsterer Charakter, welchen sie zumal in der Mitte, wo kein Licht einfallen konnte, zur Schau trug, ist dadurch beseitigt, daß manche baufällige Gebäude abgebrochen sind und grelles Licht in breiten Streifen gerade da sich über das Pflaster legt, wo früher unheimliches Halbdunkel herrschte. Schon nach der Zählung von 1864 war die größte Hälfte der Bevölkerung der Judengasse christlich, und seitdem ist in dieser Richtung ein weiterer Schritt geschehen, indem der Magistrat eine Anzahl von der Stadt zum Abbruch angekaufte Häuser der obdachlosen schriftlichen) Bevölkerung zu einstweiliger Wohnung eingeräumt hat. Dennoch bietet die Gasse dem Fremden auch jetzt noch des Interessanten genug, wenn er sich nicht darauf beschränkt, das Nothschild'sche Stammhaus lNr. 148) und Börne's Geburtshaus lNr. 119)*) von außen anzuseheu, sondern in irgend ein Haus hineintritt und die Trümmer früherer Herrlichkeit betrachtet. Die große Mehrzahl ist außerordentlich schmal, 2—3 Fenster breit; wo sie breiter erscheinen, sind meistens mehrere, innerlich getrennte, unter einem-Dache vereinigt. Eine Ausnahme macht das sogenannte „Steinerne Haus" (Nr. 109), welches nach dem „großen Judenbrand" von 1711 außerordentlich fest aus rothem Bruchstein erbaut und mit eisernen Läden verwahrt wurde, während die übrigen ganz in früherer Weise wieder aus Fachwerk aufgeführt wurden. Die Häuser haben zwei Thüren; während die eine den Eingang ins Haus bietet, diente die andere häufiger als jetzt zum Aushang der Waaren; *) Es trägt eine Gedenktafel, welche aber Börne's Geburtstag falsch angiebt. Es ist der 6., nicht der 22. Mai 1786.