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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-05 · Heft 40 (5.10.1869) · p. Seite 816

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 40 (5.10.1869)
Date
1869-10-05
Page
Seite 816 (sequence 20)
Language
German
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816 Judenth. nach „einem dem Fortschritt huldigenden Prediger" angelnde Anzeige ansehen, ohne sich mancherlei Fragen vorzulegen? Eine nicht genannt sein wollende, in der Bildung begriffene Gemeinde, die jedoch ihre Richtung aufs Bestimmteste angiebt, sucht einen Prediger und verspricht den sich Meldenden „strengste Discretion", doch nein, verspricht sie nicht, sondern erklärt sie für „selbstverständlich", also genau so, wie Heirathsgesuche auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege in die Welt geschickt werden. Nicht einmal ein Personenname erscheint; ein Buchstabe (ominös genug ein W!) und No. 6207 — das ist Alles, wozu man sich herbeiläßt. Wo befinden sich die Elemente, über welche der Di-, der Philosophie mit dem guten Organe sein Werde aussprechen soll, damit die Gemeinde erstehe? In Deutschland? in Europa? Amerika, Afrika, Australien? Es giebt der deutschen Zuden genug in allen Welttheilen, die sich zu einer Reformgemeinde zu vereinigen im Stande sind. Also auf solch vage Anzeige hin erwarten heutige Leiter des Judenthums, daß Theologen, die „hervorragende talmudische Kenntnisse" besitzen, sich melden und gar ihr „curriculum vitae“ einsenden sollen? Sw sollen also ihren ganzen Lebens- und Bildungsgang, sowie ihre theologische Richtung bloslegen, ohne einmal den Namen des Empfängers zu kennen? Ohne also auch nur den geringsten Maßstab für den Werth der „selbstverständlichen Discretion" zu besitzen? Die Aufforderung gleicht einer Rüstung; das Visir ist zwar aufgeschlagen, aber es ist kein Gesicht dahinter. Vor dieser hohlen Gestalt soll der Bewerber sein sehnsuchtsvolles Herz ausgießen, seinen Liebesantrag hinlegen und — weiter ziehen; gefällt er, so wird er eine wahrscheinlich ebenso mysteriöse Antwort erhallen; gefällt er nicht — nun so erhält er seinen Antrag zurück und kann sich damit trösten, daß er wenigstens diejenigen nicht kennt, die ihn auslachen. Wer sich dazu versteht, muß wirklich mehr als „Ein gutes Organ" besitzen oder in demjenigen, was man gewöhnlich den König des ganzen Körpers nennt, eine nicht mehr anderweitig zu befriedigende Noth empfinden. Vielleicht belehren uns die Herren Anzeiger, wem denn eigentlich die Geheimthuerei zu Gute kommen soll. Fürchten die Candidaten für eine zu bildende Reformgemeine sich bloszustellen? Oder will man die Herren Prediger vor übler Nachrede schützen, falls kein Engagement zu Stande kommt? Wahrlich, ein schönes Beginnen für ein Werk, in dem Wahrheit und offenes Bekenntniß doch keine unbedeutende Rolle spielen sollen. Das Geheimniß muß doch einmal offenbar werden: denn die zu bildende Gemeinde wird als Nachahmung der Berliner Reformgemeinde unmöglich zu verkennen fein, da letztere doch bis jetzt (wir glauben mit Einer Ausnahme in Amerika) vereinzelt dasteht, es sei denn, daß das Geheimniß noch weiter beibehalten, und statt des öffentlichen, ein geheimer Gottesdienst mit verschlossenen Thüren abgehalten wird! Schritte, wie die, zu welchen sich die im Keimen begriffene Gemeinde gezwungen zu sein wähnt, können den Freund des Fortschritts, insbesondere den Freund der Berliner Reformgemeinde, nur mit Schmerz erfüllen. Sie sind ein neuer Beweis dafür, daß die Gemeinden selbst vielfach die Schuld tragen, wenn der Geistliche die ganze Wahrheit für sich behält und seinen Hörern nur soviel davon mittheilt, als sie hören wollen und mit seiner Stelle verträglich ist. Der begeistertste Verehrer der Wahrheit wird zuletzt dahin gebracht, immer vorerst auf seine Sicherheit zu denken; in der Anzeige wird ihm wenigstens ein Fingerzeig in dieser Richtung gegeben, und alles Deklamiren gegen Priesterthum und Muckerei kann die Lehre nicht in Vergessenheit bringen. Es ließe sich noch gar Manches über den Inhalt der Anzeige sagen, so z. B. darüber, daß „der Prediger ein gutes Organ haben solle", da doch Kenntniß und Organ noch immer keinen guten Redner machen; auch das der Berliner Reformgemeinde gespendete Lob, welches hier durchaus nicht als unverdient bezeichnet werden soll, nimmt sich, als Theil einer Meldungsaufforderung, komisch genug aus, besonders, wenn man die Bescheinigung der Majorennität und das Adverb „höchst religiös" nicht außer Acht läßt. Man kommt unwittkührlich auf allerhand Vermuthungen, die man aber lieber für sich behält; da hat man doch sein eigen Theil an diesen neuesten Mysterien des Judenthums. 6. Curiosltm. Man schreibt aus Ungarn, daß im Ungher Komitat eine Räuberbande aufgetaucht ist, die ein Programm ihrer „Wirksamkeit" herausgegeben hat. Die ehrenwerthe Association wird sich darauf beschränken, den Adligen, Geistlichen und Juden ihr Geld abzunehmen und deren Hornvieh nach Galizien zu treiben. Man sieht hieraus, daß die Juden in Ungarn doch in andere Gesellschaft gebracht werden, als in Preußen, wo der Graf Brühl bekanntlich die Juden nur den Kramern und Postschreibern zugesellt hat. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld« Verantwortlicher Redakteur IVr H. Lotze.

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