Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1869)
- Date
- 1869-10-12
- Page
- Seite 822 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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822 die hiesigen Verhältnisse nicht kennt, so wird er leicht die Beute des ersten besten gewissenlosen Gutsbesitzers. Zu Feldarbeiten qualifieiren sich aber die Juden nicht besonders; auch ist ihnen die Auswanderung zu diesem Zwecke für jetzt noch nicht gestattet. Es herrscht hier aber überall, :— mit Ausnahme der westlichen Provinzen, wo die Juden massenhaft leben — selbst in den Residenzen, ein ebenso großer Mangel an Handwerkern überhaupt. Ein intelligenter Gutsbesitzer will für sich Ackerbaumaschmen aus England kommen lassen; aber er kann dies nicht thuu, weil es meilenweit keinen Schlosser giebt, der die Maschinen zusauuuensetzen und nn Nothfalle einen ausgebrochenen Zahn in einem Rade ersetzen könnte. Jeder Handwerker, der nicht trinkt, kann hier überall (wie oben) ein reichliches Auskommen finden. Als es noch den Juden nicht gestattet war, als Handwerker im Innern Rußlands zu leben, wohnten solche in vielen Gouvernements- und Kreisstädten und die Behörden drückten dabei die Augen zu, weil man den jüd. Goldarbeiter oder Uhrmacher nicht entbehren konnte. Der jüd. Handwerker, wenigstens der in den größeren Städten, arbeitet nicht schlecht; er arbeitet nicht so gut wie der deutsche, aber besser ltiib reeller als der Russe; ja es giebt jüdische Goldarbeiter , Steinschneider und Drechsler, die wahrhafte .siünfttcr sind, die aber in ihren Restern ungekannt verkommen. Mmr kann mit Sicherheit darauf rechnen, daß der jüd. Handwerker, der im Allgemeinen nüchtern, fleißig, emsig ist und sich mit geringem Gewinn begnügt, überall im Innern Rußlands, nach Ueberwindung der ersten Schwierigkeiten, sein Brod finden, ja nach einigen Jahren sein reichliches Auskommen haben wird. Es giebt also, meines Erachtens, nur ein Heil für die hungernde Masse in den westlicken Provinzen, und dieses ist, die Auswanderung der Handwerker nach dem Innern Rußlands, wodurch diese einer glücklichen Zukunft entgegengehen und die Zurückbleibenden Lust bekommen werden. Ein großer Uebelsiauv bei einer solchen Auswanderung ist und bleibt: die Verpflichtung für die Auswanderer, jährlich ihre Pässe aus der Heimath erneuern zu müssen; dies ist unzweifelhaft ein sehr großer Uebelstand; aber derselbe könnte mit der Zeit auf dem Wege der Gesetzgebung beseitigt werden, was hoffentlich auch geschehen wird. Tie Thätigkeit der ausländischen Eomiiös müßte sich fast ausschließlich darauf beschränken, Geld zu sammeln und so dadurch jene Auswanderung zu ermöglichen; denn dieselbe ist mit sehr großen Kosten verbunden, da der Auswanderer doch so viel mitbekommen muß, um die ersten Monate leben zu können, bis er in seinem neuen Wohnsitze bekannt wird und Arbeit bekommt. In Kowno hat sich ein Centralcomitv zur Beförderung der Auswanderung gebildet; ich habe vor einigen Tagen ihre Statuten gelesen, welche der Negierung zur Bestätigung vorgelegt werden sollen; ich fand sie im Ganzen gut und praktisch. Einige Vorschläge zur Abänderung sind hier gemacht worden, welche vom Comita in Kowno wohl werden acceptirt werden. Meine Stellung und meine Beschäftigung gestatten mir nicht, Correspondenzen für Zeitungen zu schreiben, wozu mir übrigens auch die Neigung fehlt. Aber das Elend der armen Juden greift mir an's Herz; ich sehe in Deutschland den besten Willen und den heiligsten Eifer, aber zugleich die verkehrtesten Pläne und Vorschläge auftauchen. Ich halte es daher für meine Pflicht, meine Erfahrungen mitzutheilen, welche auf positiven Thatsachen beruhen. Ich muß daher darauf entschieden dringen, die Kräfte nicht zu zersplittern und alle Thätigkeit auf die Beförderung der Auswanderung nach dem Innern Rußlands zu concentriren. —" Wir bemerken noch, daß Herr Blumen au in Bielefeld ein Subcomitö gebildet hat. In gleicher Weise bildete sich ein SubcomiL6 in Nienburg a. d. Weser, und sandte die dortige Gemeinde durch Herrn Jonas Valentin 15 Thaler ein. Ferner sandte Herr B. Holländer 26 Thlr. ein, nämlich: von der Synagogen-Gemeinde zu Leobschütz pro 1869 15 Thlr., von der Zülzer Syn.-Gem. pro 1869 5Thlr., B. Holländer pro 1869 5 Thlr., L. Goldberger 1 Thlr., Herr Lehrer Oppenheimer in Coesfeld ges. 6 Thlr. Alexander von Humboldt als Politiker. Zu dessen Säcularfeier. (Fortsetzung und Schluß.) Aus allen diesen Einzelnen Zügen und Aeußerungen ist uns das Bild des großen Mannes auch nach seinen politischen Ansichten schon näher getreten. Erhellen wir es uns jetzt noch mehr durch den Blick auf seine allge-