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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-12 · Heft 41 (12.10.1869) · p. Seite 820

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 41 (12.10.1869)
Date
1869-10-12
Page
Seite 820 (sequence 4)
Language
German
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820 zu schaffen und für Geist und Herz eine neue Realität aufzustellen. Und wie dies in der Poesie, so erscheint der jüdische Geist für die Philosophie in Spinoza nicht als ein einseitiger, sondern als ein ganzer, auflösend und schaffend zugleich. Zunächst hatte dieser Genius die Scholastik und den von dieser noch lange nicht getrennten Cartesianismus völlig aufzulösen, dann aber seine in eine weite Zukunft reichende Positivität, ja Dogmatik aufzubauen, und nachdem er mit der Vergangenheit abgethan hatte, stellte er seinen pantheistischen Deismus als die Philosophie der Zukunft auf; einer Zukunft, die erst nach anderthalb Jahrhunderten aubrach. Wir geben willig zu, daß Spinoza hiermit sich vom Judenthume entfernte, wir meinen nicht, daß der Spinozismus jemals zu der Ueberzeugung der Menschheit werden könne, aber es ist in ihm ein großes positives Philosophem enthalten, für welches die zersetzende Kritik nur die Vorarbeit lieferte. Man sieht, wir haben uns in diesem ersten Artikel nur mit einzelnen Thatsachen beschäftigt, welche jedoch jenes absprechende Urtheil schon völlig in das Reich der Fabeln und Zrrthümer verweisen. Wir gehen weiter. Die Auswanderung von Inden aus den uieflrussischen Provinzen. x. Unsere Leser haben aus den bisherigen Artikeln ersehen, daß alle sachkundigen Männer in der Auswanderung aus den westrnssischen Provinzen allein das Heil der in denselben jetzt wohnhaften Juden anerkennen, daß jene jedoch über das Ziel, wohin die Auswanderung zu leiten, getheilter Ansicht sind. Alle diese Männer sind jedoch von dem Geiste gegenseitiger Verständigung beseelt. Der Herausgeber dieser Zeitung erkannte daher, daß, um einen angemessenen Plan zu entwerfen, die Kräfte zu concentriren und die Drittel und Wege festznstellen, eine Versammlung der betheiligten Männer nothwendig sei, da auf schriftlichem Wege dies nicht möglich sein würde. Als uns daher Herr Albert Cohn in Paris sein Verweilen in Berlin auf seiner Reise nach dem Oriente (s. Nr. 40 d. Z.) kundgegeben, machten wir demselben den Vorschlag, eine solche Versammlung nach Berlin zu berufen. In Paris fand dieser Vorschlag Gehör, und da der Präsident der Alliance, Herr Crömieux, die Absicht hatte, früher oder später eine Reise nach dem Norden anzutreten, so einigte man sich dahin, daß eine Delegation der Alliance, Herrn Crömieux an der Spitze, nach Berlin sich begeben und eine Versammlung zur Besprechung über die Angelegenheit der westrussischen Juden veranlassen solle. Wir haben unsere Theilnahme an dieser Versammlung zugesagt. Inzwischen haben wir aus St. Petersburg vom 23. Sept. ein Schreiben von einem hochstehenden Manne erhalten, der die Verhältnisse der Juden genau kennt, und der es mit ihnen sehr wohl meint. Dieses Schreiben wird zur Klärung der Sache Vieles beitragen. Wir geben es hier wieder, indem wir zugleich alles Persönliche weglassen. „Die polnischen Juden haben, wie alle anderen Menschen, ihre guten und schlechten Seiten; sie haben aber seit 30 Jahren in intellectueller Beziehung ungeheuere Fortschritte zum Guten gemacht. Im Jahre 1840 hieß es bei ihnen: „ich will lieber mein Kind in's Wasser werfen, als es in eine Schule schicken." 1864 besuchten 910 jüd. Knaben die Gymnasien und jetzt wird diese Zahl wohl auf 1400—1500 gestiegen sein. Die Zahl derjenigen Juden, welche höhere Lehranstalten besuchen, ist dem entsprechend, so daß manche ängstliche Seele zu fürchten anfängt, die Zahl der gebildeten Juden könnte zu groß werden und natürlich den 70 Mill. Christen auf dem Nacken reiten. An der hiesigen Universität studiren jetzt 35 Juden, in der medicinischchirurgischen Akademie 65, in der Ingenieurschule 5. Im Senat arbeiten 10 jüd. Juristen, bedeutende Stellen einnehmend, als Secretär, Obersecretär u. s. w. und das größte Vertrauen genießend, indem ihnen geheime und sehr wichtige Arbeiten auvertraut werden- Einer dieser jungen Leute vertrat 6 Monate lang die Stelle des Präsidenten des hiesigen Commerzgerichtes. Ein anderer jüd. junger Mann arbeitete in der gesetzgebenden Commission des Justiz-Ministeriums und ist auch Mitredacteur des Journals dieses Ministeriums. Auch giebt es hier jüd. Untersuchungsrichter, hier ein hoher Vertrauensposten. Alle jüd. Beamten zeichnen sich aus durch Fleiß, Intelligenz und große, musterhafte Gewissenhaftigkeit. Der Vorsteher einer hohen Justizbehörde sagte unlängst: wenn er lauter jüd. Beamte hätte, so würde es bei ihm ganz anders gehen und er würde auch nicht so viele Beamte brauchen wie jetzt. Sie können

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