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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-12 · Heft 41 (12.10.1869) · p. Seite 824

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 41 (12.10.1869)
Date
1869-10-12
Page
Seite 824 (sequence 8)
Language
German
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824 Humboldt's dringender Wunsch (1856), daß nicht Buchanan, sondern Fremont Präsident der Union werde, Främont, „dem wir verdanken, daß Kalifornien nicht Sklavenstaat geworden ist." Ja, er machte durch eine Veröffentlichung über die Sklaverei in amerikanischen Zeitungen offene Propaganda für Frömont. Buchanan siegte, und wir wiffen, wie seitdem die Sklavenfrage in der Union an unheilvoller Bedeutung gewonnen hat. Es war Humboldt (1858) ein wahrer Triumph, als der bekannte Reisende, Dr. Livingstone, über die Kulturfähigkeit des Negerstammes berichtete, „zu einer Zeit, wo unter dem Vorwände freier Arbeit Frankreich auf einer und Nordamerika auf der andern Seite das Sklaveneinfangen in Afrika auf das schmachvollste begünstigen." *) Was verstand aber Humboldt unter einer „freien regelmäßigen Entwickelung des Staates?" Zunächst Beseitigung jedes Zwanges, jedes „Schnürleibes", wie er sich ausdrückte. Den 18. März 1840 schrieb er: „Cäsareopapie, Territorialshstem, ja die „Autorität von bestimmtem positivem Lehrinhalt und markirter Physiognomie" (Worte Marheineke's), sind mir Gräuel und Karnaval-Freuden. Beide Parteien sind nur verschiedene Arten von Kompressionsmaschinen, und ein „philosophisch" begründeter christlicher Dogmatismus von „markirter Physiognomie" ist von allen Schnürleibern mir das lästigste." Es liegt in diesen wenigen Worten freilich eine ganze Welt ausgesprochen. Also weder in Glaubensnoch in Nationalitäts-Angelegenheiten wollte er einen systematischen Zwang dulden, und keine andere, als die freiwillig anerkannte Autorität, namentlich aber keine prinzipielle, weltlich gemachte, zugestehen. Zweitens eine „volksthümliche Verfassung," welcher er bereits 1841 auch für Preußen mit allem Freimuthe offen das Wort redete (wie ihm denn „der Muth der Meinung" das höchste männliche Attribnt schient. Er kam sogar deshalb in gewisser Zeit in Verruf (1847), so daß er scherzend, wenn auch tief betrübt, äußerte: man gebe ihn für einen Jakobiner aus, mit der Tricolore in der Tasche. Endlich die Volkserziehung und allgemeine Bildung. Zn den Stadtverordneten von Potsdam sagte er: „Sie haben Ihre Theilnahme und Achtung für die Bestrebungen dargethan, die mit den Fortschritten des *) Wie seitdem (1860) das Sklaventhum den großen Bürgerkrieg hervorrief, durch diesen aber in den Vereinigten Staaten beseitigt worden, ist bekannt. Wiffens, mit der Bolkserziehung und der allgemeinen Bildung der Menschen Zusammenhängen. Als den Lohn für einen Theil dieser Bestrebungen, denen mein ganzes, langes, vielbewegtes Leben gewidmet war, nehme ich mit Stolz Ihre ehrenvolle Gabe an (das Ehrenbürgerrecht!." Wenn nun aber Humboldt's Leben und wissenschaftliches Arbeiten einen kosmopolitischen Inhalt hatte, so besaß er doch ein ganzes, volles Herz-für das deutsche Vaterland. Er schreibt an Varnhagen den 2. Juli 1850: „Ich freue mich Ihrer Reise nach Kiel, nach der kleinen Region, wo deutscher Sinn sich ausspricht konsequent und frei." Als sich bei einem und dem andern deutschen Fürsten eine Hinneigung zu Frankreich zu verrathen schien, war er empört, und ließ sich in den schärfsten Ausdrücken darüber aus. (S. 302.) — Nicht minder hing er an Preußen; deffen Geschick, dessen Erhebung oder Erniedrigung wurzelten tief in seinen! Herzen. Man hat ihm in diesen Briefen mehrfach Ausdrücke und Bezeichnungen verargt — sicher hätte Humboldt selbst sie nicht also der Oeffentlichkeit übergeben — aber forschen wir nach der Quelle derselben, so ist es die Entrüstung, das Vaterland nach seiner Meinung durch eine unwürdige Partei irre geleitet, erniedrigt, Preußen seinem Berufe weit entrückt und aus seiner Bahn als Staat des Rechts und der Intelligenz hinansgerissen zu sehen. Daß Humboldt sich zu einem leeren Enthusiasmus, zur Phrase ohne Inhalt und Dauer nicht bringen konnte, lag in der Natur seines Wesens. Er blickte tief und scharf, und vor ihm lagen die Blößen und Mängel entschieden da. Wie kann man es auch anders von einem echten Naturforscher erwarten? In sehr geistreicher Weise charakterisirt er Preußen 1842, indem er von dem „nüchternen Seelenzustande dieses getheilten eruditen, sich bei gleichnamigen Polen abstoßenden , mürrischen und doch nach Ost sich täglich mehr einengenden Landes (eines wahren Steppenlandes)" spricht. Was ist wahrer? was greift tiefer und sicherer in unser Eingeweide als dieses Wort, wofür wir, ob es uns auch wehe thnt, dem Wahrheitsfreunde danken müßten, wenn es wahr ist, daß Selbsterkenntniß schon eine halbe Heilung ist. Daß Preußen in feinem Wesen getheilt ist, in staatlicher und kirchlicher Beziehung — und zwar nach der tiefsten Bedeutung dieser Worte — den entgegengesetztesten Richtungen zustrebt und doch wieder vor den Gegensätzen zurückschreckt und sich zurückzieht, daß es immerwährend von Strömung und Gegenströmung

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