Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1869)
- Date
- 1869-10-05
- Page
- Seite 815 (sequence 19)
- Language
- German
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815 über den Weg aus Furcht vor dem „Schatten". Die allergrößte Geheimthuerei aber beobachten sie bei ihren Mahlzeiten. Da wird die Thüre trotz der Finsterniß im Innern noch verhängt und die größte Flegelei wäre es, in ein Haus zu gehen, wo die Hausgenossen am Essen sind. Eine eigenthümliche Gewohnheit, welche die Falascha mit den Christen theilen, ist: daß sie nie in ein neugebautes Haus einziehen, es sei denn „Blut darin geflossen", wie sie sich ausdrücken. Es ist ein eigentliches Opfer, besteht gewöhnlich in einem Schaaf, bei Aermeren in einer Henne. Es wird damit die Einweihung des Hauses verbunden, wo das T'alla (Bier) und nach Bermögensumständen der T'etsch (Honigwein, Meth) nicht fehlen darf. Halevy schreibt: „Die wörtliche Beobachtung der Reinigungsgesetze hat auf die Einrichtung der Falaschawohnungen Einfluß gehabt. Jede Familie muß wenigstens drei Hütten haben, von denen die beiden kleineren der Beherbergung der Personen bestimmt sind, welche mit den beiden Graden der Unreinheit behaftet sind. Diejenigen, deren Unreinheit durch ein kaltes Bad bei Sonnenuntergang getilgt wird, werden neben dem Familienhause untergebracht. Man kann hier eintreten und dem Inhaber Gesellschaft leisten. Dort empfängt man die Fremden, die nicht rein sind, sowie die Leute fremden Glaubens. Die letzte Hütte, in einem entfernten Winkel gelegen, wird für diejenigen reservirt, deren Unreinheit länger als einen Tag andauert. Die Berührung mit den Möbeln einer solchen Hütte macht unrein, deshalb vermeidet man sie zu betreten, ja selbst sich ihr nur zu nähern. Jede Häusergruppe ist von einer Dornenhecke umgeben, die nur einen Zugang läßt, und das Falaschadorf ist immer in einer beträchtlichen Entfernung von dem der Amharas gelegen und nahe einem fließenden Gewässer, wo sie ihre zahlreichen Waschungen vornehmen." Die Hauptnahrung der Falascha ist T'efsbrvd mit irgend einer Pfeffersuppe, „Wot'z" genannt. Fleischnahrung ist eine Seltenheit. Mit Ausnahme ihrer Osterfasten, wo sie aus Schimbra (eine Art Erbse) und Waizeninehl gebackene ungesäuerte Kuchen essen, wird die übrige Zeit des Jahres T'effbrod oder richtiger Kuchen gegessen. Aermere essen Schimbrakuchen oder auch von Maschella (eine kleine Art Mais, das in Sudan „Durra" heißt), oder auch von Dagusa, eine senfkornartige Frucht, die sehr schwer zu mahlen ist; das davon gebackene Brod fühlt sich unter den Zähnen an, als ob Sand darunter gemischt wäre. Solche, die keine Ackersleute sind, kaufen ihren Fruchtbedarf auf dem Markt. Von da auf dem Esel nach Hause gebracht, wird es von der Hausfrau, Magd oder Sclavin gereinigt, gemahlen, gesäuert und gebacken. Die Mühle besteht aus einem 2 Fuß langen und 1 Fuß breiten Sand- oder Trachitstein. Auf diesem wird das Getraide vermittelst eines kleineren, aber ziemlich schweren Steins derselben Art gemahlen. Die Müllerin hält den kleinern obern Stein mit beiden Händen und treibt ihn vor- und rückwärts, während dessen sie immer wieder eine Handvoll Getraide auf den großen Stein zulegt. Auf diese Weise wird das Mehl so fein, wie irgend möglich auf diesen Mühlen, d. h. es ist so wie das Griesmehl. — Das so gemahlene Mehl wird gesiebt, in hölzernen oder irdenen Schüsseln mit Sauerteig und Wasser vermengt, und zwar zu einem dünnen Teig, etwa wie für Pfannenkuchen. Dann wird es in einen großen Krug oder Kürbisflasche geschüttet, zum Säuern der Warme ausgesetzt und dann zu dünnen Kuchen von ziemlichem Umfange auf einer thönernen Platte auf Reiserfeuer gebacken. Diese T'effkuchen mit einer tüchtig gepfefferten „Wot'z" nebst Sauermilch ist das Lieblingsessen der Falascha sowohl als aller Eingeborenen. Der Wot'z wird aus geröstetem Schimbra, mit sehr viel rothem Pfeffer und einer großen Verschiedenheit anderer Gewürze bereitet, mit Butter oder Oel geschmelzt und heißt dann „Schirro". —> Sie bereiten aus Schimbra und Linsen mancherlei Arten von Wot'z; aber so verschiedene Namen sie demselben geben und so mannigfaltig auch der Inhalt der schwarzen Schüssel aussieht, so hat Alles Einen Geschinack — rother Pfeffer und das genug! — Leinsamen wird von allen Eingebornen viel gegessen — bei den Christen besonders während ihrer Fasten. Er wird auf dem Backofen geröstet, dann gemahlen und mit einer Quantität Wasser, etwas Salz und nach Belieben mit rothem Pfeffer und andern Gewürzen vermengt — und ist, so bereitet, ein schmackhaftes und kräftiges Nahrungsmittel. — Die Zubereitung des Fleisches ist etwas umständlich; es wird in kleine Stücke zerschnitten und so oft in reinem Wasser gewaschen, bis sich auch keine Spur von Blut mehr zeigt; dann wird es gekocht, mit Butter, und (versteht sich von selbst) mit Pfeffer bereitet, und je nach der Laune der Köchin wird es verschieden dressirt und benannt. (Fortsetzung folgt.) Ein kleines Zeichen der Zeit. (Eingesandt.) Wer die Wahrheit des Humboldt'schen Wortes anerkennt, daß „ohne den ernsten Hang nach der Kenntniß des Einzelnen alle große und allgemeine Weltanschauung nur ein Luftgebild sein kann", der wird es nicht verschmähen, auch den kleinern Zeichen des heutigen jüdischen Gemeindelebens seine Aufmerksamkeit zu schenken und und selbst die jüdischen Annoncen um ihr Zeugniß zu befragen. Sie reden oft deutlich genug, nicht selten deutlicher als Anerbietuugsschreiben, Danksagungen und öffentliche Kundgebungen, unv je mehr Verhüllung beabsichtigt wird, destoweniger gelingt sie. Wer kann die auf S. 724 der Nummer 36 der Allgem. Zeitung d.