Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1869)
- Date
- 1869-10-19
- Page
- Seite 840 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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840 Wirkung zersetzender Berstandesthätigkeit am nachdrücklichsten aufhob, wir meinen das Gemüthsleben, wie es sich besonders in der Familie beihätigt. Wir wollen hier kein eigenes Wort über diese Erscheinung sprechen, sondern vielmehr den Ausspruch eines in der jüngsten Zeit viel genannten Mannes Herstellen, der seinem Lebensberufe nach eigentlich nicht so hätte sprechen sollen, der aber in seiner Wahrheitsliebe so zu sprechen sich gedrungen fühlte. Es ist der Pater Hyacinthe. Er sagte in seinem Adventsvortrage vom 6. December 1868 zu den in der Kirche Notre Dame Versammelten: „Sind Sie, meine Herren, jemals einem Juden begegnet, ohne ihn zu erkennen? Haben Sie nicht oft bei solcher Gelegenheit ein fremdartiges, schönes, aber zugleich düsteres und anziehendes Antlitz mit einem Auge voll Verstand und Leidenschaft bewundert? Sie mußten, wenn auch vielleicht ungern, zugeben, daß hier ein reineres, stolzeres, aristokratisches Blut fließe, ein Blut, das durch alle Menjchenalter und alle Racen auf unsere Zeit gekommen, ohne sich init anderem Blute zu vermischen. Haben Sie, Männer des Gedankens und der Politik, Lehrer der Staats- und Bolkswirthschaft, wohl die eigenthlimliche Organisation der jüdischen Familie slnoirt? Bis zum heutigen Tage und vor unseren Augen hat in Europa wie in Asien Reorganisation der jüdischen Familie Widerstand geleistet, während ihre Stützen rings um sie her gestürzt sind. Sie besaß ein Äönigthum, sie bildete einen Staat; das Eine wie das Andere ist seit Jahrhunderten gefallen. Sie besaß ein Priesterthum, einen Tempel des Allerheiligsten; von beiden ist wohl noch eine Spur vorhanden, aber ohne allen historischen Zusammenhang mit dem, was früher war. Ihr Tempeldienst ist verschollen; es gibt weder Opfer, noch jüdisches Kirchen-, Priester- und Königthum mehr, aber die jüdische Familie sua mole stat, sie erhält sich durch ihre eigene Kraft. Sie findet in sich selbst die Kraft, sich unverletzt zu bewahren, sowohl den Revolutionen der Neuzeit als der Barbarei des Mittelalters gegenüber, und diese Kraft besteht in ihrer Tradition des Blutes, in ihrer Tradition von Gott!" „Nicht der Zorn ist unsterblich, wohl aber die Liebe, die das Zeichen Abraham's ist, das große Abzeichen der patriarchalischen Familie, welches Gott auf die Stirn dieses Volkes gedrückt und das dieses Volk, trotz seiner und trotz unser, sich erhält." — Es ist erklärlich, daß solche Worte den Redner bei seiner Kaste in Verruf bringen mußten; aber gerade dadurch erhalten sie den Stempel der Wahrhaftigkeit erst recht. Wer aber sieht nicht ein, daß ein solches innigstes Gemüthsleben alle Wirkungen des zersetzenden Verstandes aufheben mußte? Was jener auflöste, das setzte dieses schöpferisch wieder zu einer neuen, höheren Einheit zusammen. Es kann hier von unvereinbaren Gegensätzen nickt die Rede sein, sondern nur von einem Unter- und Einordnen einer niederen in eine höhere GeisteSthätigkeit, wo im Leben Alles wieder zusammenrückt und sich zusammenfügt, wodurch Geistesbewegung und dauerhafter Bestand zu gleicher Zeit erzielt wird. Fügen wir nun noch einen Blick in die neueste Zeit hinzu. Die Auswanderung von Juden ans den westrussischen Provinzen. XI. Von den Herren Bädeker und Blumenfeld in Essen erhielten wir 270 Thlr. 1 Sgr. 3 Pf. zu dem obigen Zwecke. Die Summe ist der Ertrag von Sammlungen aus der christlichen und jüdischen Bevölkerung Essen's. Gesundheitsrücksichten verhinderten uns zu unserem Bedauern, die Reise nach Berlin anzutreten und der daselbst am 11. d. stattfindenden Versammlung beizuwohnen. Wir haben aber dafür gesorgt, daß unsere Leser durch ausführliche Berichte mit den Resultaten der Versammlung bekannt gemacht werden. Berlin, 12. Okt. (Privatmitth.) Bis jetzt hat bekanntlich die Alliance israelite beständig in Paris den Sitz ihrer Verwaltung und ihrer Zusammenkünfte gehabt. Um aber das Jnteresie für sich auch in Deutschland mehr anzuregen, beabsichtigte sie dieses Jahr eine Generalversammlung in Berlin abzuhalten. Zu diesem Behufe reisten Ende voriger Woche die Herren Crömieux, der Präsident der Alliance, der Vieepräsident Herr Banquier Goldschmied und die beiden Seeretäre, die Herren Advoeaten Leven und Lehmann, von Paris nach Berlin ab; auch Herr Albert Cohn, welcher auf einer Reise nach Jerusalem begriffen ist, hielt sich mehrere Tage in Berlin auf. Gestern Abend waren nun zur Vorbereitung der Generalversammlung die Präsidenten der Loealcomites in Deutschland zn einer Vorbesprechung