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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-12 · Heft 41 (12.10.1869) · p. Seite 823

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 41 (12.10.1869)
Date
1869-10-12
Page
Seite 823 (sequence 7)
Language
German
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823 meinen Überzeugungen. Wir stellen hier einen Ausspruch voran, der uns einer der wichtigsten im ganzen Buche scheint. Er schreibt: „Jahrhunderte sind Sekunden iu dem großen Entwickelungsprozesse der fortschreitenden Menschheit. Die ansteigende Curve hat aber kleine Einbiegungen, und es ist freilich! unbequem, sich in solchem Theile des Niedergangs zu befinden." — Es war also auch dieses scharfblickenden Forschers Anschauung: die fortschreitende Menschheit ist in einem beständigen Entwickelungsprozesse begriffen, nur daß dieser nicht eine ununterbrochene, gerade aufsteigende Linie verfolgt, sondern daß sie hie und da in Einbiegungen sich versenkt, zeitweise abschweift und zurückschreitet, um mit verstärkter Kraft wieder empor zu steigen*). Daher verlangt er auch, daß man, zur richtigen Auffassung dieses Weltganges, von tausendfachen Tagesereignissen absehen müsse, die nur wie leichte Wasserblasen aufsteigen und schnell und äußerlich spurlos im großen Elemente der Geschichte wieder zerplatzen. Er bediente sich darüber folgenden Gleichnisses: „Die Weltzustände gleichen der Wasserbouteille, die d'Alembert schüttelte, damit ein Gewebe verschiedenartiger Blasen entstand." Er sagte dann, um das hydraulische Wissen, in dem er doch selbst so groß war, zu verspotten: „Calciilez-moi cela!" (Berechnet mir dies!) Es wird manche der Blasen zerplatzen, ehe man diplomatisch ihre transitorische Form berechnet." Für diese fortschreitende Entwickelung der Menschheit war auch ihm das wirksamste Mittel die wachsende Verbindung und Wechselwirkung unter den entferntesten Erdtheilen, und wenn ihm auch die westeuropäische Civilisation nur als „eine Gattung der Civilisation" erschien, so erkannte er doch deren besondere Wirksamkeit überallhin an. Er sagt schon 1837: „Einfacher wird sich Alles im nächsten Jahrtausend gestalten. Das individuelle Leben der Nationen konnte sich erhalten, trotz der Heerzüge durch die Feste (Festländer). Seit der großen Epoche von Columbus und Äama, seitdem ein Theil, eine Seite des Planeten der andern kund ward, hat das bewegliche Element, das Meer, gleichsam die Allgegenwart einer Gattung der Civilisation (der westeuropäischen) möglich gemacht. Bon allen Konturen des Starren aus dringen andere Sitte, anderer Glaube, anderes Lebensbedürfniß auch in die *) Vergl. die ausführliche Darstellung dieser Anschauung in unseren: „Vorlesungen über die Resultate in der Weltgeschichte. Leipzig, Vaumgärtner. 1800." ungegliedertsten Ländermassen ein. Die Südsee-Inseln sind ja schon protestantische Kirchspiele; eine schwimmende Batterie, ein einziges Kriegsschiff verändert das Schicksal von Chili . . Darum forderte er vom Staat und Staatsleben eine freie Entwickelung, und erkannte diese in ihrem regelmäßigen Fortschritt als die Lebensbedingung der Gesellschaft an. In der Dankrede an die Stadtverordneten von Potsdam, die ihm im October 1849 das Ehreubürgerrecht verliehen, feiert er diejenigen, „bei denen sich für die größeren Ansichten eines fortschreitenden, sich regelmäßig entwickelnden Staatslebens der freie Sinn erhalten hat." Gerade deshalb war es Humboldt auch niemals um die bloße Freiheit, als bloße Norm des gesellschaftlichen Daseins, ohne echten, würdigen Inhalt zu thun. 1834 spricht er sich über die Vereinigten Staaten in ^Nordamerika aus: „In den Vereinigten Staaten ist allerdings viel Liebe für mich erwacht, aber das Ganze gewährt mir dort den traurigen Anblick, daß die Freiheit nur ein Mechanismus im Elemente der Nützlichkeit ist, wenig dort veredelnd, das Geistige und Gemüthliche anregend, was doch der Zweck der politischen Freiheit sein soll. Daher Gleichgültigkeit gegen Sklaverei. Aber die Bereinigten Staaten sind ein Cartesianischer Wirbel, Alles fortreißend, langweilig uivellirend." — Mit dem vorletzten Passus deutet Humboldt au, was ihm an der nordamerikanischen Freiheit besonders widerwärtig war. Eine Freiheit, neben welcher und innerhalb derer die Sklaverei besteht, kann in der That nur noch eine äußerliche Bedeutung haben. Humboldt hatte dieses nmerikanische Sklaventhum in Süd und Nord, diese Hinterlassenschaft der Spanier, in seiner ganzen Abscheulichkeit kennen gelernt, er mochte wohl auch schon damals erkannt haben, was jetzt überzeugend nachgewiesen ist, daß dieses Sklaventhum nicht blos von humanem und sittlichem, sondern auch von nationalökonomischem Standpunkte, also aus ganz materiellen Gründen verwerflich ist, indem die sklavenhaltendeu Staaten -Nordamerikas in Bevölkerung, Besitzstand, Produktionswerth, in Ackerbau und Bodeuwerth weit hinter den sklavenfreien Staaten zurückgeblieben sind und immer rückgängiger werden*). Humboldt spricht daher häufig sein Berdarnmungsurtheil über die Sklaverei in Nordamerika aus?'' So war es *) S. R. Helper: tlie mipcinlinft’ Crisis of tlie South,

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