Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1869)
- Date
- 1869-10-26
- Page
- Seite 862 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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862 geschehen, die, mit historischer Wucht, dem Ansehen und den Mitteln der Macht auftretenden Körper müssen in ihre Bestandtheile zerlegt und diese als ein Todtliegendes erwiesen werden. Diese Kunst und Arbeit war allen Kämpfern der Opposition auferlegt, und so auch den Juden unter diesen. Mit dem Augenblicke des Sieges hört dies auf, und die Thätigkeit des Combinirens und Aufbauens, des Risseentwerfens und Ausführens tritt an die Stelle. Aber dieser Sieg tritt nicht plötzlich ein. Scheinbar räumen die Gegner vor unerwartet eingetretenen Revolutionen den Siegern das Feld. Aber s da die Gesellschaft nach den hergebrachten Verhältnissen geordnet ist und sich von diesen mit einem Rucke nicht trennen kann, so kehren die Besiegten bald wieder zurück, und der Kampf beginnt von Neuem. Nur Schritt vor Schritt wird das Terrain erobert, und so entspinnt sich der Streit in jener oben geschilderten Weise abermals, bis nach und nach ein Posten nach dem andern eingenommen wird. Es ist hier nicht der Ort, noch weiter in diese großen politischen und socialen Kämpfe und Wirren einzugeheu. Wir begnügen uns, nachgewiesen zu haben, warum die Juden seit den dreißiger Jahren in der Opposition thätig sein mußten, wie diese Opposition vorzugsweise zur Zersetzung der gegnerischen Prinzipien berufen war, und auch Juden darin sich üben und beihätigen mußten. Hiermit haben wir aber auch erhärtet, daß es für die Juden nur eine begrenzte Epoche war und zum Theil noch ist, vorzugsweise zersetzende Kritik zu üben. Wie sie von der Mitte des vorigen Jahrhunderts an zunächst die Resultate der Cultur sich anzneignen hatten, mit den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts in den zersetzenden Kampf der Opposition eintreten mußten: so hatten sie noch gar keine Zeit, eine produktive Thätigkeit zu entwickeln. Aber es ist und bleibt ein Trug, ihnen wegen dieser ihnen aufgenöthigten Thätigkeit während eines verhältnißmäßig kurzen Zeitraums eine Eigenschaft zuzuschreiben, die ihre sonstige ganze Geschichte zurückweist. Wir wiederholen nur noch, was wir schon mehrere Male hervorgehoben: die produktive Thätigkeit der Juden fällt ungünstiger Weise in eine allgemeine Epigonenzeit, und man kann daher billig nicht von ihnen verlangen, daß sie gerade mehr als Epigonen seien; als solche aber haben sie sich bereits rühmlich und zahlreich auf allen Gebieten ausgezeichnet. Bezweifelt man dies, so höre man nur auf die Klagen der Gegner. Diese würden längst verstummt sein, wenn sie nicht von dem Neide auf die Handvoll Juden und von der Furcht vor ihrer* Wirksamkeit immer von Neuem erweckt würden; Richard Wagner schreit gegen die Juden auf wegen einiger tüchtigen jüdischen Componisten; die Kreuzzeitung wegen einiger wirksamen jüdischen Abgeordneten; der Ultramontanismus wegen einiger tapferen jüdischen Publicisten. Sie constatiren damit erst recht deren Vorhandensein und Werth. Der Vorwurf von dem „zersetzenden Verstände der Juden" wird mit der Zeit verhallen. vom Institute zur Förderung der israelitische« Literatur. In Nr. 23 und 33 haben die Leiter der Institutes eine Reihe Entwürfe zu literarischen Arbeiten aufgestellt, welche sehr fühlbare Lücken unserer Literatur auszufüllen bestimmt und befähigt wären. Wir hatten Gelegenheit, über mehrere dieser Entwürfe persönlich mit Männern von Fach und Einsicht zu sprechen, und sie drückten über die Wichtigkeit jener ihre zustimmende Meinung aus. Demungeachtet ist bis jetzt nur erst einer dieser Entwürfe Gegenstand der Arbeit von Seiten eines als tüchtig bekannten Autors geworden. Wir wollen es bei dieser Gelegenheit nicht verhehlen, daß wir im Allgemeinen einen Mangel an bedeutenden, schöpferischen, geistreichen Arbeitern auf dem Felde unsrer Literatur seit geraumer Zeit zu erblicken glauben. Man wird uns einräumen, daß wir Gelegenheit haben,!dies zu beobachten. Es sind immer wieder dieselben Namen, die seit drei Jahrzehenden aufgetreten sind. Wir wollen nicht sagen, daß nicht über irgend einen Spezialgegenstand eine sg. „gelehrte" Arbeit geliefert wurde, die aus den vorhandenen Literaturschätzen recht Vieles zusammentrüge. Aber ein Anderes ist es, mit Geist in das Wesen der Sache einzndringen, der Gesammtheit einzuordnen, mit Geschmack darzustellen, und so Etwas zu schaffen, was nicht blos äußerlich beschreibt, sondern zum Verständniß bringt, wie es in unsrer Zeit auf allen anderen Literaturgebieten gefordert und geleistet wird. Das Institut zur Förd. d. israel. Literat, giebt Jedem, sei er bekannt oder unbekannt, alt oder jung, die Gelegenheit, die Produkte seines Geistes und Fleißes, einem verhältnißmäßig großen Publikum nahe zu bringen, sich Verdienst und Ehre und ein gutes Honorar zu erwerben. Letzteres ist in den gegebenen Verhältnissen des