Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-26 · Heft 43 (26.10.1869) · p. Seite 874

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 43 (26.10.1869)
Date
1869-10-26
Page
Seite 874 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226734--27721-3263313
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

874 Scholen der Sachsen, Franken, Longvbarden, Friesen, Griechen und Juden; die älteste war die der Juden. Jndeß wird der Gemeinde der Juden in dieser Periode niemals gedacht; denn zum letztenmal wurde ihrer Synagoge zur Zeit des Theodvrich erwähnt. Während vieler Jahrhunderte bedeckt tiefes Schweigen das Schicksal dieser merkwürdigsten aller Fremdenkolonieu Roms, doch sie lebte im Trastevere fort, und behauptete dort ihre Schule glücklich unter der Regierung Gregorys des Großen, der den Schutz, welchen er den Hebräern Neapels angedeihen ließ, auch auf ihre Glaubensgenossen in Rom ausdehnte. Als die Verfolgung der Bilder den Haß gegen die Juden entflammte, denen man die Veranlassung dazu Schuld gab, mögen sie in Rom manches Ungemach erfahren haben, aber die Geschichte redet nicht von ihnen. Unter den Scholen, die Karl dem Großen entgegenzogen, werden sie nicht genannt, noch unter denen, welche den König Ludwig U. im Jahre 844 empfingen. Aber wir hören, daß zur Zeit der Ottonen, rm zehnten Jahrhundert, auch die Schule der Juden bei feierlichen Gelegenheiten die Landes des Kaisers in hebräischer Sprache fang , und noch später werden wir sie den Kaisern entgegenziehen, und die Päpste bei der Besitznahme des Lateran's begrüßen sehen. Im! 2. Jahrhundert wurden die Juden Roms förmlich als Sehola aufgeführt, und sie überlebten sämnuliche Kolonien der Franken, Friesen, Langobarden, Sachsen und Griechen. * **) Nekrolog. G togau, 7. October 1869. — Die hiesige Gemeinde und mit ihr dw gelehrte Welt, hat' durch den in der Nacht zum 22. September erfolgten Tod des Rabbiners H e y m a n n Arnheim einen großen Verlust er - litten; denn mit ihm ging ein reicher Schatz von Wissen verloren, und ein edler Mensch und ein liebenswürdiger Charakter schied von der Erde; sein Name ist seit vielen Jahren in der gelehrten Wett rühmlich bekannt; eine sehr lange Zeit wukle er in hiesiger Gemeinde Anfangs als Lehrer, später als Rabbiner, und stand geachtet und geliebt un Kreise seiner Bekannten und Freunde. — Heymann Arnheim war geboren zu Wongrowie.' Provenz Posen) im Januar 1796 -222) V :pr;; früh verlor er seinen Vater; im 12. Jahre verließ er schon das Elternhaus und war meist auf sich angewiesen; in der Schule schon entwickelte er einen re¬ *) Dominator — hebraice, graece, et laline fausta acclamantihus, Capitolium aureum conscendat: Graphia Aurea bei Ozanam S. 181. **i Im Ordn Roman XII. bei Mabillon II. S. 195 werden sie unter den Scholen der Stadt, welchen das übliche Geldgeschenk gegeben ward, zuletzt genannt: Judaeis vigimi solid, proves. Die andern Fremdenkolonieu aber bestanden damals nicht mehr als Scholen. gen Geist nud Scharfsinn, und besonders verwandte er großen Fleiß auf die Kenutuiß der hebräischen Sprache, so daß er frühzeitig schon wegen der Gewandtheit seines hebräischen Styles bewundert wurde; doch blieben ihm die öffentlichen Lehranstalten verschlossen; aber unermüdliche Wißbegier trieb ihn an, den Mangel des öffentlichen Unterrichts durch Privarstudium zu ersetzen. In seinem 18. Jahre schon ward er verheirathet, und mußte wider Willen und Neigung Geschäftsmann werden. Nach dem baldigen Tode seiner Frau konnte er aber dem Drange nach Wissen nicht länger widerstehen, und er ging als Hauslehrer nach Neustrelitz < Mecklenburg), wo er Zeit und Gelegenheit fand, auch die alten klassischen Sprachen sich anzueignen, und mit aller Liebe dem Studium der deutschen Sprache und Literatur sich hinzugeben; er suhlte in sich den Beruf zu lehren, und so ging er im Jahre 1824 als Lehrer nach Fraustadt (Provinz Posen), woselbst er sich wieder verheirathete; 1827 wurde er als erster Lehrer an die israelitische Elementar- und Religionsschule nach Glogau berufen; inzwischen hatte er sich auch die Kenntniß der französischen und englischen Sprache erworben, und sich mit dem Arabischen vertraut gemacht. Fleiß und Scharfsinn förderten sein Wissen nngemein, so daß er, der erst spät deutsch gelernt hatte, schon bald als Schriftsteller auftrat. 1830 veröffentlichte er einen „Leitfaden beim Unterricht in der mosaischen Religion"; 1836 gab er „das Buch Job übersetzt und vollständig commentirt" heraus; Uebersetzung und Commentar geben Kunde von dem tiefen Etndringen und Verständniß in den Geist des Buches und Zeugniß des ausgebreiteten Wtssens seines Erklärers. 1840 erhielt Arnheim als Anerkennung seines Strebens den Titel Oberlehrer; er war bereits Mitarbeiter an den Hallischen Jahrbüchern, dem Magazin für die Literatur des Auslandes und an verschiedenen jüdischen Zeitschriften. Arnheim hielt 1840 auch die erste deutsche Predigt in der Synagoge zu Glogau; 1838 betheiligte er sich an der Bibelübersetzung unter Zunz's Redaktion, 1840 folgte eine Uebersetzung des „Gebetbuches und der Jozerot für alle Sabbathe des Jahres und des Purimfestes" (mit erklärenden Anmerkungen); A. zeigte darin eine große Bekanntschaft der Agada-Literatur. Außerdem erschienen von A. noch kleinere zweckmäßige Arbeiten, die ihn als tüchtigen und gewandten Pädagogen zeigten. Im Jahre 1849 wählte ihn die Gemeinde als Rabbiner für die „Zollersche Stiftung" und übertrug ihm die Functionen des Gemeinderabbinats, bis zum October 1860, wo Arnheim wegen körperlicher Gebrechlichkeit und Schwäche emeritirt und der Rabbiner Dr. Klein in Stolp als Prediger und Gemeinderabbiner berufen wurde. So lebte A. ruhig und geachtet als Stiftsrabbiner, den liebgewordenen Studien mit regem Geiste sich hingebend, bis er nach kurzem Krankenlager idenn am Jomkippur — 15. September — war er noch den ganzen Tag hindurch im Tempel), sanft zu einem bessern Leben entschlief. Sei-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.