Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-05 · Heft 40 (5.10.1869) · p. Seite 809

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 40 (5.10.1869)
Date
1869-10-05
Page
Seite 809 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226731--27651-3263240
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

809 Unwillen er in gewissen Regionen erregte, als er vor kurzem in einer Versammlung den Katholizismus, das Judenthum und den Protestantismus die drei Religionen der civilisirten Welt nannte. Die Folgen blieben nicht aus. In Paris existirt ein geheimes Glaubenstribunal , welches alle Kleriker auf Schritt und Tritt überwacht, und über sie nach Rom berichtet. Dem Pater Hyacinth kamen von seinem Ordensgeneral in Rom Mahnungen und Warnungen, und endlich das strikte Gebot zu, im Geiste des Ultramontanismus zu predigen und niemals wieder Ansichten, welche die Vereinbarung der katholischen Kirche mit den Grundsätzen der modernen Gesellschaft, die der Shllabus doch als Teufelswerk und Höllenerzeugniß verurtheilt hat, zum Inhalt und Zweck haben, auszusprechen , wenn er nicht seine Kanzel verlieren wolle. Pater Hyacinth gab diesem Befehle eine Antwort in dem oben besprochenen offenen Sendschreiben, in welchem er unumwunden das ihm zugekommene Verbot seines Ordensgenerals bespricht, die Inkonsequenz, welche der letztere dadurch an den Tag gelegt, daß er früher alles gelobt habe, was er jetzt tadele und verwerfe, darlegt, jedweden Glaubenszwang zurückweist, dem er sich niemals unterwerfen werde, und schon jetzt die ausdauerndste und nachdrücklichste Opposition gegen das Concil ankündigt, wenn es etwa die Grundsätze sanctioniren würde nach welchen jetzt schon der Ordensgeneral auf Befehl der jesuitischen Partei in Rom handele. Der Verfasser dieses Schreibens bedient sich dabei der ganzen glühenden Beredtsamkeit, die ihm zu Gebote steht, und die Wahrhaftigkeit seines Wesens tritt mit solcher Mächtigkeit hervor, daß jedes seiner Worte hinreißt und zündet. Hieraus erklärt sich hinlänglich die Bewegung, welche es in der hiesigen Welt hervorgerufen hat. Das Weitere muß man abwarten; und so erlaube ich mir nur noch einige allgemeine Bemerkungen hinzuzufügen. Was man auch über die gegenwärtigen Franzosen meint und sagt, es zeigt sich in diesem Vorgänge abermals, daß sie noch nicht verlernt haben, die Anreger und Vorkämpfer kür die ganze civilisirte Welt zu sein. In Deutschland versteht man in der That nur zu brechen, nicht aber sich zu biegen und zur rechten Zeit mit erhöhter Elastizität sich aufzurichten. Die Reformation brach Deutschland in zwei Stücke aus einander und entfremdete die deutsche Nation sich selbst. Seitdem liegen die beiden Bruchstücke getrennt von einander, und selbst der erwachte Nationalgeist ist nicht im Stande, eine Brücke zu schlagen. In den Franzosen war das Nationalgefübl zu stark, um sich auf die Dauer aus kirchlichen Gründen eine solche Spaltung gefallen zu lassen. Dagegen ließ man sich eben so wenig das römische Joch aufbürden, und die gallikanische Kirche erkämpfte und bewahrte sich eine bestimmte freiere Stellung, von der die katholische Kirche in Deutschland nichts besitzt. Freilich haben diese gallikanischen Freiheiten seit dem ersten Napoleon stark gelitten, aber ihr Geist blieb vorhanden und beginnt wieder zu erstarken. Denn schon in diesem Augenblicke sollen bei Pater Hyacinth über fünfzig Zustimmungserklärungen aus den Reihen der französischen Prälatur eingelaufen sein. Kurz, in Frankreich ist der Herold aufgetreten: welchen Widerhall wird er in der übrigen Welt finden? Paris, im September. (Privatmitth.) Das Centralcomits der Alliance israelite universelle hat wie gewöhnlich die Protokolle seiner Sitzungen während des ersten Halbjahres 1869 herausgegeben. Es hat deren sechs abgehalten. Wir erfahren daraus nichts Neues. In Rumänien, Serbien, Tunis und Marokko versuchte die Alliance durch den Einfluß der französischen Diplomatie eine bessere Lage der dortigen Juden zu erwirken, ohne daß dies, wie bekannt, wirklich gelartg. Im Tunesischen sind die Israeliten ganz besonders Gegenstand heimlicher Mordanfälle. Die von der Alliance im Oriente angelegten Schulen erhalten sich zumeist in einem guten Zustande, nach den Berichten. Es werden viele neue Mitglieder, namentlich aus Deutschland angemeldet, aber man erfährt auch diesmal nicht, wie viel wirkliche Mitglieder der Verein zählt, da weder der Abgang noch die Totalsumme angegeben werden. Für die beabsichtigte Ackerbauschule bei Jaffa sind bereits circa 35,000 Frcs. (9300 Thlr.) gezeichnet; der Urheber des Planes, Herr Netter, will den Versuch selbst unternehmen. Paris, 26. Sept. (Privatmitth. Herr Albert Cohn wird in den ersten Tagen des Oktobers eine abermalige Reise nach dem Oriente antreten. Er wird auch einige Tage in Berlin verweilen, um die Angelegenheit der westrussischen Juden zu besprechen. Es sind in Paris außer den 24,000 Frcs. der Freiherrn von Rothschild bereits über 50,000 Frcs. für die Zwecke jener Auswanderung gesammelt worden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.