Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1869)
- Date
- 1869-10-26
- Page
- Seite 864 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226734--27711-3263303- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
864 berg, Cohner aus Leipzig, Silbermann Redacteur des Magid, Rülf und andere hervorragende Persönlichkeiten. Ungefähr 7>A Uhr erschien Crsmieux, der von dem Professor Lazarus auf seinen Sitz geleitet wurde. Hierauf eröffnete Lazarus die Sitzung in einer kurzen, aber feierlichen Ansprache, indem er den Gedanken entwickelte, daß ein Volk nur durch Leiden groß wird, wie das aus der Geschichte sich immer bestätigt hat. Auch das jüdische Volk ist in diesen Leiden erzogen und sein tragisches Geschick -deutet auf eine bessere Zukunft. Es ist diese Versammlung eine Festversammlung schon dadurch geworden, daß sie den Präsidenten Cremieux in ihrer Mitte hat und er könne dieser Freude keinen besseren Ausdruck verleihen, als die Versammlung aufzufordern, dem berühmten Gaste zu Ehren, sich von ihren Plätzen zu erheben, welcher Aufforderung Folge geleistet wurde. Hierauf gab er Herrn Cremieux das Wort. Cr sprach ungefähr 'A Stunde und der Vortrag war ein so erhebender und piquanter, daß die ganze Versammluug nicht allein in einer gehobenen, sondern auch in einer freundlichen Stimmung blieb. Er bedauerte der deutschen Sprache nicht so mächtig zu sein, um die Gefühle seines Herzens für Juden und Judenthum deutlich erklären zu können; glaubte aber, daß der größte Theil der Versammlung, durch die gebildete Erziehung, die er in Berlin voraussetzte, seinem Vorträge in französischer Sprache folgen könnte. In der Einleitung zur Geschichte der Afiiance, die sich aus dem Grunde der Humanität der jüdischen Religion gebildet, feierte er die geheiligte Religion seiner Väter, die in der höchsten Idee d’idee sublime) ihn 'r\ ihren Ausdruck fände und die Liebe zu seinen Glaubensgenossen, denen er sein Leben gewidmet und welchen er die wenigen Tage, die ihm noch vom Herrn gegönnt, zu widmen bereit wäre. Er berührte kurz die Religionsgeschichte des Heidenthums, sprach von den Leiden des israelit. Volkes bis in die neueste Zeit, berührte auf die bescheidenste Weise seine eigene Thätigkeit bei den Fürsten der Völker, um diese Leiden zu mindern, und ging dann spccicll zur Geschichte der Alliance über. Er entwickelte die Thätigkeit derselben nach allen Richtungen, nicht allein mit materiellen Mitteln zu helfen, vielmehr, daß sie überall das Auge hat, wo es gilt auch geistig die elende Lage der Juden zu verbessern. Schon sei vieles geschehen, aber noch viel, sehr viel sei zu thun übrig. Um diese Aufgabe zu löse», muß die Alliance Geld haben, sehr diel Geld. Wie ist dieses zu beschaffen? Das sei die Ursache, weswegen er nach dem intelligenten ruhmreichen Preußen resp. Deutschland gekommen sei. Wir sind nicht Franzosen, nicht Deutsche in diesem Augenblicke. Wir sind Juden! deswegen müsse diese Alliance, eine Allianee universelle nicht von Paris, nicht von Berlin, nein, eine Alliance du monäe werden. Ist doch die Judenschaft auf der ganzen Erde verbreitet, also ein Verein, der uns Alle zu gemeinsamer Arbeit verbindet. Wir wollen den Deutschen keine Gesetze vorschreiben. Sie haben sich selbst zu constituiren und geschieht das, so wäre meine Reise nach Berlin nicht vergebens gewesen und ich würde mich dann glücklich schätzen, dieses große Werk ins Leben treten zu sehen und ausrufen können 11« '!r>i, iin n\ Nach dieser begeisterten Rede des freundlichen, berühmten Greises nahm der Professor Lazarus wieder den Vorsitz ein und meinte, daß ein Dank nach einem so gediegenen, zündenden Bortrage hier nicht angebracht wäre und er müsse wieder zu der Form greifen, die Zuhörer aufzufordern, sich von ihren Plätzen zu erheben. Die Versammlung erhebt sich und applaudirt und Cremieux dankte dadurch, daß er den Professor Lazarus umarmte. Der Letztere sprach nun noch über die Noth der westrussischen Juden, über die Arbeit der engeren Commission, deren Entwurf der vr. Landsberger vorlas und welchen er dem Präsidenten Cremieux mit den Worten Josephs, mit denen er die hungernden Aeghpter anredete, übergab: „Hier habt Ihr Samen!" Nach solchen Reden meinte er, sei die Hoffnung befestigt die weitgehenden Ideen der Mitglieder der Commission ins Leben treten zu sehen. Lazarus bemerkte noch zum Schluffe, daß die Discussion jener Commissionsarbeit bei einer Generalversammlung der Mitglieder (und Mitglieder sind Sie ja Alle-, die er nächstens berufen würde, stattfinden solle. Die Sitzung wurde von ihm um 91/2 Uhr geschlossen, worauf das Festmahl seinen Anfang nahm. Gießen, 1. Okt. (Privatmitth.) Am heutigen Tage sind es 40 Jahre, seitdem der großherzogliche Rabbiner der Provinz Oberhessen, Herr vr. Levi, sein Amt allhier angetreten. Der Gemeindevorstand beabsichtigte, den Tag festlich zu begehen, und machte durch Circulair die Gemeinden der Provinz damit bekannt. Allein der Jubilar sprach entschieden den Wunsch aus,