Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1869)
- Date
- 1869-10-19
- Page
- Seite 841 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226733--27687-3263278- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
841 geladen; da man besonders die hochwichtige Frage wegen der weftrussischen Juden behandeln wollte, so waren auch andere einflußreiche Männer unter den deutschen Israeliten und ferner Vorstand und Repräsentanten der hiesigen Gemeinde aufgefordert, der Sitzung beizuwohnen. In der That hatten sich gestern Nachmittag etwa vierzig Herren auS den bezeichnet«« Kategorien im Locale der Gesellschaft der Freunde hier eingefunden, und es ist wohl selten ein solches Zusammentreffen der Vertreter der verschiedensten Parteien, von der krassesten Orthodoxie bis zu der entschiedensten Reform vorgekommen. Leider vermißte man Herrn Crämieux, der, durch ein Unwohlsein unterwegs aufgehalten, nicht rechtzeitig hatte eintreffen können. Da die Berathung eine streng kvnfidentielle, nicht-öffentliche war, müssen wir uns darauf beschränken nur einige wenige Momente aus den Verhandlungen hervorzuheben. Das Hauptinteresse lag in den Reden, in welchen die Herren vr. Rülf, Kanvwski (aus Königsberg) und Silbermann (aus Lhck) die grauenhaften Zustände der russischen Juden, die sie aus eigener Anschauung kennen, schilderten; ihre Angaben wurden von Herrn vr. Goldschmidt aus Leipzig, der ehemals in Warschan fungirte, bestätigt. Um Wiederholungen zu vermeiden, fassen wir das von diesen verschiedenen Herren Gesagte sogleich zusammen. Die jüdische Bevölkerung in Rußland befindet sich in größter Unwissenheit und Versunkenheit. Die Rabbiner suchen sie hierin zu erhalten, damit sie das Joch einer übertriebenen Orthodoxie nicht abwerfen mögen. Die gebildeten Rabbiuen, welche den Juden von der Regierung aufgenöthigt werden, und die man bezeichnend genug Kronsrabbinen nennt, besitzen nicht den mindesten Einfluß. Da die Juden stehen bleiben, während' das Land und die sie umgebende Bevölkerung immer weiter fortschreiten, so versinken sie immer tiefer in's Elend. Einzelne unglückliche Ereignisse, wie Mißwachs, Aufhören des Schmuggels durch die Zollermäßigungen, Vereinfachung des Handels durch Eisenbahnen, Untergang, Verbannung und Verarmung des polnischen und lithauischen Adels können die Misere noch verschlimmern, aber der eigentliche Grund der letzteren liegt tiefer, in den eben angcdeuteten Zuständen. Es giebt unter der jüdischen Bevölkerung Rußland's fünf Klassen: l) Die Reichen, Kaufleute erster Gilde, etwa 1 "/«. 2) Krämer und Handelsleute, etwa 70 "/<, der jüdischen Gesammtbevölkerung; diese Leute betreiben zumeist viele Geschäfte zu gleicher Zeit und deshalb keines ordentlich. 3) Handwerker, c. 2 °/o- Diese haben ihre Beschäftigung nur aus augenblicklicher Noch gewählt und find deshalb größten Theils armselige Pfuscher. 4) Gewöhnliche Arbeiter, die, von den andern verachtet, körperlich schwach und durch die Sabbathruhe behindert, nie auf einen grünen Zweig kommen <10 %), Endlich 5) die Bettler. Die übermäßige Vertiefung in das Studium des Talmud führt vom frischen Leben ab und bringt eine spitzfindige, krankhafte Denkungsart hervor. Jeder sucht seine Tochter an einen Gelehrten zu verheirathen, auch wenn derselbe gar nichts besitzt. Je größer der Mangel, um so mehr füllen sich die Botte Midraschim; in Wilna allein giebt es jetzt deren 86! Die Frau wird in völliger Unbildung und Trägheit erzogen. Das Familienleben ist trotzdem innig und treu, aber das, gegen die strengsten Staatsgesetze vorgenommene frühe Heirathen ruinirt vorzeitig Geist und Körper. Noch dazu vom Chassidäismus angesteckt, ist diese Bevölkerung zu jeder praktischen Arbeit fast ganz unbrauchbar. — Das ist das traurige Bild der Zustände nicht nur unter den westrussischen, sondern unter allen russischen Juden. Soweit hat eine despotische und gewiffenlose Regierung eine begabte Menschenklasse herabgebracht! Wahrlich, hier ist schnelle und ganz gründliche Abhülfe dringend nöthig. Die Meinungen über die anzuwendenden Mittel waren nun sehr verschieden; wegen des schon erwähnten Charakters der Verhandlungen müssen wir es uns versagen, näher auf dieselben einzugehen. Nachdem die Sitzung volle fünf Stunden gewährt hatte — von fünf Uhr Nachmittags bis zehn Uhr Abends — trennte man sich, indem man ein Comite wählte, welches in den nächsten Tagen die Angelegenheit noch weiter überlegen soll. Auf der Generalversammlung selbst, die am nächsten Donnerstag Abend stattfindet, wird diese Sache nur ganz im allgemeinen erwähnt werden. — Es ist noch zu erwähnen, daß Herr Albert Cohn ankündigte, die Familie v. Rothschild in Paris werde in drei weiteren Jahren bis zu 100,000 Frcs. für die Auswanderung der russischen Juden zahlen. Auch macht Herr Leven die erfreuliche Ankündigung, daß die Alliance bereits 70,000 Frcs. zu demselben Zwecke gesammelt habe. Als Herr A. Cohn die Sitzung verlassen mußte, um sich auf seine Reise nach dem Oriente zu begeben, ward ihm durch den Präsidenten, Herrn Prof. Lazarus, eine glänzende Ovation gebracht, an welcher die Versammlung sich lebhaft betheiligte. M,