Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1869)
- Date
- 1869-10-12
- Page
- Seite 821 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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821 daraus ersehen, welche Fortschritte die Juden hier in den letzten 20—30 Jahren gemacht haben. Der Grund des Uebels liegt nicht in dem angeblichen Zurückbleiben der Juden gegenüber der fortschreitenden russ. Civilisation. Die wahre Ursache des Elends ist die frühere beschränkende Gesetzgebung und die große Verarmung jener Provinzen überhaupt durch den letzten polnischen Aufstand und dessen Folgen. Der Jude lebte direct und indirekt vorzugsweise von dem verschwenderischen und prachtliebenden polnischen Adel. Ein Theil desselben befindet sich in der Verbannung, der andere Theil ist völlig ruinirt und die Wenigen, welche noch Etwas besitzen, sind sparsam und ökonomisch geworden, müssen schwere Auflagen zahlen und vielleicht auch müßige Emigranten im Auslande unterhalten. Die Hauptnahrungsquelle der Juden ist denselben abgeschnitten. Die auf die Stelle der polnischen eingetretenen russischen Beamten leben ökonomisch und brauchen deu jüdischen Vermittler, ohne den der Pole fast nicht existiren konnte, ganz und gar nicht. Vom russischen Ofsicier kann gleichfalls der Jude nicht leben, da die Bedürfnisse der erster» nicht der Art sind, daß der letztere von ihnen profitiren könnte. Das Elend ist kein vorübergehendes, nicht die Folge einer ungünstigen Ernte, die durch eine günstigere gehoben werden könnte. Durch Almosen kann keine Bevölkerung von 2—300,000 Seelen auf die Länge unterhalten werden. Die Hoffnung auf Unterstützung wird auch die Bevölkerung demoralisiren und erschlaffen. Nur durch Auswanderung kann Hülfe geschehen. Aber wohin auswandern? Nach Amerika? Dies wäre freilich sehr gut, aber unmöglich. Abgesehen davon, daß nur sehr wenige Juden den Muth haben werden, nach solch unbekannter Ferne auszuwanderli, ist eine Auswanderung en masse nach dein Auslande undenkbar, da Niemand nach dem Gesetze aus Rußland auswandern darf. Freilich kann jeder Einzelne einen Platz nach dem Auslande nehmen und nicht zurückkehren; aber die Bewohner jener Provinzen bekommen jetzt sehr selten und mit großen Schwierigkeiten Pässe nach dem Auslande. Bei dieser Maßregel hatte man freilich nur die revolutionären Polen der Provinz im Auge gehabt, aber bei Beschränkungen vergißt man manchmal das classisch gewordene krome jewreeb, d. h. „mit Ausnahme der Juden" hinzuzufügen. Bei einer persönlichen Regierung wäre es zwar vielleicht au und für sich nicht unmöglich, daß den Juden die Auswanderung en wassv gestattet werde; aber von Wem könnte die Initiative dazu ausgehen? Hier kann Niemand um diese Erlaubniß bitten und ein solches Gesuch von Seiten ausländischer Gemeinden wird hier sicherlich schlecht ausgenommen werden; denn welche Regierung wird sich vor aller Welt das Armuthszeugniß ausstellen wollen, daß 300,000 ihrer Unterthancn in Folge von engherzigen, inhumanen Regierungsmaßregeln dem Hungertod preisgegeben sind? Wenn sie dies auch weiß und der Gouverneur von Kowno dies auch ausgesprochen hat, so wird man doch dies nicht vor ganz Europa an die große Glocke hängen wollen. Was geschehen könnte, wäre etwa dies: die Folge der Auswanderung nach dem Auslande in der russischen Presse anzuregen; dann könnte man diesem und jenem einflußreichen Minister privatim sagen — privatim kann man ganz ungeniert alles Mögliche sagen: — „Ihr sehet die Juden als Landesplage an, so lasset sie gehen, wohin sie wollen, besonders da Ihr nicht ohne Schuld an ihrem Elend seid." Dann könnte vielleicht im Stillen dem General-Gouverneur in Wilna ein Wink von Oben gegeben werden, den Juden Pässe nach dem Auslande zu geben. Aber dieses Alles ist nur hypothetisch und durchaus unsicher; denn die Juden könnten bei Anregung jener Frage plötzlich liebevolle egoistische Freunde bekommen, welche auf die Unentbehrlichkeit der Juden in den westlichen Provinzen hinwiesen, indem sie behaupten würden, daß jene, einmal russificirt, was doch früher oder später geschehen müßte, ein wichtiges, Rußland ergebenes Element gegen die Polen bilden würden; dadurch könnte aber auch der Auswanderung nach dem Innern Rußlands ein Riegel vorgeschoben werden. Die einzige wahrhaftige Rettung für die Juden finde ich nur in der Auswanderung der zahlreichen jüd- Handwerker nach dem Innern Rußlands und mögen Correspondenten von der Grenze, welche die hiesigen Verhältnisse nur von Hören-Sagen kennen, noch so viel dagegen demonstriren. Es herrscht hier überall ein Mangel an Arbeitern; der Ackerbau liegt schwer darnieder, weil es an arbeitenden Händen mangelt. Es giebt hier eine schwere sorgenvolle Arbeiterfrage, aber in ganz entgegengesetztem Sinne als sonst in Europa: nicht woher die Arbeit, sondern woher die Arbeiter? Man weise nicht auf die Warnungen gegen die Auswanderung nach Rußland hin. Der deutsche Arbeiter acclimatisirt sich schwer und assimilirt sich gar nicht, und kommt ein solcher Arbeiter, der die Sprache und