Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1869)
- Date
- 1869-10-19
- Page
- Seite 839 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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839 Prinzipes, noch ohne großen Zwang gegen das Reale vor sich gehen. Ueberhaupt ist es nicht möglich, die Autorität von Prinzipien vergangener Epochen völlig veränderten Lebensverhältnifsen gegenüber aufrecht zu erhalten, ohne beständig denselben geistig-chemischen Prozeß zu vollführen, nämlich den der Auflösung des Prinzips in seine Bestandtheile, um einen der letzteren auf den einzelnen Fall anwendbar zu machen. Es kann da weder das Prinzip in seiner Einheit erhalten, noch das neue Leben in seiner Totalität gefaßt, sondern beide müffen aufgelöst werden, um verschmolzen werden zu können. Es ist hier weder Ort noch Veranlassung, diese Sätze mit Beispielen zu belegen; der Sachkundige wird solche leicht finden. Wir haben anzuerkennen, daß diese Geistesthätigkeit, diese zersetzende Logik der Tradition und Casuistik allerdings dieHauptthätigkeit unserer Väter während der ganzen Periode des Räbbinismus bis zu seinen Auswüchsen in Pilpul gewesen. War aber hiermit der Geist des jüdischen Stammes erschöpft? War dies sein ganzer Inhalt verblieben? Gab es in ihm keine Eleniente und Thätigkeiten, die jener Tendenz die Wage hielten? ja, welche die Wirkungen jener wesentlich modifizirten oder aufhoben? Wir müssen diese Frage bejahend beantworten. Wir finden im Leben des jüdischen Stammes von der Zerstreuung an drei Momente, welche, ganz entgegengesetzter Art, die Arbeit des zersetzenden Verstandes segensreich, uuv deren schädliche Wirkung unschädlich machten. Vor Allem das Leben in der Ädee, im Idealen. Schon daß die außerordentliche Zersplitterung des Stammes keine Auflösung desselben bewirkte, sondern in der gesammten Masse dieser Volkssplitter eine feste Einheit bewahrt blieb, ist Beweis genug, daß bei dem gänzlichen Mangel an äußeren, materiellen Bindemitteln, die Idee es sein mußte, welche die unerschütterliche Einheit aufrecht hielt. Die ganze religiöse Idee, wie sie im israelitischen Volke gelebt und sich entwickelt hatte, begleitete den jüdischen Stamm in die Zerstreuung und wurde von ihm getreulich festgehalten. Sie durchdrang immer mehr das ganze wirkliche Leben desselben; sie wurde ihm zur Realität, nicht blos in seinen allgemeinen Instituten, sondern in jedem Hause, an jedem Tage, in allem Thun und Lassen, sie wurde zu seinen Motiven, bildete seine Hoffnungen und Erwartungen, beschäftigte seinen Verstand, sein Gemuth und seine Einbildungskraft; in ihr fühlte sich jeder Einzelne als ein Glied der einheitlichen Gesammtheit; mit ihr lebte er und für sie litt und starb er. Was daher in der Tradition und Casuistik an den Prinzipien des Gesetzes verloren und an zersetzendem Verstände genährt ward, das ersetzte die Energie der religiösen Idee und des von ihr aufgestellten Idealen nicht allein hinreichend, sondern in so schöpferischem Maße, daß jener dieser stets untergeordnet und ein dienstbares Werkzeug blieb. Dies konnte aber nur dadurch geschehen, daß in dem Geistesleben des jüdischen Stammes die Autorität ein unantastbares, zweites Moment verblieb. Autorität und zersetzender Verstand sind zwei Gegensätze, die, in gleichem Maße wirksam, eine Spaltung von oben bis unten bewirken müssen. Wo der letztere die Oberhand gewinnt, da ist die Autorität gänzlich verloren; wo diese allein herrschend bleibt, führt sie zum blinden Glauben, zur Verdummung, zur Knechtschaft des Geistes. Es bleibt daher nichts übrig, wo beide in Thätigkeit sind, als daß der zersetzende Verstand von den Schranken der Autorität umschrieben und nur zum Dienste jener verwendet wird. Dies ist denn auch im rabbinischen Judenthume vollständig der Fall gewesen. Der scharfsinnigste Rabbi beugte sich vor der Autorität, ging von ihr aus und richtete sein Streben dahin, wieder zu ihr zurückzukehren. Es ist einsichtlich, daß auf diese Weise der zersetzende Verstand in seiner Wirksamkeit ein gegentheiliges Ziel verfolgen mußte, als er es seiner eigentlichen Natur nach thut; denn er muß, wie er vorher das Prinzip zerlegt hat, um zur Autorität zurückzugelangen, ebenso wieder vereinzelte Bestandtheile zusammenzufügen suchen. Wem fällt bei dieser Schilderung nicht sofort die mittelalterliche Scholastik ein, die in der That ganz dieselben Erscheinungen zeigt? Wir nehmen hiervon Akt, um im Vorübergehen hinzudeuten, wie hiermit abermals die dem jüdischen Stamme zugeschriebene eigenthümliche Geistesrichtung in Wirklichkeit eine allgemeine der Zeit war. Aber wir dürfen auch die Verschiedenheit nicht übersehen. Die Scholastik bewegte sich vorzugsweise auf dem metaphysischen Gebiete, während der Räbbinismus den realen Boden des Rechtes und des Gesetzes nicht verließ, und die Metaphysik nicht berührte. Ferner war die Scholastik das Produkt einer späteren Zeit, während jener seine Wurzeln schon lange vor der Zerstörung Jerusalems trieb; und jene wich dem Aufschwünge des neuen Geistes früher, während dieser bis in die neueste Zeit reichte. Aber wir haben im Leben des jüdischen Stammes noch ein drittes Moment aufzuführen, vielleicht daS wichtigste für uufre Betrachtung, das nämlich die schädliche 42*