Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1869)
- Date
- 1869-10-26
- Page
- Seite 860 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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obliegt, jene Neigung zur zersetzenden Kritik gefördert habe. Aber auch dies ist ein Borurtheil, das aus früherer Zeit stammt, wo Adlige und Gelehrte mit Verachtung auf den Kausmannsstand hinabsahen. Auch hier liegt der factische Gegenbeweis vor. Hat das größte industrielle Volk der Erde, das englische, irgend etwas von zersetzendem Verstände und zersetzender Kritik an sich? Geradezu das Gegeuthell. Hatten es jemals die Holländer, die eine Zeit lang die größten Kaufleute waren, und deren Handel noch immer ein sehr blühender ist? Rechnen muß der Kaufmann, auch die Dinge von ihrer realsten Bedeutung ansehen; aber gerade letzteres hütet ihn vor aller Zersetzungswuth, und er muß ebenso viel combiniren, wie zerlegen; er muß im Großen und im Kleinen den Zusammenstoß der Verhältnisse, des Bedarfs und der Befriedigung, der Nachfrage und des Angebots, des Bezuges und des Absatzes, und zwar in ihren Ursachen und Wirkungen bemessen, und hierzu gehört eine große Combinationsgabe, und alles dies ist erforderlich, ob man mit Effecten, Wolle, Spiritus, Gelreide u. dgl. oder mit fertigen Kleidern und Trödel Geschäfte treibt. Wer nur rechnet, tft etn guter Buchhalter und Kassenführer, aber kein Geschäftsmann. Lassen wtr demnach dtese falsche Voraussetzung, und gehen wir auf die Verhältnisse ein, welche jenen Vorwurf bet den modernen Juden zu begründen scheinen, ohne es wirkltch zu rhun. Wrr haben gesehen, daß es Goethe war, welcher am Beginn des letzten Viertels des vorigen Jahrhunderts ,17 75) die zersetzende, negirende Richtung unter geschichtlichen Umständen, die ihn dazu herausforderten, eröffnete uud im großartigsten Style zum Ausdruck brachte. Was der geniale Deutsche aus der Tiefe der Weltanschauung hervorholte und auf alle getsttgen Interessen anwandte, das hatte früher schon viel äußerlicher Voltaire in Frankreich gethan, doch eben nur gegen concrete Momente gerichtet, gegen Folter und inquisitorisches Gerichtsverfahren, gegen Pfasfenthum und Aberglauben. Wir sahen ferner, daß kurze Zeit darauf sich in Politik, Philosophie, Wissenschaft, der exakten und der historischen, und Poesie, in Industrie und Verkehr neue positive Welten der Menschheit erschlossen. Gerade dies war auch die Zeit, wo die Juden sich aus ihrem geistigen Ghetto herausrangen, wo die Masse derselben begann, in das Culturleben einzutreten, und mit wunderbar schnellem Fortschritt sich die Ergebnisse desselben anzueignen. Dies machte vorzugsweise ihren Beruf und ihre Thätigkeit von da ab fast bis auf den heutigen Tag aus. Man darf nicht übersehen, daß die Civilisation bei den verschiedenen Völkern sehr verschiedene Stufen einnahm, und daß die Verhältnisse den Juden bald günstig, bald ungünstig lagen, weshalb es kam, daß das Culturstreben in einigen Theilen der Judenheit längst erwacht war, während es in anderen noch schlummerte. Ja, so ist es noch heute. Es ist aber leicht einsichtlich, daß bei einer Masse, die sich einer bestehenden fortgeschrittenen Cultur annähern und sie sich aneignen will, von der Thätigkeit eines zersetzenden Verstandes nicht die Rede sein kann, weil sie sonst zum entgegengesetzten Ziele gelangen wird. Sie muß vielmehr mit einer freudigen Gläubigkeit das Wesen, den Charakter, die Tendenz und Resultate jener Cultur annehmen, sie muß diese für völlig positiv erachten und jede Kritik davor verstummen lassen. Erst viel später kann sie in ein Stadium der Bezweiflung und der Kritik eintreten, wenn sie bereits Herr des Culturstoffes geworden. Dies war denn auch bei den Juden der gedachten Periode vollständig der Fall; sie nahmen die Resultate, die sie in der christlichen Welt vorfanden, sehr gläubig und als völlig positiv auf — gerade ww ihre Vorfahren in der arabisch spanischen Periode es gethan. Es war dies so sehr der Fall, daß darüber die geretteten Elemente ihrer eigenen Cultur in Mißachtung bei ihnen geriethen. Wer die damaligen Zustände der Juden kennt, und ihre wenigen literarischen Erzeugnisse prüft, wird dies bestätigen, und wir wollen nur hervorheben, daß bis gegen das Ende der zwanziger Jahre gerade Schiller der eigentliche Dichter der jüdischen Jugend war, ihr Herz und ihre Seele ausfüllte. Jene Periode von 1775 fand in den zwanziger und dreißiger Jahren in Deutschland ein Nachspiel. Die Reaktion, die absolutistische und pieüstische, welche nach den Freiheitskriegen eingetreten, die Entartung der romantischen Schule in die Deutschthümelei von Fouqu6 und Genossen, der allgemeine Mangel an schöpferischen Geistern, der Pedantismus und die Philisterei, die sich überall geltend machten, führten nochmals eine Zeit innerer Verzweiflung, und darum der zersetzenden Kritik herbei. Damals traten Börne und Heine als die ersten Wortführer dieses Zustandes ein, denen sich aber bald das sg. junge Deutschland anschloß, die keine Juden waren (Gutzkow, Kühne, Laube) und ihre eigenen Wege gingen. Hierzu hatte aber ein sehr wesentlicher anderer Umstand beigetragen.