Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1869)
- Date
- 1869-10-12
- Page
- Seite 825 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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825 durchfluthet und darum zwischen beiden stets hin- und hergeworfen wird, daß eS darum immerfort schwankt, in allen feinen Produkten nur Halbes schafft, und deshalb wieder unzufrieden mit sich selbst ist — dies gewahren wir in allen Regionen, nicht blos etwa in den regierenden und gesetzgeberischen Kreisen, sondern im gesammten Volke. Wann und worin sind wir, bei aller Ehrlichkeit, entschieden? wann und worin thun wir einen Schritt vorwärts, ohne ihn nicht gleich so zu verklausuliren, daß es ein gut Stück Rückwärts mit in sich schließt? Die Folgen solches halben und unzuverlässigeu Gebahrens sind aber immer schlimm, und bringen nach Außen Machtlosigkeit, nach Innen Schwache, oder doch wenigstens keine Erstarkung. Wir lasten uns von keiner Idee überkommen, erfüllen, beherrschen; nüchtern, wie wir stets sind, zersetzen wir dieselbe alsbald und lassen nicht minder das Gegentheil gelten, niemals entschlossen, uns einem bestimmten Prinzipe zu unterwerfen. Daher diese Zerfahrenheit; daher auch wird es einer energischen Minorität nicht allzuschwer, uns eine lange, lange Zeit zu gewältigen. Daß der edle Greis darum mitten im geräuschvollsten Leben sich einsam fühlte, daß es, je weiter die Geschichte schritt, ihm desto bänger und trübseliger zu Muthe ward, und daß er dies seinem vertrauten Freunde anvertraute — sind dies nicht gerade Beweise seines wahren, keines erheuchelten und keines sich selbst betrügenden Patriotismus? ....*) So erkennen wir in Humboldt einen fest geformten politischen Charakter, der, in die eigentliche politische Laufbahn gestellt, Großes geleistet hätte. Aber frühzeitig vom Genius der Wistenschaft ergriffen, und theoretisch und praktisch von ihm beschäftigt, gerade in den lebhaftesten Jahren des Lebens, vom 20. bis 50., ihm allein hingegeben, blieb er in politischer Beziehung im Großen nur ein Manu der Anschauung, nicht der That. Humboldt, der den Stürmen der Elemente am Fuße und auf dem Gipfel der Anden, auf der Hochsteppe Kobi und in den Schluchten des Ural zu widerstehen gelernt, verlor niemals den Muth und ließ von seiner Meinung nicht; er verachtete die französischen Liberalen, welche dem Staatsstreich Napoleon's III. aus Furcht vor dem Volke zujauchzten, hinterdrein aber wieder ihn anzubellen begannen, und mit diesem „Bellen" ihr Ge- *) Ob die obige Schilderung durch die Siege von 1868 alterirt worden, können die Leser sich beantworten. misten beschwichtigten (S. 293), er theilte weder ihre Furcht, noch fand er in ihrem Benehmen Würde und That. So war Humboldt unverändert der Mann der fortschreitenden Menschheit, der freien, regelmäßigen Entwickelung in Beseitigung jedes Zwanges, in volksthümlicher Verfaffung, in Volkserziehung und Bildung aller Menschen, unverändert der Mann aller Menschenrechte, der Feind alles Kastengeistes, der Gegner jeder Glaubensherrschaft, der Widersacher jedes Egoismus, jedes Truges, dem alles Schwanken, alles Feilschen mit Wahrheit und Recht das Widerwärtigste war. Von der Höhe seines wissenschaftlichen und sittlichen Standpunktes verfolgt er den Gang der weltgeschichtlichen und vaterländischen Ereignisse mit Spannung, je weiter sie sich von dem Wege freier Entwickelung entfernten, mit Betrübniß, aber immer mit der Ueberzeugung, daß es doch nur eine Einbiegung in der großen aufsteigenden Curve des Fortschrittes sei. Auch auf dem politischen und socialen Gebiete gereicht „das Andenken der Großen und Starken zum Segen." Was unsere Vordern erstrebt und nicht erreicht, um das sie gestritten und für das sie gelitten und das sie nicht erlangt — das ist eine große Schuld für die Enkel, die diese abzutragen haben. Jeder bedeutende Name mehr, der eine Idee repräsentirt, welche unnachsichtlich ihre Realisirung verlangt, weil außerhalb ihrer das Unrecht und der Wahn, eine Idee, der der Träger dieses Namens mit aller Kraft seines Geistes und allen Schmerzen seines Herzens angehörte, ist eine Mahnung mehr an die Söhne und Enkel, frisch im Streben, stark im Thun zu sein, nicht zu ermatten, nicht nachzugeben, sich nicht beirren zu lassen, sondern in diesem Namen mehr das Ziel zu erblicken, wohin wir uns zu richten, was wir nicht aus den Augen zu lassen, was Gegenwart und Zukunft zu erwirken haben! Den großen Deutschen, ja den großen Vorbildern der ganzen Menschheit hat sich auch der Name Alexander Humboldt's angereiht, nicht blos in wissenschaftlicher, nicht blos in allgemein humaner, sondern auch in politischer und sozialer Beziehung, und das ist ein Gewinn, für welchen wir wahrhaft dankbar sein wollen." 41