Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-19 · Heft 42 (19.10.1869) · p. Seite 838

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 42 (19.10.1869)
Date
1869-10-19
Page
Seite 838 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226733--27684-3263275
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

838 menschlichen Verhältnisse, auch gegen die Thiere, regeln. Selbst als die Betrachtung in dem jüdischen Volke subjektiv und individuell wurde, wie in den Psalmen, tritt das Ringen nach Einheit und Idealität immerfort hervor, und wo sich ein zersetzender Gedanke, ein auflösendeS Gefühl, wie Verzagtheit, Zerknirschung, Reue, Haß einstellen, werden sie sofort überwunden und zur Läuterung, Ausgleichung und Ueberzeugung zurückgeführt. Den schlagendsten Beweis liefert gerade das Buch, welches eine volle Ausnahme zu machen scheint, der vielfach mißverstandene Koheleth (Pred.Salomonis). Es ist selbstverständlich, und es würde im Nichtfalle von geistiger Beschränktheit zeugen, daß auch in diesem Volke bei vorgeschrittener Entwickelung des Geistes und der Verhältnisse, sich „der zersetzende Verstand" äußerte und seine negirenden Demonstrationen kundgab. Das Leben, die Erzeugnisse und Erscheinungen desselben werden im Lichte des Unwerthes angeschaut, des Zweck- und Inhaltslosen, der ewigen Wiederholung des Werdens und Vergehens, vor der ein sittlicher Werth bedeutungslos ist und keine Berücksichtigung findet. Dies Alles wird in Kohelet ausgesprochen. Wer aber das Buch genauer prüft, der gewahrt, daß jene Negation mit der entschiedenen Absicht ausgesprochen wird, zu lehren, wie dennoch eine solche Gedankenrichtung mit einem gottesfürchtigen und gerechten Lebenswandel vereinbart werden müsse, um ein beglücktes und werthvolles Leben zu führen. Gerade weil diese Ideen und Empfindungen im Menschen vorhanden seien, habe der Mensch seine Zuflucht allein in Gott, im Gedanken an dessen Gericht, in der treuen Erfüllung der göttlichen Gebote. Die Zersetzung geht also nicht weiter, als bis zum Wegfall des geschichtlichen Bewußtseins und der fortschreitenden Entwickelung; der Vers, spricht es selbst aus, daß kein Geschlecht wiffe, was das folgende aus und mit seinem Erbe mache; so daß alles Menschliche nur individuell und persönlich sei. Aber den Gottglauben, die Ueberzeugung von einer göttlichen Vergeltung, und daß gut wirklich gut, Recht wirklich Recht sei, tastet diese Negation nicht an, und das ganze Werk ist daher eine rechte Synthese, nämlich die Ausgleichung des Negativen mit dem Positiven. Ja, wenn wir zur Bestärkung des Gesagten noch etwas hinzuzufügen brauchen, so können wir uns auf die Bücher des neuen Testamentes berufen, über deren Werth und Charakter, Verfasser und Abfassungszeit immerhin gestritten werden mag; da sie jedoch jüdischen Ursprungs sind, so beweisen sie, daß der jüdische Stamm, als er bereits das Land seiner Väter und seine bisherigen Heiligthümer verloren hatte, und ein Theil deffelben sich den Anschauungen der heidnischen Welt nähern wollte, in den dahin gerichteten Erzeugnissen seinen Grundcharakter, den Trieb nach dem Idealen, nach Ausgleichung und Versöhnung, also nach der höheren Einheit, so sehr bewahrte, daß er selbst zum Hyperidealen gelangte. Was wir bis hierher gesagt, wird keinem Angriff begegnen; man wird es zugestehen, weil es eben zu offenkundig vor aller Welt Augen liegt. Wir brauchten es eben nur zum Bewußtsein zu bringen. Anders wird es sich mit der folgenden Periode des jüdischen Stammes verhalten. In seiner außerordentlichen Zerstreuung und Zersplitterung über die ganze bewohnte Erde, in der unverkennbaren Neigung, sich immer weiter zu zerstreuen und zu zersplittern, wird man ein Abbild seines geistigen Lebens, der geistigen Strömung erblicken, die ihn von da ab ergriffen und fortgetrieben hat. Die wesentliche Thätigkeit des jüdischen Geistes wurde die Bewahrung der Tradition und die Casuistik. Aber alles Tradirte ist Bruchstück, Einzelnes und Gegensätzliches; das Letztere ist sogar vorwiegend, weil, wo keine Verschiedenheit, auch keine Ueberlieferung, denn das tradirte Einheitliche stellt sich im Leben selbst dar, und braucht nicht in Wort und Autorität gekleidet zu werden. Die Casuistik ist aber Werk der zersetzenden Logik, die ursprünglich zwar von einem Prinzips ausgeht, sich aber immer weiter von ihm entfernt, und indem sie immer wieder aus einem Fall auf den anderen schließt, das Princip um so mehr aus den Augen verliert, als sie eigentlich zwischen demselben und den gegebenen Bedingungen zu vermitteln sucht. Die Casuistik ist daher das Gegentheil von der Mathematik. Letztere kennt nichts als das Axiom, und was aus demselben logisch folgt, das ist uothwendig, unbedingt und wirklich; sie geht daher bei jedem Lehrsatz und Beweis auf das Axioin zurück, und keinen Schritt weiter, ohne den unzerreißbaren Zusammenhang durch alle Lehrsätze hindurch mit dem Axiom nachzuweisen. Die Casuistik aber hat zwei Faktoren: das Prinzip und der gegebene Fall, das Allgemeine und das Individuelle, das Ideale und daS Reale; sie will beide vereinbaren, und arbeitet daher an beiden so lange herum, bis sie einen Jncidenzpunkt, und sei es der scheinbarste, ein bloßes Symbol, gefunden zu haben glaubt; sie nöthigt beide, ganz wesentliche Theile aufzugeben, damit beide, wenn auch nur scheinbar, sich decken. Dies kann weder ohne große Beschädigung des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.