Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 41 (12.10.1869)
- Date
- 1869-10-12
- Page
- Seite 819 (sequence 3)
- Language
- German
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819 Was ihn jedoch mehr entschuldigt, ist, daß er seinen Faust zu einer Zeit dichtete, wo wirklich die Zustände trostlos geworden. Die Philosophie hatte sich in den Wolfstschen Formalismus und den populärer! Nationalismus verflacht. Alle Wissenschaften waren dürre und trocken geworden; die Politik stand entweder im Verwesungsproceß wie in Frankreich unter Ludwig XV., oder erstarrte im Militarismus und der Bureaukratie Friedrich II. und dem österreichischen Schematismus; die Poesie hatte die ersten Versuche einer verjüngten Produktivität gemacht, ohne schon eine höhere Stufe der Vollendung erreichen zu können. Aber siehe da, unbewußt stand die Menschheit vor Pforten, die sich zu öffnen im Begriff waren und zu neuen glänzenden Bahnen führten. Die kantische Philosophie mit ihren großen Nachfolgerinnen erschien, die Naturwissenschaften begannen mit der großen Entdeckung Lavoisier's ihren Siegeszug, der amerikanische Freiheitskrieg und die französische Revolution brachte das politische und soziale Leben in einen neuen, ungeahnten Fluß, und die Poesie schuf eine neue klassische Periode. Als Goethe seinen Faust dichtete, wollte die Menschheit eben in eine neue große Entwickelungsphase eintreten. Dies entschuldigt Goethe; aber er zeigt sich damit als einen Dichter der Vergangenheit, ohne jenen genialen Einblick in eine nächste große Zukunft. Dies stimmt auch mit der Aussage des Dichters selbst überein. Er sagte oft genug, daß es seine Art gewesen, wenn ihn etwas leidenschaftlich bewegte, und sich zu krankhafter Empfindung steigerte, daß er diesen Zustand zu einem Dichtwerke gestaltete, ihn damit abgethan hatte, und nun zu neuer frischer Regsamkeit herantrat. Daß er hiermit Bedeutendes schuf und für sich selbst gedeihlich wirkte, ist gewiß. Aber immerhin zeigte er sich hiermit als einen Dichter der Vergangenheit, als einen Gestalter abzuthuender Zustände; denn mit Strebungen und Hoffnungen, die in die Zukunft' hinausreichen, mit Dingen, die werden solleil und die man gebären und verwirklichen helfen will, wird man nicht fertig und will nicht fertig sein. Auch ist nicht zu übersehen, daß vor ihm und um ihn Männer in anderem Geiste arbeiteten. Lessing hatte zersetzenden Verstand und übte zersetzende Kritik genugsam; aber ihm war auch der Blick in die große Zukunft der Menschheit geöffnet, und so trat er in seinen: „Nathan" für die Religion der Humanität, und in seiner „Erziehung des Menschengeschlechtes" für die fortschreitende Entwickelung, wenn auch noch in mancherlei Befangenheit, ein, und letztere befruchtete Herder in noch größerem Maße. Schiller bildet auch hierin einen Gegensatz zu Goethe. Wir geben zu, daß Goethe selbst durchaus nicht immer in dieser Richtung gearbeitet hat. „Iphigenie", „Tasso," „Herrmann und Dorothea" und seine meisten lyrischen Gedichte verfolgen eine andere Tendenz. Aber mit jenem seinem Hauptwerke hatte er den Weg desnegirenden und zersetzenden Verstandes in imponirender Weise betreten und durchlaufen, und es ist eine reine Willkühr und nichts als das ganz gewöhnliche Boruriheil und die Vorliebe für dieses, wenn man den Juden Heine zum Vater der negirenden Richtung in der Poesie und Kritik machen will, während er im Geiste nur der Nachfolger Goethe's ist und nur in kleine Münze umsetzt, was sein genialer Vorgänger in großen und bedeutenden Medaillen ausgeprägt hatte. Sehen wir uns etwas in der Vergangenheit der Juden um, so wollen wir uur ein goßes Dichterwerk hervorheben, an das Goethe's „Faust" gerade erinnert, an das Buch „Hiob", dessen Eingang Goethe zu seinem Prologe den Gedanken gab. Im „Hiob" aber erkennen wir die Arbeit des wahren Genius, der zersetzt und zusammeusetzt, der den Boden aufräumt, und die Trümmer wegschafft, um ein neues Bauwerk aufzuführen. Im ersten Theile vernichtet der Dichter die alte Lehre von der strengen göttlichen Gerechtigkeit als dem einzigen Faktor in den Geschicken der Menschen, nach der jedes Ereigniß nur eine Strafe einer bösen oder ein Lohn einer guten Handlung sei, sodaß zugleich der Glückliche, Blühende, Bestehende als ein Gerechter und Frommer, jeder Unglückliche, Leidende, Wankende als Sünder und Frevler markirt würde. Diese Lehre zersetzt der Dichter mit der scharfen Logik der Thatsachen und der Wirklichkeit; er macht ihr unerbittlich den Garaus. Dann aber richtet er die Säulen eines neuen Tempels auf, in welchen er tröstend und aufrichtend alle gebeugten und niedergedrückten Menschen einführt; die Lehre, daß in den menschlichen Geschicken, wie in der Natur, alles seinen Selbstzweck hat und zugleich ein Glied des großen Organismus ist, die Lehre, daß alle Geschicke „zum Lichte des Lebens" führen und erheben sollen, d. h. zur Prüfung, Entwickelung und Läuterung des ringenden Menschengeistes dienen. Fürwahr, ohne hier in das Nähere eingehen zu wollen, wird man zugestehen, daß in diesem Werke der Dichtergeist nicht mit der bloßen Negation und Zersetzung sich begnügt, sondern diese nur vornimmt, um neues Leben 41*