Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-12 · Heft 41 (12.10.1869) · p. Seite 818

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 41 (12.10.1869)
Date
1869-10-12
Page
Seite 818 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226732--27663-3263253
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

818 alle vorhandenen Empfindungen auf, beleuchtet sie, sucht nach ihrem realen Inhalte, wirft ihn mit den Auswüchsen, Uebertreibungen und Verkehrtheiten zusammen, und vernichtet jene so, theils indem er sie aller Wirk-; lichkeit und Wahrhaftigkeit beraubt, theils sie der Lacher-' lichkeit und der Verachtung preisgiebt. In der entwik-' feiten Culturwelt der Menschen hat sich alles Ursprüngliche vielfach verändert, seine unmittelbare Energie zum großen Theile verloren und neben sich Schattenbilder aufkommen lassen, Schein und Trug neben der Wahrheit, neben dem Lauteren Unreines, neben dem Heiligen Unheiliges. Der zersetzende Verstand hat bei seinen Operationen den Erfolg, Alles auf den Schein und Lug, auf Unsauberkeit und Entheiligung hiuauszuführen. Bei allem Reize, den er seinen Prozessen zu geben vermag, wirkt er deshalb überaus nachtheilig, und läßt eine Oede zurück, wo vorher zwar die Blumen schon welkten, aber doch noch fruchtbaren Saamen für einen neuen Frühling versprachen. Es ist nun auch nach unserer Ansicht wahr, daß Heine eine solche zersetzende Kritik übte, und daß seine Poesie wie seine Prosa in deren Dienste stand. Aber, fragen wir, weil nun Heine zufällig als Jude geboren war, ist er darum ein Typus des jüdischen Stammes, daß man die Juden sämmtlich als von solcher Beschaffenheit und Thätigkeit des Geistes bezüchtigen darf? Wir wollen dies zuerst faktisch wiederlegeu, und zwar dadurch zunächst, daß wir Nachweisen, wie diese negative und zersetzende Richtung garnicht von Heine herrührt, sondern von einem viel größeren und echt deutschen Meister, der als ihr genialer Schöpfer anerkannt werden muß, nämlich — von Goethe! Die größte Schöpfung Goethe's, der Faust, ist nichts als ein zersetzender Prozeß in großartigem Style. Wir wollen dies in Wenigem erweisen. Was repräsentirt uns die Person des Faust selbst? Nichts anderes als das Streben und Ringen nach höherer Erkenntniß, nach Einsicht in Ursache und Zweck der Welt, nach Verständuiß des Uebersinnlichen, nach einer umfassenden und tief eindringenden Weltanschauung, nach sich vollendender Wissenschaft. Was macht nun der Dichter hieraus? Er zeigt es als nichtig, eitel, erfolglos, und allein befähigt, in das Dämonische, in den Geisterspuk, in den Aberglauben hinüberzuführen, während er den großartig angelegten Träger dieser Sehnsucht in das gemein Sinnliche herabsinken, und als einen Wüstling enden läßt, der ein unschuldiges Mädchen verführt, sie zur Mutter- und Kindesmörderin macht, ihren Bruder tobtet So die höhere Wissenschaft; die mehr materielle, auf die Erforschung des Einzelnen gehende Wissenschaft aber markirt er als lächerlichen Pedantismus, das Studententhum als Kneiperei, das Bürgerthum als inhaltlose Philisterei, die Kirche als wo gesucht und nichts gefunden wird, das ganze Leben athmet nur Gewöhnlichkeit und Gemeinheit. So wird im Faust alles Ideale zersetzt, und nichts dagegen zusammengesetzt, zerstört und nichts aufgebaut, nichts geschaffen. Der Dichter hat dies selbst gefühlt, und versuchte darum einen zweiten Theil vom Faust schaffen, der aber mißlang, nicht wegen des Alters des großen Genius, sondern weil er das Leben zu sehr aufgelöst und zerstört und in so todte Elemente zersetzt hatte, daß er ein neues Leben aus diesen zu schaffen und an die Stelle zu setzen nicht vermochte. Er bemühte sich, jenen infernalischen Prozeß auf das Mittelalter zu beschränken, diesem das Antike an die Seite zu stellen, diese beiden sich vereinigen und ein neues drittes Leben schaffen zu lassen. Aber er hatte nur zwei todte Faktoren, die kein Leben Hervorbringen konnten. Wenn man genauer nachsieht, so gewahrt man Aehnliches, wenn auch auf beschränkterem Gebiete, im „Egmont," und selbst im „Götz^. In beiden wird das Ringen nach Freiheit als ohnmächtig vor der Uebermacht des Absolutismus, ja des Despotismus gezeichnet. Die religiöse 'Freiheit und die ständischen Vorrechte werden im Egmont niedergeschlagen, denn ihre aristokratischen Vertreter sind Schwächlinge, und das Volk gemein. Daß jene dennoch auf demselben Boden zum Siege gelangen werden, kommt nicht zum Bewußtsein; der Hörer weiß es, aber der Dichter sagt es ihm nicht. Im Götz wird die Selbstständigkeit und Freiheit des ritterlichen Standes von dein kirchlichen und weltlichen Absolutismus erdrückt, und keine Andeutung sagt uns, daß dafür einstens die persönliche Freiheit ohne Standesunterschiede erblühen werde. Der Bauernaufstand wird niedergeworfen, aber mau sagt uns nickt, daß die Idee dieses Aufstandes, die Aufhebung der Leibeigenschaft, dennoch siegen werde. Wir wollen vor Allem nicht ungerecht sein. Alle diese Zeichnungen und Darstellungen enthalten viel allgemein Wahres, für alle Zeiten Gültiges, und darum vermochte ver geniale Dichter eine Menge Schlagwörter ausznsprecheu, die immer zutreffend sein werden. Nur daß er vorzugsweise die Schatten hinstellt, und sie durch wenige Lichtstrahlen nur um so greller hervortreten läßt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.