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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-26 · Heft 43 (26.10.1869) · p. Seite 861

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 43 (26.10.1869)
Date
1869-10-26
Page
Seite 861 (sequence 5)
Language
German
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Den erleuchteten Geistern war eS schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts aufgegangen, daß, ebenso wie die Leibeigenschaft, die Ausschließung der Juden von allen bürgerlichen Rechten aufgehoben werden müsse, wenn ein wirklicher Rechtsstaat begründet und ein besserer national-ökonomischer Zustand eingeleitet werden sollte. Dies sprachen bald auch christliche und jüdische Schriftsteller <Dohm, Mendelssohn, Grögoire, Mirabeau) geradezu aus und fanden sofort ihre Gegner. Da wurde die nordamerikanische Union gegründet und die französische Revolution brach aus: beide verkündeten die Menschenrechte, beide hoben alle bürgerlichen und staatsbürgerlichen Unterschiede aus konfessionellen Gründen auf, theoretisch und praktisch war die rechtliche Gleichstellung der Juden mit Einem Male da. Wohin die französischen Waffen gelangten, wurde sie sofort eingeführt. Mit der Niederlage derselben wurde sie mit Ausnahme Frankreichs und Hollands wieder beseitigt, an vielen Orten in einer geradezu brutalen Weise, und der engherzige Freiheitsdrang, der sich unter der Herrschaft der Reaktion in's Geheim ansammelte, machte sich sogar zunächst in Judenhetzen Lust. Man wird zugestehen, daß dies ein höchst merkwürdiger Zustand für die Juden war. Von innen heraus mußte sich ihnen ihre Gleichstellung als ein unzweifelhaftes Recht darstellen, auf dessen Erfüllung sie durch die erlangte Bildung den vollen Anspruch hätten. Sie besaßen dieses Recht in einigen Staaten, in anderen ward es ihnen vorenthalten, oder wieder genommen. An der nationalen Erhebung hatten sie thätigen Antheil genommen, ohne zu ahnen, daß diese nach dem Siege so gewaltthätig gegen sie verfahren würde. Sie fanden sich also bitter getäuscht. Sie mußten erkämpfen, was ihnen vorenthalten ward, sie sahen sich im Rechte, das ohnmächtig war, ihre Gegner in der Macht, die das Recht mißachtete. Bald aber mußte erkannt werden, daß diese Rechtsversagnng doch nur ein Glied, ein Element der ganzen großen Reaktion, des Absolutismus, Feudalismus und Pietismus war, welche alle politischen und socialen Verhältniffe beherrschten; ebenso wie die Rechtsgleichstellung der Juden in Nordamerika und der französischen Revolution nur ein Glied, ein Element des ganzen großen freiheitlichen Systems gewesen war. Die Zeit verlangte Constitutionalismus auf breiter Grundlage, Selbstverwaltung, Vereins-, Versammlungs- und Preßfreiheit, Schutz der persönlichen Freiheit, Gewerbefreiheit, Handelsfreiheit, Geschwornengerichte, u. s. f. Diesen gegenüber standen der Absolutismus, die Polizeigewalt, der Militarismus, die Bureaukratie, die Adelsvorrechte', die Staatskirche, die Präventivbeschränkungen, der Zunftzwang u. s. f. Daß in jene auch die Glaubensfreiheit, und mit dieser die bürgerliche Gleichstellung der Juden gehörte, von jenen nicht getrennt, weder allein gefordert und begründet, noch erlangt werden konnte, war einsichtlich. Ein ganzes System stand einem ganzen Systeme entgegen, für das Ganze focht und gegen das Ganze stürmte an, wer auch nur für einen Artikel auftrat. So mußte es kommen, daß die Vertheidiger der Gleichberechtigung der Juden und unter diesen die Juden selbst sich nicht mit dieser begnügen konnten, sondern in die Opposition gegen das ganze herrschende System mit aller Kraft eintreten mußten. Es ging dies aus ihrem geschichtlichen und modernen Bildungsgänge hervor, und fand in den Urprincipien ihrer Religion volle Nahrung dafür. Wir sagen hiermit nichts Neues, vielmehr ist es eine anerkannte Thatsache, daß man die Juden in die entschiedene Opposition hineinzwang, daß man ihr Rechtsbewußtsein mit aller Macht schärfte, indem man nicht allein demselben die Befriedigung versagte, soudern es auch in aller Weise kränkte und verbitterte. Aber gerade mit dein Eintritt in die -gesammte liberale Opposition, mit der Anschauung und Thätigkeit für die gesammte Freiheitsbewegung war ein Alp vom jüdischen Geiste genommen, der Borwurf des Egoismus war entfernt, die Luft, die er athmete, war eine allgemeine, freie; die höchsten Interessen der Menschheit waren es, um die es sich handelte, in deren Kampf er sich mischte. Es war also das Schicksal der modernen Inden, gegen die, alle Macht besitzenden mittelalterlichen Prinzipien in der Opposition zu stehen, und in ihr zu streiten. Sobald daher jene erste Periode der Aneignung der Culturresultate bei ihnen, wenn auch nur erst für einen Theil derselben, vorüber war, mußte für sie die Zeit des oppositionellen Kampfes beginnen. Das ist nun richtig, daß um eine Opposition nachhaltig und erfolgreich auszuführen, vorzugsweise die zersetzende Kritik geübt werden müsse. Die entgegenstehenden Momente müssen in all ihrer Unlogik dargestellt, in ihrer Widerrechtlichkeit nachgewiesen, in ihrer Schädlichkeit erhärtet, in ihren Widersprüchen betroffen werden; die falsche Idealität, mit der sie sich brüsten, der geschichtliche Nimbus, in den sie sich hüllen, muß entlarvt, und der Fluch der Lächerlichkeit ihnen angeheftet werden. Dies Alles kann nur in dem Schmelztiegel der zersetzenden Kritik

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