Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1869)
- Date
- 1869-10-05
- Page
- Seite 808 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226731--27650-3263239- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
808 langen, nack welchen die Landbevölkerung mit den unter ihnen lebenden Juden vollkommen zufrieden sei. Frankreich. Paris, 23. Sept. lPrivatmitth.) In diesen Tagen wurde mitten in die katholische Welt eine Fackel geworfen, welche weithin erleuchten, aber auch einen Brand entzünden kann; beides wäre jedoch der heutigen katholischen Welt zu wünschen. Die Ultramontanen haben in dem letzten Jahrzehnt die Meinung verbreitet und aufrecht erhalten, daß die katholische Welt den fanatischen Ansichten der Römlinge in völliger Einheit ergeben sei, daß sie eine geschlossene Kette bilde, wo Glied in Glied bis zum letzten Ende und Ziele unbedingt in einander greife. In dieser Ueberzeugung, die sie theils gehegt theils vorgegeben, wurde der Syllabus erlassen, wurde das ökumenische Concil berufen, die Unfehlbarkeit des Papstes als zukünftiges unbedingtes Kirchendogma voraus verkündet, und dies alles als durch die völlige Einheit und Einigkeit aller kirchlichen Würdenträger gestützt und fest begründet dargestellt. Bis vor kurzem mußte man auch wirklich hieran glauben, und jeder, welchem Menschenrechte und Freiheit, Klärung und Erleuchtung des Geistes am Herzen liegt, konnte sich der Trauer und einer düsteren Ahnung eines bevorstehenden großen Kampfes nicht entschlagen. Die Geister des Mittelalters schienen nicht bloß über die Bühne des Lebens zu schlüpfen, sondern noch einmal Fleisch und Knochen zu erhalten, um Schwerter zu ziehen und Scheiterhaufen anzuzündcn. Die schwächliche Opposition, welche sich in den koblenzer und bonner Adressen kund that, und alsbald auf die Antworten von Köln und Trier schnell wieder verstummte, und selbst durch das zustimmende Schreiben des sterbenden Montalembcrt nicht gestärkt ward, mußte erst recht jene Befürchtung befestigen. Bedeutender schien bereits der Hirtenbrief der zu Fulda versammelten deutschen Bischöfe, der zwar die Gläubigen auch an den heiligen Geist verwies, welcher in dem Concil nur die Wahrheit und Rechtgläubigkeit zur Aussprache bringen könne, doch aber versicherte, daß alle Beschlüsse der Versammlung nur aus dem tradirten Material der Kirche hervorgehen und die moderne Gesellschaft nicht gefährden würden. Allein man weiß, wie künstlich die Interpretation mit allen solchen Phrasen hinterdrein umzugehen versteht, und wenn man sich die meisten der Herren, welche in Fulda zusammen gekommen, ansieht, so vermag eiue Beruhigung aus jenem Hirtenbriefe so wenig zu erfließen, wie aus den Gutachten der Münchener Fakultäten, welche als die einzige Schutzwehr die Interpretation der künftigen Concilbeschlüsse hinstellten. Da wurde nun vor einigen Tagen im hiesigen „Temps" ein Protest des P. Hhacinth veröffentlicht, der unumwunden und in entschiedenster Weise den Ultramontanen einen Absagebrief und einen Fehdehandschuh in's Gesicht schleudert. Die Sensation, welche dieses, von der heißesten Begeisterung für Wahrheit und Recht diktirte Schreiben, das dennoch die treueste Anhänglichkeit an die katholische Kirche athmet, in allen Kreisen der Weltstadt erregte, eine Sensation, die sich schnell über ganz Frankreich und von hier über die civilisirte Welt verbreitete, ist eine außergewöhnliche, und da sie nicht ohne Antwort und Gegenwirkung bleiben kann, muß sie die bis jetzt verborgene Parteiung im Schoße des Katholizismus an das Licht des Tages bringen, und kann so vielleicht von ungeahnten Folgen sein. Jetzt muß es sich zeigen, ob die vorgebliche Einheit, die allein dem Concil eine nachhaltige Wirkung sichern könnte, ja ob nur eine überwiegende Majorität für die Pläne der Jesuiten und des von diesen geleiteten Papstes vorhanden ist, oder ob der Druck, den jene Partei auf alle Glieder des katholischen Klerus ausübte, nunmehr, nach dem Beginn der natürlichen Reaktion, gesprengt zu werden vermag. Wer ist dieser Pater Hhacinth? Nichts als ein einfacher Mönch aus dem Orden der Karmeliter. Aber er ist ein eminenter Kanzelredner, gegenwärtig der bedeutendste und berühmteste in Frankreich, dessen Predigten in der Notre-Dame in Paris den außerordentlichsten Zufluß von Zuhörern erwirkten und einen mächtigen Einfluß ausübten. Der Orden war stolz auf ihn, der französische Klerus betrachtete ihn als eine seiner festesten Säulen. Aber so strenger Katholik er ist, so war er doch stets vom Geiste einer gewissen Freisinnigkeit beseelt, er suchte die Freiheit, wo er sie zu finden glaubte, und erkannte sie überall willig an. So äußerte er sich auch in mehreren Predigten und Vorträgen höchst anerkennend über das Judenthum, und verdammte selbst den Protestantismus nicht mit dem Feuereifer, den die Jesuiten verlangen. Man beschuldigte ihn daher seit einiger Zeit des „Judenchristenthums", und man kann sich denken, welchen